Dellbrügge & de Moll | Kritik

Aus dem Wörterbuch der Aufmerksamkeitsökonomie

LA BIENNALE DI VENEZIA

BESTECHEN
»Excuse me, sir? We are discussing market economy here. You will be refunded half of your ticket if you discuss with us. Where do you come from? Germany? Well, this lady from France just said that we as consumers can change something by modifying our consumption behavior. Do you aggree?«

Setzt dieser Austausch von Meinungen und Platitüden den Wertschöpfungsprozess in Gang, den Tino Sehgal initiieren will? Was bildet eine Situation ab, die Besucher mit Kleingeld ködert, in ein Gespräch über Marktwirtschaft einzusteigen? Produzieren wir lediglich Bilder, die aussehen, als ob wir kommunizieren? Sind das die Bilder, die nicht geknipst werden dürfen? Bei der Probe aufs Exempel fällt das Lächeln von den Gesichtern des Aufsichtspersonals, das auf die Hobbyfotografin zustürzt und die Linse mit der Hand bedeckt: »No photographs!«

Die Verweigerung der üblichen Konventionen wie Abbildungen und Katalogtexte hat etwas Calvinistisch-Erzieherisches. Die Partizipation am Werk durch Personal und Publikum ist streng reglementiert. Immerhin geht es um Wertzuwachs und damit ist nicht zu spaßen, auch wenn das Gehopse der ProtagonistInnen im Hauptsaal damit verwechselt werden könnte.

Ob Akzeptanz oder Desinteresse an den vorgeschlagenen Situationen sich im ökonomischen Gefüge niederschlagen, sei dahingestellt – wie aber funktioniert der Tausch von Meinungen gegen Eintrittsgeld konkret? Oder sind wir einem falschen Versprechen auf den Leim gegangen, was auch nicht unüblich wäre in der Marktwirtschaft. Gegen unser Passwort (»who«) werden 3,75 € auf den Tresen gezählt. »The German government is paying«, sagt die Dame an der Kasse. Und: Ja, viele lösen den Deal ein.


PARTIZIPIEREN
»Perception requires participation« proklamiert Antonio Muntadas. Ohne intellektuelle Erschließung und emotionale Beteiligung durch die Addressaten bleiben Exponate totes Kapital. Kommunikation gelingt erst, wenn Information verarbeitet wird und zu Handlung führt. »Wahrnehmung erfordert Beteiligung« lässt den partizipativen Anspruch von Kunst auf die Minimalvoraussetzung von Kommunikation zusammenschnurren, nämlich, dass überhaupt jemand guckt.

Ist die kulturelle Umrissvergrößerung nationaler Potenz inkompatibel mit Prozessualem, Situativem, Performativem? Fabrice Hybert produzierte 1997 live Fernsehshows im französischen Pavillon, Peter Weibel verschenkte schwere Bücher, die das Publikum durch ganz Venedig trug. 2001 mischte Gelatin ein Matschbad an, Thailand lud 2003 zu Essen und Thai-Massage. 2005 überwiegt die Frage, wie man Aufmerksamkeit domestiziert. Etwa, indem nur halbstündlich Einlass zur Filmvorführung gewährt wird, wie im niederländischen und im polnischen Pavillon?


INFORMIEREN
Wussten Sie, dass die Biennale bei einem Treffen Intellektueller im Café Florian ausgehandelt wurde? Die politisch geschickte Kopplung mit einem royalen Jahrestag sicherte der Veranstaltung eine langfristige Perspektive und leitete einen Paradigmenwechsel ein: von Venedig als Handels- und Marinestadt zu einer Stadt der Moderne, Schwerpunkt Kultur.

Antonio Muntadas rollt die Geschichte der Biennale und ihre Verortung in den Giardini auf. Er rekontextualisiert die »Mutter aller Biennalen« als Event, das politische und wirtschaftliche Nationalinteressen spiegelt. Der Look der Länderpavillions im Wandel, Headlines kultureller und politischer Parallelereignisse, die Länder, die fehlen, sind aufbereitet. Das gute Design ist Teil der Message. Von den Displays über die Bänke bis zu den Papierkörben in gebürsteten Edelstahl reproduziert es die unterkühlte Professionalität von Bahnhöfen und Flughäfen als Visitenkarten moderner Tourismusstädte.


