Gastbeitrag | Kritik
Bis später
Stef Burghard
22.04.05 - 28.05.05
Jan Winkelmann / Berlin
von Henrike Schulte

Es ist schon wieder einer mit Zerschneiden zugange in der Galerie Jan Winkelmann / Berlin. Nachdem dort bis Mitte April die filigranen Scherenschnittarbeiten von Matthew Brannon zu sehen waren, zeigt Winkelmann mit "Bis später" nun eine erste Einzelausstellung der Werke von Stef Burghard. Der in Berlin lebende Künstler (Jg. 1971) macht sich an Anzeigen aus Kunstmagazinen zu schaffen, die er durch einen gezielten Cut mit dem Skalpell ihrer Textinformation beraubt. Trotzdem wirken die übrig gebliebenen Skelette der bunten Informationsflut weder tot, noch freudlos.

Vielmehr entstehen aus der radikalen Subtraktion verblüffende Papierarbeiten, die modellhaft an Architekturen erinnern. Die zurückbleibende schwarze Umrisslinie einer Anzeige wird zum architektonischen Element, der wie ein Schmiss in das beinahe noch von der Verletzung verschonte Papier hineinreichende Schnitt des Skalpells wirkt wie die Schattenkante eines Gebäudetrakts. Am Ende sieht man sich von herrlichsten Bauentwürfen umgeben. Offen, aufgebrochen, konstruktivistisch, skulptural, hier ein Shulman, dort ein Neutra, Gropius, van der Rohe und Le Corbusier lassen grüßen. In Archivhüllen an die Wand inszeniert wirken die feinen Schnittereien allemal besser als im grauen Rahmen, in dem sie zum Verkauf stehen. Der stellt sich ihrer Leichtigkeit trotz Abstandshaltern leider allzu sehr wie ein Käfig entgegen, kann aber zu Hause ja immer noch schnell entfernt werden.

Burghard hat im Übrigen nicht nur alle wohl gängigen Kunstmagazine der Republik bestutzt. Auch Jan Winkelmann selber hat sich der Reduktionsbesessenheit seines Schützlings unterwerfen müssen. Nun sitzt er auf einem Drittel des gewohnten Galerieraumes in einer schlauchartigen Konstruktion, die einem die einstige Form der ehemaligen Remisendurchfahrt in Erinnerung ruft. Den Rest des Ausstellungsraumes hat Stef Burghard ihm verbarrikadiert. Nicht allerdings, ohne sich auch noch einmal selber zu beschneiden: die großen, kupferfarbigen Rauchglasfenster durch die man nur bei dichtem Herantreten an die abriegelnde Rigipswand in den zurückbleibenden Galerieraum blicken kann, entstammen dem eigenen Künstleratelier am Rosenthaler Platz. Das befindet sich indes in einem der letzten Plattenbauten der DDR und muss nun bis zum Ende der Ausstellung mit einer Einzelverglasung auskommen.

Zwar verleihen Farbe und Gestalt der piefigen Ostluken in Alurahmen der Arbeit tatsächlich eine unmittelbar der Form innewohnende Ästhetik, an installative Arbeiten der 60er Jahre mag man aber nur auf den ersten Blick denken. Denn mit der Information über Kontext und Herkunft der halbtransparenten Objets trouvés verfliegt die Objektivität künstlerischer Äußerung schlagartig. Schon meint man, ein Geruch von ungelüfteter Frühschoppenatmosphäre, kaltem Rauch und asbesthaltigem Teppich ströme hinter der nicht gänzlich am Boden abschließenden Wand hervor. Die im Pressetext erwähnte „Theatralität von Darstellungskontexten“ wäre somit erreicht. Lieber die Augen wieder auf Spiegelbild umstellen und sich der äußeren Betrachterposition widmen, viel besser noch: der letzten präsentierten Arbeit von Burghard. Deren hybridhafte Wirkung bewegt sich zwischen Bildwerk und Funktionsobjekt.

