Markus Wirthmann | Kritik

Der ewige Kippenberger

Urs Fischer
Hamburger Bahnhof - Museum für Gegenwart - Berlin
01.06.2005 - 07.08.2005


ohne Titel 2000

Malen mit Marmelade oder Spax-Schrauben in Tafeläpfeln wären auch noch hübsche Überschriften für diesen Beitrag gewesen. Vom Sprachduktus her hätten diese Titel wahrscheinlich zwanzig, dreißig Jahre früher auch als Titel für Ausstellungen von Kippenberger, Büttner oder Herold gepasst. Diese hätten dann allerdings in Galerien und Off-Räumen, eventuell in Clubs stattgefunden. Turbo-Kapitalismus und Turbo-Kunstmarkt waren damals noch in der Entwicklung und hatten den Elch-Test mit den Neuen Wilden noch nicht absolviert.


Boffer Bix Kabinett, 1998 - mit interagierendem Publikum

Im Hamburger Bahnhof zeigt sich das ganze Elend dieser Retro-Kunst. Wenn einem ob der Offensichtlichkeit der Vorbilder so richtig schön mulmig geworden ist, kann man eben mal ein paar Schritte weitergehen und befindet sich in der nächsten Halle, die den beiden Künstlern Franz West (auch ein reiner 80er Jahre Heroe) und eben Martin Kippenberger gewidmet ist. Der Übergang fällt ganz leicht und ist, wie man sehr schön beobachten kann, für das Publikum meist nicht nachvollziehbar. Zwischen mit echtem Schlamm vollgepladdertem Ducati-Motorrad von Franz West und der mit schokoladebrauner Kunstmasse vollgepladderten Sitzecke von Urs Fischer ist eben für eine wenig ausgefuchste Museumsklientel formal kaum ein Unterschied festzustellen. Die müsste bei Original und Fälschung in der Hörzu erst mal üben.

Weitere Stichwortgeber des Fischerschen Oeuvres sind eine ganze Reihe Schweizer Kollegen der Prä- und Post-Neue-Wilden-Ära, deren Namen hier unerwähnt bleiben sollen, um den Ausstellungsspaß nicht komplett zu verderben. Eine heiße Spur könnte die Mal-Marmelade, also ein Lebensmittel, und die Flächen füllende Verwendung von Handgeschriebenem auf Bildflächen sein.

Auf das Fehlen eines ästhetischen Alleinstellungsmerkmals reagierte die Presse in großer Einhelligkeit verwirrt. Mit wolkiger Bedeutungshuberei und irrlichternden Metaphern versucht man sich, die Haltung und das Zeilenhonorar bewahrend, aus der Affäre zu retten. Oder man assimiliert die Meinung Eugen Blumes (Leiter des Hamburger Bahnhofes) und streicht die letzten dreißig Jahre Kunstgeschichte.
Nein, die übergroßen Wachskerzen-Bunnys sind glücklicherweise NICHT schön und NICHT lasziv und auf gar keinen Fall erotisch, auch wenn uns das der Pressetext des Hamburger Bahnhofs, der gleich von mehreren Medienorganen identisch verbreitetet wurde, nahe legen will.

Konkret wird es dann immerhin in den meisten Berichten wenn es um die Würdigung der Museen, Sammlungen und Galerien, die sich mit dem Werk aus der vergangenen Dekade Urs Fischers beschäftigt haben (als hätte es bei einem Dreiunddreißigjährigen schon so viele andere Dekaden des Schaffens gegeben). Die Schweizer Weltwoche äußerte sich kürzlich in einem Artikel über die Ausstellung Fischers im Kunsthaus Zürich: ”...Talent allein hat ihn natürlich nicht an die Spitze geführt. In der Kunstwelt ist es nicht anders als im wirklichen Leben; ohne Netzwerk geht gar nichts. Urs Fischer hat viele Freunde: eine engagierte Galeristin, eine zielstrebig agierende Kuratorin, die sich seit Jahren für ihn stark machen, mächtige Sammler und ebensolche Sponsoren. Das ist schön für den Künstler, sagt über die Qualität seiner Arbeit dennoch wenig aus.”


Boffer Bix Kabinett, 1998 - ohne Publikum aber mit Marmeladenschatten


What If The Phone Rings Teil 2, 2003


Glaskatzen-Mülleimer der Hoffnung, 1999 - Detail


AM&PM, 2001

Markus Wirthmann, 08.06.05 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor

 

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Kommentare

Pressetext Hamburger Bahnhof: "Urs Fischer ist die erste in einer Reihe von Einzelausstellungen aus der Sammlung von Friedrich Christian Flick." Da darf man ja gespannt sein, womit Flick bzw. Blume die Stadt noch beglücken wird...

Kai [TypeKey Profile Page] | 08.06.05

 

Ohne dieses lästige Typekey hättet Ihr wohl ein paar mehr Kommentare...
Warum brauchen andere Kunstblogger das nicht ? Unerwünschte Kommentare könnt ihr ja sowieso mit einem Klick wieder löschen.

Die Birne mit den Kreuzschrauben war schon sehr gut, zumindest das Foto davon. Das Original konnte ich nicht sehen, da ich im Ausland bin. Dafür (für die Birne) lohnt sich manchmal schon eine ganze Ausstellung mit anderem Zeug. Kippenberger wurde leider von Euch irgendwie in eine schlechte Ecke gerückt, dabei war er doch ein echter Erfinder, und ihn nachzumachen, ist doch evt. auch schon ein erster und guter Schritt.

Kunst-Blog schreibt definitiv zu selten.

Hans Heiner Buhr

grijsz [TypeKey Profile Page] | 09.06.05

 

Hallo Grisz,

der Wunsch, bei Kunst-Blog.com ohne Anmeldung kommentieren zu können, ist verständlich. Allerdings habe ich bei einem anderen Blog-Projekt Erfahrungen damit sammeln können, wie schnell sich kleine, fiese Software-Roboter über eine Webseite her machen und sie mit Werbung für Online-Casinos und andere obskure Angebote vollmüllen. Da sind dann leicht 10 bis 20 Kommentare pro Tag wieder zu löschen, eine nervige Angelegenheit. Deshalb haben wir uns für TypeKey als praktikable Lösung entschieden.

Na klar, Kippenberger hat gute Arbeiten gemacht -- finde auch nicht, dass er hier in Markus' Text schlecht wegkommt.

Adib Fricke [TypeKey Profile Page] | 10.06.05

 

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