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Markus Wirthmann | Kritik
KünstlerKritiker
Zum Verhältnis von Produktion und Kritik in bildender Kunst und Musik

Ein Abend im Hansaviertel
Zum Auftakt der „interdisziplinären Tagung im Rahmen des Sonderforschungsbereichs 626 der FU Berlin, Ästhetische Erfahrung im Zeichen der Entgrenzung der Künste“ fand am 15.04.2005 in der Akademie der Künste, Berlin-Tiergarten, ein Podiumsgespräch unter dem Titel „Produktion und Kritik“ statt.
Aus gegebenem Anlass, der Existenz von Kunst-Blog.com und dem Wunsch, diese Tatsache in die Welt zu tragen, besuchte ich das Podiumsgespräch. Meinerseits rein neugierdehalber – Theorie ist nicht so mein Ding, besonders an Freitagabenden, wenn man den Wissensdurst in den Galerien stillen könnte – radelte ich ins Hansaviertel. Eigentlich bietet das spröde 60er Jahre Ambiente der alten Akademie ja eine wirklich schöne Kulisse für ernsthafte Podiumsveranstaltungen.
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18.04.05 | Permalink | Kommentare (0)
Adib Fricke | Kritik
Plötzlich kam der Geheimdienst in die Galerie

Ausstellungsankündigung der Class Curtain Gallery
Es ist immer wieder erstaunlich, wie die Reiz-Reaktions-Kette zwischen einer mittelmäßigen, politisch motivierten Kunstausstellung und staatlichen Kontrollinstanzen zu funktionieren scheint. Die Class Curtain Gallery, eine Hochschulgalerie des Columbia Colleges in Chicago, zeigt in einer aktuellen Ausstellung unter dem Titel Axis of Evil: The Secret History of Sin mehr oder weniger platte Bildchen. Die Motive der 47 Künstler aus 11 Ländern sind briefmarkenähnlich auf kleinen Druckbögen zusammengefasst und können wohl auch an Perforationslinien getrennt und dann einzeln auf Briefe oder sonstiges aufgeklebt werden. Sie zeigen z.B. eine Bildsequenz, in der ein Flugzeug in den Sears-Tower in Chicago fliegt, in einem Folgebild ist das Hochhaus dann nicht mehr zu sehen. Manhattan lässt grüßen. Oder ein Bild mit Körpern von Gefangenen in Abu Ghraib, die das Gesicht von John Ashcroft überlagern.
Wie die Chicago Sun Times berichtete, lockte diese Ausstellung, wohl insbesondere wegen des Briefmarkenmotiv von Al Brandtner, in dem der amerikanische Präsident George W. Bush eine Waffe auf den Kopf gerichtet bekommt, den amerikanischen Geheimdienst zu einem Ausstellungsbesuch kurz vor der Eröffnung. Die Mitarbeiter des Secret Service machten Fotos von der Ausstellung und erkundigten sich bei der Direktion, was die Bedeutung der Kunstwerke sei. Soviel Interesse gibt es eigentlich selten in einer Kunstausstellung. Leider wollte der S.S. -- so die Abkürzung für den US-Geheimdienst in einem amerikanischen Blog -- auch noch Adress- und Telefondaten der Künstler erhalten, und dies wohl nicht, um den einen oder die andere der Teilnehmenden zum Essen einzuladen und über den Erwerb einer der Arbeiten zu sprechen. Damit war die kleine Sensation perfekt, die der Ausstellung nun über Zeitungsartikel und Weblogs mehr Aufmerksamkeit beschert als sie sie vorher bei der ersten Station in Philadelphia erlangt hatte, wo nur ein »gewöhnliches Ausstellungspublikum« zu Besuch kam.
14.04.05 | Permalink | Kommentare (0)
Adib Fricke | Kritik
Kinderkram von Damien Hirst, seziert

Jerry Saltz, Kolumnist der Village Voice, New York, besuchte die Ausstellung The Elusive Truth (»Die trügerische Wahrheit«) von Damien Hirst in der Gagosian Gallery und, die Bildunterschrift zum Artikel, Dissecting Hirst’s no-brainer, sagt es schon, nahm sie ziemlich heftig auseinander. Die 31 Gemälde aus Hirsts »neuer, trauriger Ausstellung«, werden runtergeputzt, ja, auf akademisches Niveau zurecht gestutzt. Der Autor sieht in den Bildern keine Malerei mehr, eher den Versuch, mit einem unterdurchschnittlichen Fotorealismus zu Punkten, den jeder halb-begabte Student oder mittelmäßige Gebrauchskünstler hätte besser machen können. Doch das allein macht die Ausstellung nicht zur »traurigen Show«. Auch nicht die Tatsache, dass die Bilder von Hirsts Assistenten gemalt wurden, obwohl die Galerie die (Mit)Urheberschaft des Künstlers noch durch den Satz »Damien worked on every one.« beschworen haben soll.
Das Traurige wird für Saltz vor allem darin sichtbar, dass »der Rebell von 1988« mit »null-acht-fünfzehn Sensationsmotiven« zum »null-acht-fünfzehn Künstler« abgestiegen sei. Nur die Marke Hirst bleibt bestehen, das Beste was über die Bilder der Ausstellung, die alle übrigens schnell für viel Geld verkauft waren, noch zu sagen sei, ist dass Hirst im Raum zwischen Gemälde und Maler arbeite:
»The best that can be said about these canvases is that Hirst is working in the interstice between painting and the name of the painter: Damien Hirst is making Damien Hirsts. The paintings themselves are transparent; in effect they are only labels—carriers of the Hirst brand. They’re like Prada or Gucci. You pay more but get the buzz of a brand. For between $250,000 and $2 million, rubes and speculators can buy a work that is only a name. As Hirst has said, "They’ll buy what you fucking give them." This isn’t only bad art, it’s bad thinking.
Every painting is sold, which isn’t surprising in these times when collectors buy what other collectors buy, advisers sell art over the phone, and artists wonder if their prices should be higher. Buyers get a placeholder: A painting by a big name with a big price tag that presumably will command an even higher resale value. Hirst & Co. have created a perfidious feedback loop where everyone gets to snicker at everyone else. We sneer at Hirst, his dealers, and his collectors for having bad taste and bad values; they scoff at us for being old-fashioned, out-of-the-money sourpusses. We all tell ourselves what we already know. The only thing at stake is gamesmanship.«
Addicted to Crack, Abandoned by Society, Football Violence, Vivisection, so lauten beispielsweise die Bildtitel -- wen würde das locken?
12.04.05 | Permalink | Kommentare (1)
Markus Wirthmann | Kritik
Hundert nackte Tatsachen
Ein Fotoroman vom Rande eines Großereignisses – Die Performance VB 55 von Vanessa Beecroft in der Neuen Nationalgalerie, Berlin.

