Gastbeitrag | Essay

Christiane Möbus – Wanderdünen

Kunsthalle Bremen
vom 1. Mai bis 19. Juni 2005

Auszug aus der Einführung in die Ausstellung von Dr. Henrike Holsing, Kunsthalle Bremen.

Gehörne und Geweihe haben Christiane Möbus von jeher fasziniert. Auch in ihrer neuesten, in der Kunsthalle Bremen gezeigten plastischen Arbeit In den ewigen Jagdgründen rückt Christiane Möbus Gehörne in den Blickpunkt. Gleich acht eindrucksvolle Hirschgeweihe besetzen die Innenseite eines monumentalen Ringes aus Holz und Metall.

Der Zylinder, 3,60 m im Durchmesser, 1,20 m hoch, hängt im Mittelraum des Sonderausstellungsbereiches und scheint ihn vollkommen zu beherrschen. Die Wirkung ist fast gewaltsam, und gewaltsam sind die Hirsche, die ihre Geweihe als Trophäen an die Jäger hergeben mussten, zu Tode gekommen.

Die Kreisform des Ringes allerdings verbinden wir nicht mit Tod, sondern sie ist ein uraltes Symbol für das ewige Leben. Der Titel, In den ewigen Jagdgründen, spielt auf die Jenseitsvorstellung der Ureinwohner Nordamerikas an. Damit wird eine kulturhistorische Komponente angesprochen, die sicher nicht bis ins Letzte ausgedeutet werden will, die aber zumindest darauf hinweist, dass der im Kunstwerk durch die Materialien beschworene Gegensatz und zugleich das Neben- und Miteinander von menschlicher Zivilisation und Natur der Ordnung der Welt seit Menschengedenken und selbst bei so genannten „Naturvölkern“ eingeschrieben ist.

Der Mensch tötet das Tier, das wird hier ganz ohne moralischen Zeigefinger und tierschutzeifernde Anklage konstatiert. Einen etwas bitter-ironischen Kommentar meint man aber doch wahrzunehmen, wenn man sich diese Phalanx stolz aufbewahrter Trophäen anschaut und sich daran erinnert, dass die Geweihe in der Natur wie auch dem Menschen dazu dienen, männliches Imponiergehabe zur Schau zu stellen. Und auch die Form des Ringes kann man in zweierlei Hinsicht deuten: nicht nur als Ewigkeitssymbol, als stetige Erneuerung, sondern auch als Symbol der Wiederholung des ewig Gleichen, für Ziellosigkeit und Vergeblichkeit also und die ständige Sehnsucht nach etwas anderem.

Manchmal scheint der Lauf des Lebens zielgerichtet zu sein, häufig aber auch einfach in sich zu kreisen. Für beides findet Christiane Möbus auch Sinnbilder in der Reise, im Unterwegssein. Die räumliche Bewegung, die Fortbewegung über Land, über Wasser und durch die Luft ist ein weiteres Motiv, das Christiane Möbus’ Werk fast von Anfang an durchzieht und in der Ausstellung in der Kunsthalle Bremen in mehreren Arbeiten aufgenommen wird. Nicht zuletzt steckt es gedanklich auch im Titel der Ausstellung: Wanderdünen.



Lesen Sie hier den gesamten Text der Einführung:

Christiane Möbus – Wanderdünen

Kunsthalle Bremen
vom 1. Mai bis 19. Juni 2005

Der Titel unserer Ausstellung klingt romantisch: Wanderdünen. Man stellt sich vor: endlose Sanddünen, die sich zum Horizont erstrecken, möglicherweise in der Hitze der Wüste flimmernd. Christiane Möbus‘ Fotoarbeiten, die der Ausstellung ihren Namen gaben, zeigen aber etwas ganz anderes. Sie geben nämlich Einblick in ihr Atelier, und was sich da häuft, ist nicht Sand, sondern das sind Stapel von Gegenständen unterschiedlichster Art. Mancher würde das Unordnung nennen, für Christiane Möbus ist dieses Materiallager ein unerschöpflicher Quell ihres kreativen Schaffens.
Die Fotos werden hier in der Kunsthalle zum ersten Mal gezeigt und sind von Christiane Möbus speziell für vier Wände im Ausstellungsbereich angefertigt worden. Und zwar so, dass die Fotos fast die ganze Wandfläche dieser vier Zwischenwände einnehmen. Sie sind also nicht rechts und links noch von leerer Wandfläche gerahmt. Dadurch und durch ihre schiere Größe ergibt sich ein sehr starker, räumlicher Eindruck, man hat fast das Gefühl, die Wanderdünen überfluten nicht nur Möbus‘ Atelier, sondern greifen in die Kunsthalle aus.

