Kai Hoelzner | Kritik
Bier auf Wein - das lass sein
30. April bis 16. Mai 2005
Kunstmuseum Bonn

Videoparcours der Videonale 10
Zum zwanzigsten Geburtstag ist der dienstälteste Videokunst-Wettbewerb der Republik von seinem bisherigen Austragungsort, dem Bonner Kunstverein ins Kunstmuseum Bonn umgezogen. Aus 600 eingesandten Arbeiten wurden von der Jury um Georg Elben, der laut der im Katalog mitgelieferten Biographie seit 1993 als Kunstberater für die KfW Bankengruppe tätig ist, 47 Arbeiten für den Wettbewerb ausgesucht. Gut die Hälfte der für zeigenswert befundenen Arbeiten stammen aus dem deutschen Sprachraum.
Ein Großteil der präsentierten Arbeiten zeichnete sich durch einen hohen Grad an Professionalität und Glätte aus. Arbeiten wie Norden der Berlinerin Britt Dunse würden auf Arte, 3sat oder MTV sicher zum Besten gehören, was dort über den Schirm flattert, im Kunstmuseum jedoch irritiert der Aufwand bei der Postproduktion. Leider spart sich der Katalog biographische Details zu den Künstlern und informiert ausschließlich über die tollen Vitas der Juroren und Autoren - ein Manko, dass im Feld der Videokunst besonders durchschlägt, da es gerade im Videobereich durchaus eine Rolle spielen kann, ob ein piece vom Film oder von der Kunst her gedacht ist.

Roland Schappert / Michael Ebmeyer: Bar/Vegetation
Der in den vergangenen Jahren etwas gehypte Begriff vom dokumentarischen Blick blieb bei der 10ten Videonale weitgehend vor der Türe. Einzige und folgenschwere Ausnahme: Zum "Sieger" der Videonale 10 wurde Roland Schapperts Bar/Vegetation erkoren. Während die Kamera von festem Standpunkt aus 3 Minuten ein Paar mit Kind in einer Bar filmt, das der Kamera zugewandt raucht (die Eltern) und nach einem Sektglas angelt (Kind), hört man auf der Tonspur einen literarischen Text des KiWi-Autors Michael Ebmayer. Ab der Mitte läuft der Film dann rückwärts, der Ton natürlich weiter vorwärts, und hinten trifft sich das ganze wieder, bereit für die nächste Wiederholung. Kann man gut finden, muss man aber nicht. Bemerkenswert ist allenfalls die Vorliebe der Jury für Bars und kohlensäurehaltige Alkoholika.

Johanna Domke: You´ll miss what´s gonna stay
Bar-Situation und lässiges Loungen in einer Dreigleis-Projektion sah man denn auch in You'll Miss What's Gonna Stay von Johanna Domke. Auch hier ging es irgendwie um Zeit, auch hier sieht man emphatisch unaufgeregte Menschen im Club sitzen, stehen und ab und zu auch tanzen. Der grandios blödsinnige Katalogtext gibt an, es ginge um die Diskrepanz zwischen echter und erlebter Zeit. Beitrag zum Einstein-Jahr? Im Nachlass Heideggers gefundene Neuformulierung des Zeitbegriffes? Und wenn ja: Welche echte und erlebte Zeit könnte gemeint sein? Jene, die man typischerweise in Kopenhagen, Berlin oder London in einer Bar rum sitzt und auf einen Martini Dry wartet? Jene, die zum Austrinken eines Becks benötigt wird, wenn die Lichtsituation in der Bar diffus ins Flaschengrüne spielt? Oder doch jene Zeit, die man vor einer Dreierprojektion hockt und im Dämmer des abgedunkelten Saals versucht raus zu finden, was der Saaltext einem eigentlich sagen will.