Mit einer Art an der Wand installierten Zeitschriftenschuber hat der Künstler der Mutter aller neuzeitlichen deutschen Kunstmagazine, dem Frankfurter Wolkenkratzer Art Journal, einen skulpturalen, weißen Schneewittchensarg geschaffen. Zwar sind die Rückeninschriften des 80er-Jahre-Magazins gut lesbar und Teil der an Hochhausarchitektur erinnernden Ästhetik des Objektes, doch die schmale Regaleinfassung lässt ein Herausziehen nicht zu und bringt den Betrachter jäh auf Distanz zu seiner ersten, natürlichen Assoziation. Das Frankfurter Kunstmagazin hingegen mag seiner ehemaligen Funktion als Informationsmedium zwar beraubt sein, erfährt mit seiner ungewohnten, neuen Rolle aber zumindest eine postmortale Wiederbelebung. Hingehen, angucken.
Gastbeitrag, 26.05.05 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor
Kunst-Blog.com, Copyright 2005-08. Alle Rechte vorbehalten.
Soweit nicht anders angegeben liegen die Rechte bei den jeweiligen Autoren und Künstlern, die die Urheber der Beiträge sind, und bei Kunst-Blog.com. Für Webseiten, auf die von dieser Site aus verlinkt wird, sind ausschließlich die Betreiber der jeweiligen Angebote verantwortlich.
Kommentare
Vielleicht hat Stef Burghard mit seinen Papierschnitten ja die dringendste Kritik an seinen Arbeiten selbst vorweggenommen: Der Inhalt sagt nichts, der Rahmen bedeutet alles. So gesehen geht die Institutionskritik in seinem Fall bestimmt nicht ins Leere. Die stylish "dekonstruierten" Galerieräume liefern die Reflektionsfläche und die Umgebung, die das dünne Konzept erst tragfähig machen.
Was zu beweisen war, oder?
Augenscheinlich war die Auswahl der Artikel und Magazine auch nicht unbedingt vom Inhalt bestimmt, sonst würden wir uns vor etwas freudloseren und viel schwerer zu rahmenden Papierskeletten wieder finden. Texte zur Kunst oder das Kunstforum sind doch eindeutig inhaltslastiger als die heftig designten Blätter, die Stef Burghard vermutlich unters Messer genommen hat. So gesehen macht es für das formale Ergebnis kaum einen Unterschied, wenn er sich den Manufaktum-Katalog oder eine Gartenzeitschrift vorgenommen hätte. Was bleibt, ist ein Art von Designkritik, die keine Verbindung zum Inhalt behaupten kann. Hochglanzmagazine werden eben von Designern gestaltet und Layout folgt dem Zeitgeist.
Aber ich will gar nicht so sehr auf den Formalien herumreiten, die ganze Sache wirkt auch deshalb ein bisschen altbacken, weil schon einige ältere Kollegen an dieser Art der Dekonstruktion von Presseerzeugnissen mitgewirkt haben. Vielleicht nicht mehr dem jetzigen "state of the art" entsprechend designmäßig, sondern der Haltung gegenüber dem Inhalt entsprechend, mehr oder weniger schlampig drübergepinselt, aber einfach zu ähnlich!
Künstlern seiner Generation scheint es eigen zu sein, das Rad immer wieder aufs Neue erfinden zu wollen. Der Begriff Appropriation wird dann gern schnell als konzeptuelle Technik in die Diskussion eingebracht. Mir erscheint dies allerdings eher wie eine vorschnelle Zufriedenheit mit der formalen Findung. Bei dieser sehr spitzfindigen Art von künstlerischer Äußerung kommt es einfach auch auf eine individuelle Formfindung an.
Alles Andere delegiert man an die Macht des Galeristen. Der wird schon richten, dass man am immer kurzfristiger reagierenden Markt reüssiert, der etwas geduldigere Kunstfreund wird die langen Bärte an den Arbeiten aber vielleicht bemerken.
Na dann, bis später.
Ich lese über und "sehe" die Arbeiten von Stef Burghard hier zum erstenmal und finde sie ausgesprochen intelligent, scheinbar einfach, inspirierend. Seit längerer Zeit, dass mir nun mal wieder etwas echt gut gefällt. Auch die besondere scheinbare Leichtigkeit und Eleganz der Sachen !
Vielen Dank auch für die schöne Ausstellungskritik von Henrike Schulte.
Grijsz
grijsz
| 31.05.05
Schreiben Sie einen Kommentar zu »Bis später«
Danke für Ihre Anmeldung,
.
Sie können jetzt Ihren Kommentar schreiben. | Abmelden