Adib Fricke | Kritik
Plötzlich kam der Geheimdienst in die Galerie

Ausstellungsankündigung der Class Curtain Gallery
Es ist immer wieder erstaunlich, wie die Reiz-Reaktions-Kette zwischen einer mittelmäßigen, politisch motivierten Kunstausstellung und staatlichen Kontrollinstanzen zu funktionieren scheint. Die Class Curtain Gallery, eine Hochschulgalerie des Columbia Colleges in Chicago, zeigt in einer aktuellen Ausstellung unter dem Titel Axis of Evil: The Secret History of Sin mehr oder weniger platte Bildchen. Die Motive der 47 Künstler aus 11 Ländern sind briefmarkenähnlich auf kleinen Druckbögen zusammengefasst und können wohl auch an Perforationslinien getrennt und dann einzeln auf Briefe oder sonstiges aufgeklebt werden. Sie zeigen z.B. eine Bildsequenz, in der ein Flugzeug in den Sears-Tower in Chicago fliegt, in einem Folgebild ist das Hochhaus dann nicht mehr zu sehen. Manhattan lässt grüßen. Oder ein Bild mit Körpern von Gefangenen in Abu Ghraib, die das Gesicht von John Ashcroft überlagern.
Wie die Chicago Sun Times berichtete, lockte diese Ausstellung, wohl insbesondere wegen des Briefmarkenmotiv von Al Brandtner, in dem der amerikanische Präsident George W. Bush eine Waffe auf den Kopf gerichtet bekommt, den amerikanischen Geheimdienst zu einem Ausstellungsbesuch kurz vor der Eröffnung. Die Mitarbeiter des Secret Service machten Fotos von der Ausstellung und erkundigten sich bei der Direktion, was die Bedeutung der Kunstwerke sei. Soviel Interesse gibt es eigentlich selten in einer Kunstausstellung. Leider wollte der S.S. -- so die Abkürzung für den US-Geheimdienst in einem amerikanischen Blog -- auch noch Adress- und Telefondaten der Künstler erhalten, und dies wohl nicht, um den einen oder die andere der Teilnehmenden zum Essen einzuladen und über den Erwerb einer der Arbeiten zu sprechen. Damit war die kleine Sensation perfekt, die der Ausstellung nun über Zeitungsartikel und Weblogs mehr Aufmerksamkeit beschert als sie sie vorher bei der ersten Station in Philadelphia erlangt hatte, wo nur ein »gewöhnliches Ausstellungspublikum« zu Besuch kam.
Adib Fricke, 14.04.05 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor
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