Der Vergleich mit den Wanderdünen bietet sich in vielerlei Hinsicht an. Da ist zunächst einmal der pure optische Eindruck, das ausufernd Lagernde der einzelnen „Düne“, das auf und ab Wogende der Dünenlandschaft. Zum anderen aber verändern sich die Wanderdünen stetig, genau wie die Materialhaufen in Christiane Möbus‘ Atelier. Das passiert hier wie da ganz allmählich: kleine Dünen in der Natur holen große ein, weil der Wind sie schneller vor sich hertreibt. Sie vermischen sich mit der großen Düne, und aus dieser löst sich wieder eine kleinere. Ähnliches passiert im Atelier von Christiane Möbus: Sie nimmt Gegenstände weg, andere kommen an anderer Stelle hinzu. Und wie das Verhalten der Dünen durch regelmäßige Fotodokumentation nachvollziehbar wird, so reflektiert Christiane Möbus schon seit Jahren die Veränderung ihrer Atelierumgebung durch Fotografien. Die Fotografien dienen also auch der Reflektion von Möbus‘ künstlerischem Schaffen.

Es ist nichts Ungewöhnliches, dass Künstler ihr Tun in ihr Werk einbringen. Das findet man schon bei den Selbstbildnissen der Renaissance, in denen Maler sich häufig selbst mit ihrer Palette zeigen. Christiane Möbus fertigt Selbstbildnisse im Medium der Fotografie an. Schon früh hat sie mit Selbstauslöser Fotos von sich bei verschiedenen künstlerischen Aktionen gemacht. Eine regelmäßige Standortbestimmung vollzieht sie durch ihre Fotos von ihren Füßen, die kürzlich in Schloss Agathenburg bei Stade ausgestellt waren und in denen die Künstlerin einfach aus dem Stand von oben herunter ihre Füße und die entsprechende Umgebung ablichtet.

Die Atelierfotos der Wanderdünen zeigen zwar nicht die Künstlerin selbst und nicht einmal irgendeines ihrer Körperteile, geben aber wohl den besten Einblick in ihre Arbeitsweise. Denn das Sammeln von Gegenständen unterschiedlichster Art ist eine Grundlage für ihr Schaffen. Es sind verschiedene Aspekte, die sie an den Dingen interessieren: Ihr Form- und Materialcharakter, die Spuren gelebten Lebens, die sich an ihnen finden lassen, die Bedeutung, die ihnen anhaftet. Alle diese Gegenstände sind winzige Ausschnitte der uns so vertraut erscheinenden Welt. Indem Christiane Möbus die Dinge miteinander und auch mit abstrakten Formen kombiniert, gibt sie ihnen aber einen völlig neuen Charakter und eröffnet damit neue Bedeutungsräume.

Ich möchte Ihnen ein Beispiel zeigen, das Sie gleich als Auftakt der Ausstellung finden werden: Auch für Linkshänder.
Diese 1984 entstandene Arbeit besteht aus zwei an der Wand hängenden Antilopengehörnen, einem eher sanft gebogenen, einem steil aufragenden. Sie sind zu Stapeln von Kautschukringen in Bezug gesetzt. Was haben diese Gummiringe mit den Antilpengehörnen zu tun?
Es gibt einen klaren formalen Bezug: Zum einen entspricht der Durchmesser der Ringe genau dem der runden Platten, auf die die Gehörne zum Anbringen an die Wand aufgebracht sind. Zum anderen haben wir natürlich die Struktur der gestapelten Ringe, die die Ringelung der Gehörne wieder aufnehmen. Die Ringe scheinen die Beschaffenheit der Gehörne geradezu nachzuahmen. Diese formale Stringenz rückt die materiellen, ästhetischen Qualitäten von Gehörnen und Gummireifen in den Blickwinkel des Betrachters.
Anders als in manchen anderen Werken von Christiane Möbus sind die Gegenstände hier nicht direkt aneinander gekoppelt. Die Beziehung entsteht nur durch die Art der Gruppierung und Zuordnung. Christiane Möbus hat die beiden Antilopen-Ring-Gruppen so arrangiert, dass noch klar ist, dass sie zusammengehören, gleichzeitig aber besteht zwischen beiden ein spannungsvoller Abstand, ein Zwischenraum, der fragen lässt, in welchem Verhältnis denn die einzelnen Gegenstände zueinander stehen. Die Leere ist genauso wichtig für das Erfassen der Skulptur wie die Gegenstände selbst.
Diese sind aber nicht nur auf ästhetisch-formaler Ebene interessant, sondern es gehört auch eine inhaltliche Komponente dazu. Auch deswegen arbeitet Möbus ja nicht mit Bildhauerei im klassischen Sinn, sondern nimmt Objekte aus der realen Welt als Grundlage für ihre Kunstwerke. Diese Dinge sind mit Bedeutung behaftet. In irgendeiner Form. Dass die nicht fest steht, sondern höchst wandelbar ist, zeigt Christiane Möbus durch ihre eigenwilligen Zusammenstellungen und Verfremdungen.

