Peter Lang | Kritik

Bruttoregistertonnen

51. Biennale von Venedig
12. Juni - 6. November 2005

Der rumänische Pavillon ist leer, der Östereichische von außen mit Dachpappe vernagelt. Man steht an. Systeme der Verknappung und Beräumung. Verwundert ist man auf der Biennale, wenn’s denn schon politisch sein soll, nicht einen Plan über die schlagartige Versenkung der gesamten Vaparettoflotte zu finden. Das wäre der schlimmste Untergang nach Skapa Flow, gleichzeitig aber eine drastische Eindämmung der Kunstsinnigkeit.
Der deutsche Pavillon wurde nach Proporz zerschnitten. Diagonal. 460.000 Euro investiert und 30 Laiendarsteller, die den Affen geben, bestellt und gecastet. Der Banker Steinmetz spricht von Diskurs, der Beamte Grolig vom Mehrwert; der Kunst. Frau Staatssekretärin Müller möchte gern Teil des weltweiten, professionellen Netzwerkes Kunst sein. Der Unternehmer Haubrok erwirbt schon mal einen Sehgal ohne Rechnung, gehört nämlich auch nicht dazu, wie auch keine Fotos oder Filmaufnahmen und spricht von der potentiellen Verwirrung des Publikums.

„All this is so contemporary. Tino Sehgal. 2004.“ Die Bediensteten Sehgals hupsen rufend durch den Raum. Man empfindet Mitleid. Und das müssen die armen Leute nun die nächsten Wochen durchziehen. Man sollte sie danach befragen, wann es denn unerträglich wurde. „Der Tisch, der Ozean und das Beispiel.“ So Scheibitz, der plötzlich auch noch politisch sein soll. Hier geht nichts zusammen und nichts bereichert sich. Von Diskurs gar nicht zu sprechen. Das eine ist die Karikatur des anderen. Für Scheibitz seine Arbeiten gibt es Wartelisten, künstlerische Ökonomie pur. Sehgal instrumentalisiert ihn und ergeht sich im Gespräch mit Sloderdijk, den er statt Katalog zum Gespräch durch Die Zeit heranzitieren lässt, man gönnt sich ja sonst nichts, über das Immaterielle. Sloderdijk nimmt ihn natürlich hops: „Wir gelangen zu einem Begriff des subtilen Marktes. ... Jetzt müssen Sie mich nur noch überzeugen, dass der Besitz eines Werkes von Ihnen mich etwas souveräner erscheinen lässt. Dann erwerbe ich es.“

Francis Bacon hängt um die Ecke im Giardini. Man ist retrospektiv gestimmt. Den Damen hat man ungewöhnlich viel Platz gemacht, obwohl es nicht wie eine feministische Konterrevolte wirkt. Der Giardini erscheint eher endlich mal aufgeräumt. Trotzdem gibt es immer noch diese Videokabinen. Und einen beschreitbaren Teebeutelkorridor einer kubanischen Künstlerin. Und so hat man sehr schön beieinander einen Schnellkurs über Halbwertzeiten in der bildenden Kunst. Der, über die der Architektur, wird kostenlos dazugegeben. Ed Ruscha sieht seine Bilder wie "Verlassene Orte" im amerikanischen Pavillon als Ausdruck seiner Zweifel am Prozeß heute. Man könnte denken, er meint es ist Malzeit und er will da nicht zu kurz kommen, wo die anämischen Bilder der Deutschen so schön in Mode sind. Dann kann man noch prima Entdeckungen in Zonen-Randbereichen machen: Afghanistan, Albanien, Marokko, Kasachstan, Kirgisistan, Usbekistan und Weißrussland. Alle drängen auf Teufel komm raus nach Venedig. Als ob es dort den EU-Anschluss gleich mit gebe.