AGITIEREN
Wie die Kehrseite von Muntadas Geschichtsschreibung wirkt der Auftakt der Ausstellung »Always a little further« im Arsenale. Zum Willkommen illustrieren die Gorilla Girls auf großen Planen die Konstruktion kultureller Identität als männliche, weisse, kolonialistische. Nichts Neues, aber ein notwendiges Statement von Rosa Martínez, die zusammen mit María de Corral bei den Pressekonferenzen als »the spanish girls« vorgestellt wurden. Die Kombination der Polit-Panels mit dem überdimensionalen Lüster von Joanna Vasconcelos aus 14.000 Tampons ist eine kuratorische Geste, die einer Portion Selbstironie nicht entbehrt.

Als Fortsetzung der indirekten Zwiesprache der Kuratorin mit dem Betrachter durch das Kunstwerk könnte das Video von Runa Islam gelesen werden, die musealisierte Objekte aus ihrer Distanz enthebt, benutzt, zerstört – Akte kontemplativer Destruktion. »Be the first to see what you see as you see it.«


BEZAUBERN
Zu viel der Interpretation? Die Kohärenz eines Subtextes verliert sich, je weiter man in den vorherrschenden Dämmer der Videoprojektionen vordringt. Eine lichte Insel mittendrin ist Sergio Vegas Installation »Finding the Garden of Eden«. Modellhaft läßt sich hier das Schaffen von Atmosphären studieren: Bossa Nova Rhythmen, Versatzstücke von Architektur und Mobiliar der brasilianischen Moderne, exotische Pflanzen und Tiere, freundliche Farben werden zur Kulisse für eine Geschichte: Die Expedition zum Garten Eden anhand einer Reisebeschreibung aus dem Jahr 1644, die der Künstler in einem Reprint aus den 70ern in einer Stadtbücherei wiederentdeckt.


DISZIPLINIEREN
Überhaupt, das Erzählen von Geschichten. Garnicht so einfach. Zuma – wie diszipliniert man seine Zuhörer? Ein Lehrstück in Sachen Disziplinierung und Scheitern von Logistik ist Mariko Moris UFO. Ein slickes Board am Eingang beeindruckt mit Credits und Dealern (Deitch Projects und Galérie Emanuel Perrotin). Das Personal trägt weisse Kittel und Pantoletten. Ettikettiert als Erfahrungsraum panuniversaler Koexistenz entpuppt sich das UFO als schillernde Versuchung, stundenlang mit Warten zu vertrödeln um auf einen 10minütigen psychedelischen Blubbertrip zu gehen. Viel Aufwand für einen fraglichen Effekt.


STIMULIEREN
Weder Aufwand noch Mühe hätte Lim Tzay Chuen gescheut, um seinen Plan für Venedig auszuführen. Leicht zu übersehen liegt der Singapur Pavillon gegenüber dem Eingang zum Arsenale-Gelände. Auf den ersten Blick ist der Hof leer bis auf ein Schild mit einem schwarzweissen Logo, ein Informations-i und Toiletten-Piktogramme – gängige Eventperipherie. Folgt man diesen, gelangt man in einen Vorraum mit einer Sichtschutzwand, hinter der sich die Eingänge zu M und W verbergen: zwei riesige Toilettenräume mit Design-Waschbecken, Spiegel, Toilettenschüssel, Pissoir.

Alles fällt plötzlich von selbst an seinen Platz: die Wartebänke draußen, der Abfalleimer, die Trinkwasserspender werden zu Protagonisten einer Geschichte, wenn der Assistent am Informationsdesk erzählt: »I wanted to bring Mike over« ist das Projekt der Dislocation einer Monumentalskulptur – Hybrid zwischen Löwe und Fisch, die Singapur in den 80er Jahren als touristische Attraktion installierte. Diese Skulptur (Codename: Mike) für die Dauer der Biennale nach Venedig zu versetzen – eine richtige Touristenattraktion am falschen Ort – gelang nicht. Was gelingt, ist die Nutzung eines formalen Vokabulars zur Konstruktion eines Rahmens, in dem die Fiktion ihren Platz findet und der Verlust zum Gewinn wird. Unaufgeregt, charmant und witzig – auch eine Methode im Kampf um Aufmerksamkeit: Verführung durch intellektuelle Stimulation.

Dellbrügge & de Moll, 19.06.05 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor

 

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