Der Betrachter ist gefragt, seine Assoziationen spielen zu lassen. Nehmen wir die Antilopengehörne und die Gummiringe: Sie kommen aus zwei ganz verschiedenen Welten, die Antilopengehörne von wild lebenden Tieren, vor allem aus der Wüste Afrikas, die Gummiringe dagegen gehören der technisch-zivilisierten Welt an, sie sind industriell gefertigt.
Dieses Miteinander von industriell Gefertigtem, vom Menschen Gemachten, und Organischem, tritt in Möbus‘ Werk immer wieder auf. Das bekannteste Werk in dieser Richtung war eine 1994 erstmals ausgestellte Arbeit: präparierte, wilde Tiere wie Flusspferde, ein Hirsch, ein Bär, ein Zebra, tragen ein riesiges, schwarzes Boot auf ihrem Rücken. Man denkt angesichts der geradezu archetypischen Form natürlich sofort an die Arche Noah. Aber die Schicksalsgemeinschaft, die es dort noch zwischen Mensch und Tier gegeben hat, ist scheinbar aufgelöst, und die Last der Zivilisation liegt einzig auf dem Rücken der Tiere. Und das ist auch der Titel der Arbeit: Auf dem Rücken der Tiere.

Das zeigt schon, in welche Richtung man auch bei unseren Antilopengehörnen denken kann: Die Gehörne könnten für eine wilde, ursprüngliche Welt stehen, die von der Zivilisation langsam zurückgedrängt wird. Gerade die beiden Antilopenarten, von denen die Hörner hier stammen, die Rappenantilope und die Oryx-Antilope, gehören zu den aussterbenden Arten. Seit den 1930er Jahren sinken die Bestände dramatisch. Jagdgesellschaften drangen mit Geländewagen und automatischen Waffen in immer entlegenere Savannengebiete Afrikas vor und schossen die Tiere als Trophäen. Wie Trophäen sind hier ja auch die Gehörne an die Wand gehängt. Sie sind die Opfer derer, die mit gummibereiften Wagen in ihre Gebiete vordringen.

Das Werk heißt auch für Linkshänder. Die Titel sind in Christiane Möbus Kunstwerken sehr wichtig. Sie geben nicht einfach das Thema des Kunstwerkes an, sondern sind für Christiane Möbus ein gleichwertiger Werkstoff. Ich zitiere die Künstlerin: „Texte oder Bruchstücke von Texten, Worte, Begriffe sind für mich Material wie Metall, Papier, Stoff, Perlen u.a. Wichtige Komponenten sind hier der Inhalt, die Bedeutung, der Klang, die Aussprache, Betonung, Schreibweise oder der Schriftzug. Weiter sind mir Wörter wie Bilder. Das Wort ist ein Bild, und das Bild ist das Wort, und das geht Hand in Hand.“

Der Titel ist also deutlich mehr und zugleich deutlich weniger als eine Verständnishilfe. Er erweitert vielmehr den Assoziationsraum, fordert den Betrachter zum Nachdenken, Weiterdenken auf.
In unserem Fall ist der Titel zunächst ganz spielerisch zu verstehen: Steht man vor dem Kunstwerk, packt einen nämlich ganz unwillkürlich die Lust, den obersten Ring von dem Stapel abzunehmen und zu versuchen, ihn über die Gehörne zu werfen. Geschicklichkeitsspiele also werden assoziiert, wie Christiane Möbus sie sicher aus ihrer eigenen Kindheit kennt. Der Titel ist dann eine Aufforderung, auch die weniger Geschickten mitspielen zu lassen.
Dieses Plädoyer für eine Randgruppe lässt sich aber wiederum auf den zivilisationskritischen Aspekt übertragen: man könnte hierin einen Appell sehen, den in ihrer Zahl minimierten Antilopen Beachtung zukommen zu lassen.

