Kai Hoelzner | Kritik

Der Abend, an dem es anfing, Möllemänner zu regnen

Expanding Video
vom 19. bis 21. Mai 2005 in der Galerie Olaf Stüber (Berlin) und vom 29. Juni bis 7. August in der Galerie für Landschaftskunst (Hamburg)
kuratiert von Dirck Möllmann, mit: Volko Kamensky / Frank Lüsing & Alexander Rischer / Eva Könnemann / Lene Markusen / Emanuel Geisser / Deborah Schamoni


Niedersachsenhaus (Foto: Reader)
Expanding Video nennt Dirck Möllmann das von ihm zusammengestellte Videoprogramm, das an drei Abenden in der Galerie Olaf Stüber lief und Ende Juni in der Hamburger Galerie für Landschaftskunst zu sehen sein wird. Mit dem Titel hakt die Veranstaltung ein in die Reihe von Retrospektiven, Festivals und Ausstellungen, mit denen seit einiger Zeit dem Experimental- und Undergroundfilm gehuldigt wird.

Anders als Film, dem als Medium der Wille zur Expansion manchmal noch mit der Brechstange beigebogen werden musste, gleitet Video von selbst in den expansiven Modus. "Im Sektor der Kunst sind prozess- und performanceorientierte Arbeitsweisen mit Video entstanden, die früh auf die medialen Veränderungen der Gesellschaft, beispielsweise durch die Kulturindustrie und Informationstechnologie, reagiert haben", so Möllmann im Einleitungstext des von der Galerie Olaf Stüber und der Hamburger Galerie für Landschaftskunst herausgegeben Mini-Readers. Prozess- und performanceorientierte Arbeitsweisen klingen nach den Anfangstagen der Videokunst, angesichts der narrativen Implosion, durch die die kürzlich ausgelaufene Videonale in Bonn bestimmt war, kann man das offene Bekenntnis zur Heterogenität unter besonderer Berücksichtigung der Klassiker des Avantgardefilms jedoch nur begrüßen. Immerhin erfasst der Expansionsdrang des Mediums Video zumindest auch die Galerie. Keine der gezeigten Positionen ist hier unter Vertrag. Stüber, der im Oktober vergangenen Jahres zu einem von Melanie Ohnemus kuratierten Videoprogramm von 3 x 2 Künstlerinnen mit "dokumetarischem Blick" (u.a. Faust, Bartana, N.Könnemann, Schnitt) einlud, verlässt mit expanding video abermals das Galerieformat. Im Gegensatz zum ersten Screening, bei dem einigen Arbeiten wie zufällig eine charmante Lässigkeit anhaftete, wurde das Thema Doku diesmal wesentlich konzeptioneller und aufwändiger angegangen.
Am ersten Abend überzeugten die auf 8- bzw. 16mm gedrehten und auf Video überspielten Dokumentarfilme Volko Kamenskys. Die preisgekrönten und auch ausserhalb der Kunst gesehenen Dokumentationen "Divina Obsesión" und "Alles was wir haben" haben sich vordergründig die Aufgabe gestellt, Nicht-Orte bzw. Nicht-Objekte sichtbar werden zu lassen. "Divina Obsesión" handelt eine kurzweilige halbe Stunde lang von Kreisverkehrsmittelinseln, "Alles was wir haben" portraitiert die Kreisstadt Rotenburg an der Wümme, die immer wieder schicksalshaft von Bränden heimgesucht wurde. So stumpf und für Dokumentationen ungeeignet die ästhetische Nulldimensionalität Rotenburgs mit seinen Neubauten und der Sehnsucht seiner Bewohner nach fachwerklicher Heimatgeschichte ist, so komplex sind Kamenskys Arbeiten auf formaler und funktionaler Ebene. Zu Panoramaaufnahmen der Kreisstadt berichten Interviewstimmen aus dem Off von den Bränden, die Rotenburg seiner Baugeschichte beraubt haben. Während der nicht enden wollenden Aufzählung der Katastrophen zeigt die Kamera, was übrig geblieben ist von Rotenburg: Verklinkerte Vorstadtarchitekturen, evangelische Kirchenneubauten und ein demnächst vielleicht reetgedecktes Niedersachsenhaus, das in der Nachbargemeinde demontiert und nach Rotenburg importiert wurde. Hier sollte einmal der Heimatverein unterkommen. Bis, wie die weibliche Stimme aus dem Off erzählt, das schöne neue - weil alte - Fachwerkhaus von der Tochter eines Heimataktivisten angezündet wurde. Der Verlust von Historie, die Unzufriedenheit mit dem Zeitgenössischen und die reale Ödnis auf den Straßen und Plätzen Rotenburgs sorgen dafür, dass auf dem 8mm-Film ein Ort zu sehen ist, der Schwierigkeiten hat, Raum zu werden. Kamensky weiss das und er leidet mit Rotenburg. Mittels 5-Kanal-Ton, über den am Computer komplett synthetisch erzeugte Atmos und Hintergrundgeräusche über den Film gelegt werden, wird den Panoramaschwenks der Kamera jenes Leben eingehaucht, das in der Realität nicht zu filmen war. Die Geräusche sind von Julian Rohrhuber ohne Samples oder Soundsoftware am Computer generiert und beschreiben, was Kamensky glaubt, gehört zu haben. Wie ein Herzschrittmacher hauchen die Computersounds den Bildern aus Rotenburg das durch Brand verlorene Leben wieder ein.


