Markus Wirthmann | Kritik
Hundert nackte Tatsachen
Ein Fotoroman vom Rande eines Großereignisses – Die Performance VB 55 von Vanessa Beecroft in der Neuen Nationalgalerie, Berlin.

Mehr als Tausend Menschen fanden sich in der Schlange vor der Nationalgalerie wieder – Beinahe wie neulich bei der MOMA-Ausstellung.
Da man die Eintrittskarte für die Performance VB 55 (10 € + 2 € Versand) schon per E-Mail bestellt und auch gleich online bezahlt hatte, musste man sich beim Anblick der einige hundert Meter langen Schlange kein Kopfzerbrechen machen. Anscheinend hatte die Ankündigung, dass die Künstlerin Vanessa Beecroft für eine Performance einhundert nackte Frauen in der Neuen Nationalgalerie versammeln wollte, ihre Wirkung getan. Was dem Kunst-Insider bekannt war, nämlich dass Beecroft in ihren Performances nahezu immer mehr oder weniger Nackte um sich versammelt, war doch einer ganzen Reihe der Schlangesteher nicht geläufig.

Der weiße Zipfel auf diesem Foto entpuppte sich nach kurzer Zeit als Teil des schon-online-bestellt-und-gezahlt-aber-nicht-zugeschickt-Schalters. Irgendetwas muss hier gründlich schief gegangen sein und die für den Postversand vorgesehenen (und auch bereits kuvertierten und adressierten) Eintrittskarten fanden sich in den Händen zweier Damen wieder, die versuchten die Aushändigung eben jener Karten möglichst geregelt abzuwickeln.

Eine der beiden oben bereits erwähnten Damen sah sich derart von der mittlerweile sehr ungeduldigen Menschenmenge bedrängt, dass sie die vor Ort im Einsatz befindlichen Ordnungskräfte um Hilfe anrief. Die wiederum holten Verstärkung, was schließlich ein bisschen Ordnung in die Sache brachte: Mittels der On-Board-Lautsprecheranlage eines Polizeifahrzeugs konnte der Menge mitgeteilt werden, dass es keine Karten mehr an der Abendkasse gab.

Es wurde nicht deutlich, ob dieser Herr gegen das Eintrittskarten-Chaos oder gegen die zu erwartenden nackten Tatsachen in der Nationalgalerie vorging. Auf jeden Fall hatte er guten Rat zur Hand, bzw. auf dem T-Shirt: Tut Buße!

Ein Blick durch die Seitenfenster der Neuen Nationalgalerie. Irgendwo im Zentrum der Menge mussten sich die hundert Nackten befinden.

Am hinteren Ende des Glaskubus konnte man eine ganze Menge Kunstfreunde finden, die versuchten dieses Kunstwerk, die Skulptur aus hundert nackten Leibern und Feinstrumpfhosen, auf die Speicherkarten ihrer Digitalkameras zu bannen.

Tatsächlich war es möglich, sich durch die hinteren Fenster der Neuen Nationalgalerie ein Bild zu machen. Hundert fast nackte Damen inmitten von viel mehr angezogenen Damen und Herren.
Markus Wirthmann, 09.04.05 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor
Kunst-Blog.com, Copyright 2005-08. Alle Rechte vorbehalten.
Soweit nicht anders angegeben liegen die Rechte bei den jeweiligen Autoren und Künstlern, die die Urheber der Beiträge sind, und bei Kunst-Blog.com. Für Webseiten, auf die von dieser Site aus verlinkt wird, sind ausschließlich die Betreiber der jeweiligen Angebote verantwortlich.
Kommentare
Schreiben Sie einen Kommentar zu »Hundert nackte Tatsachen«
Danke für Ihre Anmeldung,
.
Sie können jetzt Ihren Kommentar schreiben. | Abmelden