Der Gegensatz zwischen technisch-zivilisierter und organisch-natürlicher Welt ist ein Leitmotiv in Christiane Möbus‘ Werk. Er lässt sich hier in der Ausstellung in verschiedenen Arbeiten verfolgen, z.B. in den beiden Werken, die präparierte Tiere beinhalten, wie tödlich: zwei Eisbären, auf dem Rücken liegend, die ganz glatte, weiße Holzkegel auf ihren vier Füßen balancieren. Sie haben – vielleicht angesichts der schmelzenden Polkappen - buchstäblich den Boden unter den Füßen verloren; und das ist erst die Spitze des Eisbergs.

In dieser Ausstellung erstmals realisiert wurde dieser große, geweihbesetzte Ring, den Sie im mittleren Raum sehen können und den Christiane Möbus In den ewigen Jagdgründen nennt. Wieder arbeitet sie mit Tiergehörnen, diesmal mit Hirschgeweihen. Sie besetzen den Innenrand eines Ringes aus Holz und Metall, der im Raum hängt und so monumental wirkt, dass man eher den Eindruck hat, er laste im Raum, als dass er schwebt. Die Wirkung ist fast gewaltsam, und gewaltsam sind die Hirsche, die ihre Geweihe als Trophäen an die Jäger hergeben mussten, zu Tode gekommen. Wie auch in anderen Werken Christiane Möbus’ verändern die hier verarbeiteten objets trouvés, die Geweihe, durch ihre Herauslösung aus ihrem gewohnten Kontext und Einbringung in einen neuen, ihre Wirkung ganz erheblich. Nimmt man die Schädel der toten Tiere in Jagdzimmern und bayerischen Wirtshäusern ganz gelassen hin, überkommt den Betrachter, wenn er sich in den Ring stellt und sich von allen Seiten aus toten Augen angeglotzt sieht, eher das unangenehme Gefühl, vom Tod umzingelt zu sein.

Die Kreisform des Ringes allerdings verbinden wir nicht mit Tod, sondern sie ist ein uraltes Symbol für das ewige Leben. Der Titel, In den ewigen Jagdgründen, spielt auf die Jenseitsvorstellung der Ureinwohner Nordamerikas an. Und so sieht auch Christiane Möbus ihr Werk als eine Art Tor ins Jenseits, vergleicht die Sogwirkung des Zylinders mit einem Kamineffekt, der die Seele schnurstracks in eine andere Welt entführt. Niemandem allerdings entgeht angesichts dieser schaurigen Phalanx von Totenschädeln die Ironie des Titels, der die ewigen Jagdgründe, paradiesische Zustände also, vor Augen führt.
Und auch die Form des Ringes ist in ihrer Symbolkraft nicht eindeutig: er steht - als Ewigkeitssymbol – nicht nur für stetige Erneuerung, sondern man kann ihn auch als Symbol der Wiederholung des ewig Gleichen sehen, für Ziellosigkeit und Vergeblichkeit also und die ständige Sehnsucht nach etwas anderem.

Insofern haftet Christiane Möbus’ oft auch leicht und fein humorvoll wirkendem Werk auch eine gewisse Wehmut an. So stark Vergangenes in ihre Arbeiten mit hineinspielt, so stark sie durch ihre künstlerisch umgesetzte Neuordnung von Welt im Kleinen auf Möglichkeiten der Veränderung hinweist, so ist ihr doch bewusst, ich zitiere: „Die Gegenwart ist immer nur ein Punkt.“ Oder, um es mit Thomas Mann zu sagen: „Denn das Wesen des Lebens ist Gegenwart, und nur mythischer Weise stellt sein Geheimnis sich in den Zeitformen der Vergangenheit und der Zukunft dar.“

