Markus Wirthmann | Kritik

KünstlerKritiker

Zum Verhältnis von Produktion und Kritik in bildender Kunst und Musik

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Ein Abend im Hansaviertel

Zum Auftakt der „interdisziplinären Tagung im Rahmen des Sonderforschungsbereichs 626 der FU Berlin, Ästhetische Erfahrung im Zeichen der Entgrenzung der Künste“ fand am 15.04.2005 in der Akademie der Künste, Berlin-Tiergarten, ein Podiumsgespräch unter dem Titel „Produktion und Kritik“ statt.

Aus gegebenem Anlass, der Existenz von Kunst-Blog.com und dem Wunsch, diese Tatsache in die Welt zu tragen, besuchte ich das Podiumsgespräch. Meinerseits rein neugierdehalber – Theorie ist nicht so mein Ding, besonders an Freitagabenden, wenn man den Wissensdurst in den Galerien stillen könnte – radelte ich ins Hansaviertel. Eigentlich bietet das spröde 60er Jahre Ambiente der alten Akademie ja eine wirklich schöne Kulisse für ernsthafte Podiumsveranstaltungen.

Der Spielfeldaufbau – klassisch, ja geradezu idealtypisch: im klassenzimmergroßen Tagungsraum vorne, weit weg von der Tür, das Podium: Namensschildchen, Mikrofone, Wasserflaschen und Gläser auf weißen Tischplatten. Heiner Goebbels, Eran Schaerf, Moritz Eggert, Christian Jankowski, eingerahmt von den Kunst-, bzw. Musikwissenschaftlern Michael Lüthy und Friedrich Geiger. Schön abwechselnd ein Vertreter der jeweiligen Disziplin neben einem der anderen, damit sich die Kollegen nicht beißen würden. Was mir schon vorstellbar war, hatte man doch mit den beiden Künstler- und Musikerpaaren ziemlich konträre Charaktere zum Gespräch geladen. Außerdem Positionen, von denen man sich vorstellen konnte, dass sie sich im Dienste der Veranstaltung ziemlich am Zeug flicken könnten – wenn denn mal niemand hingucken würde.

Die Spieler – „good cop vs. bad cop“ oder „Der Schöne und das Biest“ oder „Konzept vs. Expression“. Man könnte noch hunderte solcher Antagonismen finden, die die Sache natürlich nur cartoonartig beschreiben. Irgendwie hatten die Veranstalter ein Händchen für Stereotypen. Der Reihe nach konnten die Künstler sich, bzw. ihr Werk, durch eine Videoeinspielung und ein persönlich vorgetragenes Statement vorstellen. Eines wurde hierbei schon klar: die im Untertitel genannte Entgrenzung der Künste findet in der bildenden Kunst entgrenzter statt als in der Musik. Wo die Komponisten im performativen Bereich weitgehend bei ihren Leisten bleiben, aast der bildende Produzent quer durch Künste und Wissenschaften.

Nach Vorstellung und Warmlaufen zeigten sich die Künstler auf dem Podium allerdings als Spielverderber. Irgendwie konnten sie in ihrer Arbeit einfach kein Krümelchen Kritik finden – abgesehen vom Komponisten Moritz Eggert, der mit einem für Klavier vertonten Verriss amüsierte. Allerdings stellte sich nach kurzer Weile auch ihm dar, dass die Tagungsleitung etwas anderes meinen musste.
Wenn es denn in der zeitgenössischen Praxis eine dem Werk eingeschriebene Kunstkritik geben sollte – und mir fällt so auf die Schnelle auch nur jemand wie Donald Judd ein, dessen Minimalismus wohl wirklich ein Antistatement war und der obendrein zeitweise als Kunstkritiker arbeitete – waren die ausgesuchten Beispiele falsch ausgesucht. Oder werden da Birnen mit Äpfeln verglichen und der Begriff „Kritik“ ist ein missverständlicher? Bezeichnet er im einen Fall die betrachterseitige Einordnung und Beurteilung, im anderen Fall schlicht Evolution der künstlerischen Strategien und Techniken?

In diesem Punkt scheint man von Seiten der Wissenschaft einigermaßen am Objekt vorbeigeforscht zu haben. Der Künstler folgt da der Heisenbergschen Unschärferelation: wenn man an ihm Maß nimmt, zappelt er, und zwar an den unvorhersehbarsten Stellen!

Eine neuere Arbeit von Christian Jankowski wurde exemplarisch in den Objektträger geklemmt und der Untersuchung unterzogen. Die Tatsache, dass hier mit der allerfeinsten Hollywood-Spezialeffekt-Trickkiste hantiert wurde, distanzierte das Werk dermaßen deutlich von den Camcorder-Filmchen der letzten Documenta – da musste ja Kritik drin sein. Oder Häme. Oder beides. Die Frage nach der Qualität des Filmes blieb jedenfalls ununtersucht. Das wäre ja die falsche Kritik gewesen, die von der anderen Seite, die uns jetzt gerade nicht interessierte.
Der Künstler jedenfalls, anschließend persönlich ins Verhör genommen, konnte zu dem Kritikvorwurf keine Stellung beziehen. Ganz zum Erstaunen der Gastgeber stellte sich der Künstler auch als ganz und gar unintellektuell heraus. Den Eindruck der Intellektualität konnte eigentlich auch nur Heiner Goebbels erwecken – aber der hatte geschummelt und heimlich Soziologie studiert. Die richtige Kritik hatte er allerdings auch nicht im Gepäck.

Markus Wirthmann, 18.04.05 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor

 

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