Jen Liu: 2304 Is a Beer Drinking Year
Wesentlich kurzweiliger war die Behandlung des Themas Zeit und Bierflasche Jen Liu gelungen. Wunderbar zusammenbebastelte Tricksequenzen, Weltkriegssoldaten und Sternentruppen, die hochhausgroße Bierfässer aus versteckten Höhlen ziehen, schön billige, vom Stil her circa 10 Jahre alte Computeranimationen von interstellare Bierflaschen, die an Bildschirmschoner unter Windows 95 erinnern, und statt Irritationen über echte und erlebte Zeit endlich mal richtiger Content. Ein als Musikvideo für den Heavy Metal Kracher 2304 is a Beer Drinking Year getarnte Konspirationstheorie, die den Zusammenhang von Bier, Krieg, Steuern und Rüstung aufdeckt. Wieder einmal hätte man gerne aus dem Katalog erfahren, wer hinter diesem grandiosen Video steckt, wer das geschrieben und eingespielt hat. Und ob Jen Liu Frau oder Mann ist. Ob sie aus dem Königreich der Niederlande stammt, aus den USA oder von noch ferneren Gestaden nach Bonn kam... "Vergiss nicht, dass von der Steuer für zehn Biere eine Kugel bezahlt wird - sag, um was geht es - ein Glas, ein Schrei, Gitarren und Bier - um was geht es", singt die Judas-Priest-like Front-Sirene und der Kunst- und zur Abwechslung sogar auch mal der Lachfaktor ist endlich im akzeptablen Skalenbereich angekommen.