Manchmal scheint der Lauf des Lebens zielgerichtet zu sein, häufig aber auch einfach in sich zu kreisen. Für beides findet Christiane Möbus Sinnbilder in der Reise, im Unterwegssein. Die räumliche Bewegung, die Fortbewegung über Land, über Wasser und durch die Luft ist ein weiteres Motiv, das Christiane Möbus’ Werk fast von Anfang an durchzieht. Die Faszination dafür wurde vielleicht auch dadurch unterstützt, dass eine Reise Schlüssel- und Angelpunkt ihres künstlerischen Schaffens geworden ist: Die 1947 in Celle geborene Künstlerin hatte 1970 gerade ihr Studium an der Hochschule für bildende Künste in Braunschweig abgeschlossen, als sie ein Stipendium des DAAD für New York erhielt. Für eine junge, deutsche Künstlerin, frisch von der Hochschule, muss ein solcher Aufenthalt eine Offenbarung gewesen sein. New York war Anfang der 70er Jahre der Mittelpunkt der künstlerischen Welt, hier war der Brennpunkt der jungen, innovativen Kunst. Christiane Möbus lernte verschiedene bedeutende Künstler kennen, die schon in den 60er Jahren an einer Erweiterung des Kunstbegriffes und nicht zuletzt an neuen Vorstellungen von Plastik gearbeitet hatten, wie etwa Lawrence Weiner oder Robert Smithson. Ihr bereits in Braunschweig entwickeltes Interesse an Konzept-Kunst fand hier Unterstützung und Ausdruck in mehreren Arbeiten: Möbus entwickelte ein Konzept, ein Papierflugzeug mit einer Apollo-Rakete auf den Mond zu transponieren, um es dort fliegen zu lassen. Oder einen Eisberg von Grönland an den Jadebusen schleppen zu lassen. Also hier schon das Motiv des Überbrückens von Distanzen, im Falle des Eisberges gar des „Berge versetzens“. Das Eisberg-Projekt ist Konzept geblieben. Der Gedanke wird aber in einer tatsächlich realisierten Schifffahrt wieder aufgegriffen, die Christiane Möbus 2002 in Berlin organisierte und die ein Film in unserer Ausstellung dokumentiert: Ein normales Frachtschiff mit dem schönen Namen „Heimatland“ wurde mit drei Kieshügeln beladen und fuhr damit eine bestimmte Strecke auf der Spree durch Berlin ab. Der Schiffer, der keinen festen Wohnsitz hat, trägt sein Heimatland immer in seinem Herzen; und der geladene Kies hat keinen Ort mehr, er ist zu einer schlichten Tatsache geworden: nackte Tatsache Tatsache, heißt es auf den signalroten Ortsschildern. Und auch hier wieder der humorvolle Schwenk in eine ganz andere Richtung, in der die prallen Rundungen der Kieshaufen einen lagernden Akt assoziieren mögen.
Eine andere Reise realisierte Christiane Möbus schon in Amerika, und hier kam auch etwas Materielles, ein handgreifliches „Kunstwerk“ bei heraus: das sog. Mississippi-Projekt, dessen Relikte Sie hier in der Ausstellung sehen können. Dazu fuhr sie im Greyhound-Bus eine Woche lang den Mississippi hinauf, von der Mündung bis zur Quelle, und schickte von jedem Ort aus eine Postkarte an immer den gleichen Adressaten, so dass dieser die Reise, zeitlich um einige Tage versetzt, anhand der Poststempel nachvollziehen konnte. Dahinter steht sicher die Vorstellung und auch das Bedürfnis, Spuren zu hinterlassen, eine Reise, eine Entwicklung zu dokumentieren und sich künstlerisch anzuverwandeln. Ähnliche Beweggründe kann man auch hinter den „Selbstbildnissen“ genannten Fotoarbeiten vermuten, die ich eingangs schon erwähnt hatte: diese Fotos von ihren Füßen fertigt Christiane Möbus ebenfalls bevorzugt dann an, wenn sie unterwegs ist, und sie sind stets nach ihrem Entstehungsort benannt: Hier wie da setzt sie Wegmarken, erinnert an Orte, die sie besucht hat.

Christiane Möbus kann inzwischen auf ein mehr als 30-jähriges künstlerisches Arbeiten zurückblicken. Die Ausstellung in der Kunsthalle Bremen zeigt, dass ihr Werk bei allen Unterschieden der frühen Arbeiten zu den heutigen doch von starker Kohärenz und Kontinuität ist. Wir sind sehr glücklich, mit dieser Ausstellung einen Einblick sowohl in die Vielseitigkeit als auch – auf der anderen Seite – in die Geschlossenheit von Möbus’ Werk geben zu können: Das ist natürlich vor allem der Künstlerin zu verdanken, die für unsere Ausstellung ihre ganz frühen Werke wie den wunderbaren Film back and forth, in New York 1971 aufgenommen, oder das Mississippi-Projekt zur Verfügung gestellt hat. Für uns noch wichtiger sind natürlich die neuen Arbeiten, die Foto-Projekte und neuen Skulpturenobjekte, mit denen sie hier in der Kunsthalle Bremen Premiere feiert.

Henrike Holsing

Gastbeitrag, 02.05.05 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor

 

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