Vor dem Objekt Giardini liegt eine schwimmende blaue Pyramide, das wirklich eindrucksvollste des Besuches in Venedig. Einer der Gründer Microsoft´s* soll sie besitzen. Mit Hubschrauberdeck und allem drumrum. Da hat er dann sogar die Scheichs gedeckelt. Man fragt sich, wie viel Bruttoregistertonnen hat nur das turmhohe Ding.
Ob der Herr Kunst kaufte, war nicht zu ermitteln. Warum sollte er auch, er hat ja schon seine Jacht als Kunstwerk im Besitz. Man könnte sich aber schön die Akteure Sehgals auf der Jacht auf und ab rennend und „ All this is so contemporary“ rufend vorstellen. Aber bitte nur eine Vorstellung, bei einer Fahrt am Giardini entlang.
Sehgal wäre auch bei einem Literaturstudium besser fündig geworden: „Des Kaisers neue Kleider. Hans Christian Andersen. 1840.“ Das wäre doch passender. Oder wie?


*Paul Allen, "Octopus" (130-Meter-Schiff, zwei Helikopter, ein U-Boot an Bord, Kamin, OP-Raum, Kino, Kunst von Max Ernst und Ed Ruscha an den Kajütenwänden).

Peter Lang, 13.06.05 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor

 

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Kommentare

Ist es nicht erfreulich, wenn der Kurator des deutschen Pavillons, Julian Heynen, den Erfolg seiner Künstlerauswahl auch darin sieht, daß die Besucher beschwingt und gut gelaunt aus dem Gebäude treten und es gar nicht glauben können: Nein, tatsächlich, das hätten wir von den Krauts gar nicht erwartet. So heiter und leicht.
Dabei hat es Tino Sehgal gar nicht so gemeint. Oder vielleicht doch. Im "Zeit" Gespräch versucht er sich erst mal kumpelhaft bei Sloterdijk unterzuhaken als es um seinen Werkbegriff geht. Ganz brav wird sogleich der Ökonom John Kenneth Galbraith zitiert, der ja schon damals, wie zitierten sie es noch in ihrem letzten Buch, Herr Kollege?...... Sloterdijk wittert den Braten, läuft aber erst mal ein Stück mit. Das Gespräch mäandert durch den Wohlfahrtsstaat, Über- und immaterielle Produktion, Armut und Fortschritt. Sehgal erklärt, daß es im Kunstmarkt um die Übertragung von Subjektivität oder Identität gehe, ganz so wie in anderen Wirtschaftszweigen auch und verweist auf die Handy-Manie von Jugendlichen. Konsequenter nächster Schritt wäre nun, die Ware wegzulassen und die Subjektgestaltung an sich zu verkaufen. Es ist Sloterdijk zu danken, daß er schließlich damit beginnt die ganze Dürftigkeit seines Ansatzes aufzublättern und Sehgal, verzweifelt ob der ausgebliebenen Gegenliebe um Gnade winselnd, bittet doch zu beachten, daß seine Arbeit keinesfalls asketisch und protestantisch sei. (http://www.zeit.de/2005/24/Sehgal_2fSloterdijk)
Tatsächlich ist sie gerade das. Museumswärter, die durch Museumsräume tanzen und dabei gefällige Sätze rufen, das ist von einer gnadenlosen Schlichtheit, gespreizt und prätentiös. Gute Laune wird hier nur vorgetäuscht. Tino hat, ganz Klassenprimus alles richtig gemacht und darf sich wieder setzen. Darf sich aber auch nicht wundern, wenn er später auf dem Nachhauseweg von den anderen verhauen wird. Doch Tino ficht das nicht an. Oben in seinem Kinderzimmer in Stuttgart-Degerloch oder München-Bogenhausen sitzt er dann, zwischen seinen Knien Alexander Graf von Schönburgs "Von der Kunst des stilvollen Verarmens" und freut sich darüber, daß er sich auf seinem Weg nach oben nicht die Hände schmutzig machen wird.

Stephan Gripp [TypeKey Profile Page] | 18.06.05

 

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