Marc Comes: Rosemarie
Zu den weiteren Getränken, die in grünen Flaschen gereicht werden, zählt der Champagner. Marc Comes führt uns mit seinen fast acht Minuten dauernden Bildsequenzen, die ästhetisch durchaus mit der Image-DVD einer Großkellerei mithalten können, eine gefühlte Stunde lang in die Abfüllanlage eines Sektherstellers, lässt dort einen weißen Esel auftauchen und wieder verschwinden und irgendwie ist am Anfang auch eine blonde Frau vor einem Tisch mit Euromünzen zu sehen. Rosemarie ist eine Hommage an Rosemarie Trockel und unterlegt ist das Ganze mit einem französischen Text, der verführerisch klingen soll und der besseren Verständlichkeit halber für die Damen und Herren aus Bonn mal ins Englische untertitelt wurde. "Durch die nicht vollständig entschlüsselbaren Bilder und Sätze bietet Comes die Möglichkeit, Bekanntes jenseits vorformulierter Erkenntnisse neu zu bewerten." So der leicht trockelige Katalogtext auf den ich mir erstmal ein Pils im Museumscafé genehmigen musste. Das wo immer so schön prickelt in meine Bauchnabel.
Egal, ob aufwändig postproduziert oder mit elementaren technischen Mitteln ironisierend: Viele Arbeiten waren dicht dran am "bösen Vater Fernsehen". Eigenartiger Weise machte der ansonsten schlampige und in seiner Informationsarmut großkotzige Katalog mit einem schönen Text zum Thema "zwischen Kino und Fernsehzimmer - Notizen zu frühen Produktions-, Ausstellungs- und Vertriebsplattform von Videokunst" auf, in dem Barbara Hess von den frühen Tagen in Gerry Schums Fernsehgalerie und so erzählt. Begleitend zur Ausstellung fand dann noch ein Symposium zur Ausstellungsgestaltung für Video- und Medienkunst statt, das sich der Frage der Präsentation von Videokunst jenseits der Black Boxes widmete. Nicht ohne Hintergrund: Zur erstmaligen Austragung im Bonner Kunstmuseum entwickelt die Videonale gemeinsam mit Architektur-Lehrstühlen der RWTH Aachen und der Bergischen Universität Wuppertal eine innovative Ausstellungsarchitektur, die die berüchtigten black boxes mit Videoprojektionen zugunsten einer leichten und offenen Präsentationsweise ersetzen sollte. Das entstandene Environment war hübsch und sicher auch nicht billig, das Kernproblem beim Präsentieren vieler Videokunstwerke besteht aber fort: Die meisten Videos fordern als zeitbasierte Kunstwerke die ungeteilte Aufmerksamkeit des Betrachters. Besonders schön wird Videokunst ja immer dann, wenn man die Arbeiten von Anfang bis Ende anschauen kann. Trotz aufwändiger Ausstellungsarchitektur wurde in den Hallen des Bonner Kunstvereins aber wieder einmal geloopt - eine Präsentationsform, die ausserhalb von Museen nur noch in Bahnhofskinos und Sarah-Young-Filialen als Non-Stop-Sex-Show anzutreffen ist. Einen Großteil der Arbeiten sah man folglich eineinhalb Mal, andere vielleicht ein halbes Mal oder irgendwie doch nur als kesse Projektion in der Nachbarschaft so aus den Augenwinkeln. Sozusagen als Diskrepanz zwischen echter und erlebter Zeit.
Fortsetzung: Wein auf Bier - das rat' ich dir folgt in Kürze
Kai Hoelzner, 18.05.05 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor
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Kommentare
Wow, ein schönes Stück! Informativ und unterhaltsam und man muss sich erstmal ein Bier aufmachen.
Qualität halten!
--- Nur nebenbei: Das Wort "Content" bitte nur abfällig benutzen, das ist nur das Zeug zwischen den Werbeschaltungen für das von Medienproduzenten fast nix mehr investiert wird. Hier ging's wohl eher um "Inhalt, Themen, Sinn..." ?
Vielen Dank für den tollen Beitrag !
Leider hab ich kaum jemals ein Video im Museum gesehen, dass mich nicht völlig frustriert hätte. Ausnahme: Fischli und Weiss, allerdings war das in einem kleinen Kinosaal innerhalb des Stedeljik- Museums Amsterdam. Video hat rabiat gesagt im Museum nichts zu suchen, sondern im Fernsehen oder im Kino. Warum stellt David Lynch denn nicht neckische Videoideen in Galerien aus, er trennt die Medien sauber, und zeigt dort Bilder, ansonsten macht er Filme. Das Museum braucht stehende Bilder, zwischen denen sich der Mensch bewegt, nicht bewegte Bilder, zwischen denen der Mensch steht.
Wer nennt ein paar beeindruckende Gegenbeispiele über die gelungene Wirkung von Videos in Ausstellungen/ Museen ? Bin gespannt. Prost
grijsz
| 19.05.05
Hi grijsz
klar, dass es mit Video in Galerien und Museen oft schwierig ist. Würde Dir aber widersprechen, dass Video da nichts zu suchen hat. GERADE DA hat es etwas zu suchen. WEIL es so schwierig ist. Video sorgt gerade dafür, dass die klassischen Funktionen von Kunst-Orten wie Museum, Galerie, Festival, Messe, Kunstraum ein bißchen angekratzt werden. Nicht nur, was die Möglichkeit der Präsentation angeht, sondern auch, was die physische Repräsentanz des Werkes betrifft. Orte wie die KunstWerke in Berlin sind auch deshalb so interessant, weil sie zumindest raummäßig einiges aufbrechen. Wodurch wiederum interessante Ausstellungskonzepte möglich werden.
Zu deiner Preisfrage: Olaf Stüber hat neulich ein Screening durchgeführt, das wirklich super war (siehe: Der Abend, an dem es anfing, Möllemänner zu regnen). Volle Hütte, geile Filme, super Kurator. So geht es zum Beispiel. Mit 'nem Beamer und vierzig Klappstühlen kann heute jeder, der 'nen Laden und 'ne weisse Wand hat, Kunstkino machen. Mein Ärger über die Videonale war, dass die so richtig 80er-mäßig ein Ausstellungsarchitekturfass aufmachen, mit Ausstellungsarchitekturkonzepten von Architekturlehrstühlen (was haben eigentlich Architekten da zu suchen?), riesen Symposium und einem schwarzen "Teppich-Parcours", der uns den Weg durch das vermeintliche Videolabyrinth zeigen sollte. Riesen TamTam also, anstatt mit der Kohle ein paar Leute wie Dirck Möllmann zu engagieren, Kirchentagshocker auszuleihen und sich einfach mal auf das Wesentliche und Naheliegende zu beschränken.
Kai
| 26.05.05
Ja, ich freue mich, dass es tatsächlich gelungene Ausnahmen gibt. Danke für Dein Beispiel von Olaf Stüber.
grijsz
| 31.05.05
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