Light Boy kurz vorm Verlassen der Dritten Dimension (Foto: Reader)

Herzklopfen bereitete am zweiten Abend Eva Könnemanns Spiel mit Realität und Fiktion. Die in Hamburg lebende Schwester von Nina Könnemann (die beim Oktober-Screening in der Galerie gezeigt wurde) setzt in ihrer Arbeit mit großer Überzeugungskraft den War-Of-The-Worlds-Effekt ein: die Verwendung des Dokumentarformates für die erfundene Fiktion. "War-Of-The-Worlds", das von Orson Welles mit 23 Jahren veröffentlichte und seit dem berühmtesten Radiohörspiel aller Zeiten schildert eine Invasion von Außerirdischen als Live-Reportage im Radio und löste bei seiner Ursendung am 30.10.1938 trotz mehrfachen Hinweises auf den fiktionalen Charakter eine Massenpanik aus. Die in Hamburg lebenden Eva Könnemann dreht mit ihrer fiktionalen Dokumentatarfilm "Light Boy" einen Mystery-Thriller um einen Popstar, der mittels irgendwelcher hyperkomplexen Techniken oder Gedanken Dinge aus der dritten Dimension herausplumpsen lassen kann und eines Tages bei einem Auftritt im Hamburger Pudel selber einen Dimensionssprung durchführt um sich vor den Augen des Publikums mit einem Lichtblitz in Luft aufzulösen. Filmmaterial über Light Boy sowie Statements von Mitmusikern und Freunden (re-)konstruieren die wirklich very abgefahrene Welt von Light Boy auf Überzeugenste. Könnemanns Film ist ist derart dicht, durchdacht und spannend, dass man zwischendurch nicht mal mehr glauben kann, dass das alles eine Fiktion ist. Nina Könnemann wird vermutlich in Kürze als neuer Orson Welles am Filmhimmel aufgehen. Oder mit einem Lichtblitz aus unserer Realität verschwinden und an den unmöglichsten Stellen in Kinofilmen auftauchen und uns zuwinken. Denn da ist sie irgendwie schon angekommen: Im Raum hinter der Fiktionalität.


Held Down (Foto: Reader)
Herzschmerzen hingegen bereitete der dritte Abend. Nach schönen Animationsarbeiten von Emanuel Geisser waren Musikvideos und Experimentalfilme von Deborah Schamoni zu sehen. Das nach mittlerweile sechs Stunden Videogucken etwas strapazierte Konzept des expandierenden Mediums verlor hier zusehends seine Formkräfte. Der Videobegriff schien inzwischen derart ausgeleiert, dass auch Musikvideos ins Konzept passen. Die von Deborah Schamoni sind zwar lässig und machen Spaß und als Videos sind sie sicherlich auch anders und radikal und eigentlich passt alles, weil auch die Musik klasse ist, nur blöderweise wurde zuerst "Visitors", eine als Experimentalfilm angelegte Zusammenarbeit mit den ChicksOnSpeed gezeigt und am Schluss dann der mit Judith Hopf gedrehte Quasi-Musikvideo "Held Down". Letzterer bürstet das Musikvideo als solches ein bißchen lustig gegen den Strich. "Held Down" handelt davon, dass Deborah und Judith ein Musikvideo drehen. Sie tanzen und singen sich durch den Vordergrund, bis plötzlich klar wird, dass hinten etwas fehlt: Tanzzombies. Schnell wird eine Truppe Tanzzombies angeworben und der Film kann fertig gestellt werden.
Schwieriger wurde es wie gesagt bei "Visitors", der als Experimentalfilm angelegt ist, dem es aber nicht gelingt, aus eigener Kraft die Sphäre des Musikvideos mit seinen Hippness-Akzidenzien und seinen in "Held Down" skizzierten Widersprüchen zu verlassen. Fast eine halbe Stunde lang hühnern die ChicksOnSpeed in Hobbywahrsagerinnenkostümen und mit Gummihandschuhen und putzigen Hüten ausstaffiert durch New York und aus jeder Szene schreit es einem entgegen, dass das experimental sein will, was da zu sehen ist. Dabei ist eigentlich ja klar, dass Musik und Video und auch die ChicksOnSpeed experimental sind und mit Kunst zu tun haben. Ganz und gar nicht klar ist hingegen, warum "Visitors" laut Reader versucht, die Chicks "auch mal >nicht gut< aussehen zu lassen" und zu diesem Zweck in in überformatige, bunte Phantasy-Plünnen steckt und Ausdruckstanz durchführen lässt. Offenbar ist überdrehter Esoterikerinnen-Look im Heimat-Universum dieser Visitors ein Garant für Schrägheit und gute Laune. Das ist natürlich ungefähr so überraschend wie ein Blondinenwitz. Überraschend ist hingegen, dass im Interview im Reader behauptet wird, es sei schwer, die Starausstrahlung von Alex wegzukriegen. Offenbar geht es genau darum in diesem Film: Endlich mal dieses Starmäßige wegzukriegen - und deshalb müssen die Chicks auch mit Obdachlosen New Yorkern interagieren und selber wie Obdachlose unter Müllbergen schlafen. Im Interview wird das "diese Homeless-Geschichte" genannt:
Judith Hopf: Hast Du Deine Arbeit auch gesellschaftskritisch gesehen?
Deborah Schamoni: Ja, klar.
Judith Hopf: OK, dann haben wir das erledigt.
Deborah Schamoni: Nein, in meinem Fall passiert die "Kritik" eher intuitiv: man weiss, was man hasst und was man will und was man nicht will.
Sätze, ungefähr so gesellschaftskritisch wie Westerwelles Reise im Guidomobil: Bewußt gar nicht, unfreiwillig hingegen sehr.
Als wir kurz danach vor dir Tür traten, klatschten gerade die ersten auf dem Asphalt vor der Galerie auf. In gelben Overalls, mit geschlossenen Fallschirmen. Bald schon lagen sie überall in Haufen herum.

Kai Hoelzner, 24.05.05 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor

 

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