Mehr als Tausend Menschen fanden sich in der Schlange vor der Nationalgalerie wieder – Beinahe wie neulich bei der MOMA-Ausstellung.
Da man die Eintrittskarte für die Performance VB 55 (10 € + 2 € Versand) schon per E-Mail bestellt und auch gleich online bezahlt hatte, musste man sich beim Anblick der einige hundert Meter langen Schlange kein Kopfzerbrechen machen. Anscheinend hatte die Ankündigung, dass die Künstlerin Vanessa Beecroft für eine Performance einhundert nackte Frauen in der Neuen Nationalgalerie versammeln wollte, ihre Wirkung getan. Was dem Kunst-Insider bekannt war, nämlich dass Beecroft in ihren Performances nahezu immer mehr oder weniger Nackte um sich versammelt, war doch einer ganzen Reihe der Schlangesteher nicht geläufig.
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09.04.05 | Permalink | Kommentare (0)
Markus Wirthmann | Sonstiges
Kunst-Blog
Wie begegnet man Mangelerscheinungen?
Mit Selbsttherapie nach der Do-it-yourself-Methode!
Nachdem im April 2003 die von Christoph Blase initiierte Blitzreview nach acht Jahren ihren Betrieb einstellte und nur noch mal im August 2004 zuckte, um den Adrenalinspiegel in der Fangemeinde kurz schwappen zu lassen, war tatsächlich und in unglaublicher Weise ein Hohlraum im Netz entstanden – eine kleine aber deutlich fühlbare Laufmasche in der weltweiten Feinstrumpfhose der Kunstwelt.
Lustigerweise wurde etwa zur gleichen Zeit in den Printmedien, allen voran Die Zeit, konstatiert, dass es mit der Kunstkritik, wenn es sie denn überhaupt noch gäbe, arg im Argen liege. Die Tatsache, dass man in der gedruckten Welt so lange für diese Einsicht gebraucht hat, kann immerhin verwundern – oder sollte das auch ein Nachbeben des oben schon erwähnten Untergangs gewesen sein? Vielleicht ließ ja das plötzliche Fehlen von A die Nichtexistenz von B schmerzhaft bewusst werden – oder will wirklich jemand behaupten, die wohlmeinenden Be- und Zuschreibungen in der Presse hätten irgendwas mit Kritik zu tun?
Zweitausendfünf wurde zum Jahr des Blogs (Wikipedia) ausgerufen. Google zählt »ungefähr 231.000« Einträge für die entsprechenden Stichworte. Wieder vorne weg: Die Zeit mit eigenem Blog, gefolgt von der taz, die zwar noch keines hat, aber im Blog das probate Vehikel für die Rückkehr der Demokratie ins Internet sieht. Im englischsprachigen Raum apportiert Google 16 Millionen Einträge für ähnliche Suchbegriffe und 2004 als das entscheidende Jahr.
Der Erfolg der Blogs hat sicherlich mit der Cleverness verschiedener Anbieter zu tun, die ziemlich schnell auf das neue Suchtmittel reagierend gut funktionierende und einigermaßen leicht zu bedienende Software im Netz installierten. Vom pickeligen Teenager bis zum Uniprofessor – jeder bloggt. Jeder? Fast jeder. Im Bereich der Kunst konnte die Infektion mit dem ansteckenden Erreger bisher im Zaum gehalten werden. Doch den Rest der Welt ficht das nicht an, man vernetzt sich weiter, tauscht Wissen und Nonsens aus, debattiert mittels eingebauter Kommentarfunktion über Quantenphysik oder Verschwörungstheorien.
Eigentlich wäre zu vermuten, dass schon jemand aus den bisher genannten Punkten seine Schlüsse gezogen und sich so einen Internet-Leatherman namens Weblog geschnappt hat, um daraus eine voll dynamische und feedback-fähige Kunst-Kritik-Plattform zu schaffen. Ein bisschen wie früher bei Blitzreview. Vielfältiger, schärfer und vor allem schneller als jedes Magazin. Dabei unabhängig und streitbar zu sein sowie durch Kommentarfunktion und Gastzugang Diskussionen zu ermöglichen, alles in allem also ein demokratieförderndes Medium – das gibt es nicht. Doch, jetzt: Kunst-Blog.com
08.04.05 | Permalink | Kommentare (2)
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