Kai Hoelzner | Kritik
Österreich isst Ei
Alessandra Pace kuratiert in der Galerie Volker Diehl "Gulli" von Marc Aschenbrenner. Zu sehen sind drei Filme Gulli (2005), Im Grün (2005) und Schneemann (2004), zwei Installationen Studios made with Garbage Sacks und einige Telefonzeichnungen.

Österreich isst Ei. Und wenn man in die erste Galerieausstellung des 1971 in Linz geborenen Marc Aschenbrenners schaut, dann dürfte das ein ziemlich dickes Ei sein. Vor allem sein jüngster und der Show den Namen stiftende Film Gulli könnte zum Phettesten gehören, was in der Galerie Volker Diehl in der letzten Zeit zu sehen war.
Die Geschichte von Gulli ist schnell erzählt: Rüsselmann lebt im Stadtbad Oderberger Strasse. Er trägt Gummianzug in Steinolive und hat eine Gasmaske auf dem Kopf, die statt mit Filter mit einem Rüssel ausgestattet ist. Der Rüssel baumelt lustig. Klar ist, dass er bald zum Einsatz kommen wird...
Die Frau entsteht aus Wasser, das Anfangs als tropfender Eisblock in den Blick kommt. Dann steckt sie in einem türkisfarbenen Latexkostüm und erkundet die Gänge des leerstehenden Stadtbads. Rostige Duschen tropfen, Badewannen sind schmierig und werden von der Frau mit Fanta-Cassis-blauer Zunge abgeleckt.

Im Schwimmbecken gibt es kein Wasser, sondern eine selbstgebastelte Traglufthalle aus Malerfolie, den sogenannten Airbag. Die Folie hat Marc Aschenbrenner in langer Nacht selbst zusammengeklebt und sie wird mit einer mobilen Heizung aufgeblasen.

Die Frau befindet sich nun im Innern des Airbag und Rüsselmann steht auf der Treppe, die hinab ins Schwimmbecken führt und hat seinen Rüssel an die vor ihm aufragende Traglufthalle angedockt. Offenbar atmet er schon mal ein bisschen Atmosphäre ein, während die Frau im Innern der Sphäre herumrutscht. Kann aber auch sein, dass er das Ding mit seinem Rüssel aufblasen muss.
Etwas später sehen wir sie in einem gekachelten Raum wieder. Sie windet sich am Boden, versucht nun doch noch zu entkommen, während Rüsselmanns Rüssel in ihrem Unterleib steckt und dort an ihr saugt. Vielleicht spendet er Ihr über die Rüsselverbindung aber auch Lebensodem. Das bleibt zum Schluß ziemlich in der Schwebe.
Um es vorweg zu nehmen: Aschenbrenner, der bislang viel als Editor für Künstlerkollegen gearbeitet hat und seit circa einem Jahr Filme öffentlich präsentiert, legt mit Gulli furios los. Groß, dicht, nahezu perfekt produziert und unangenehm intim ist das, was da auf der Leinwand im Seitenzimmer der Galerie zu sehen ist. Kaum verwunderlich, dass der Film von der Mehrheit der Frauen, mit denen ich am Eröffnungsabend sprach, als beängstigend empfunden wurde und zum Teil regelrecht abgelehnt wurde. Gulli entwickelt streckenweise hypnotisierende Züge und Rüsselmann sieht nicht aus wie einer, der Kuschelsex will. Die Frau ist Objekt und wird als Gejagte inszeniert. Die Kamera folgt ihr als Stalker, der Betrachter selbst wird Rüsselmann. In der übrigen Zeit, wenn man gerade mal nicht Rüsselmann ist, fragt man sich, ob die Frau freiwillig in den Dämmer des Oderberger Stadtbads gekommen ist oder von einem Lockstoff in Rüsselmanns Reich gelotst wurde. Gleichzeitig ist Rüsselmann über weite Strecken aber auch nicht der aktive Part. Eigentlich macht er den Film über fast nichts asser rumstehen und beobachten - ausser in der letzten Szene, in der sein Rüssel irgendwie unten in der Frau steckt.
Ziemlich viel macht hingegen Marc Aschenbrenner als Cutter. Wie bereits erwähnt seit Jahren für befreundete Künstler schneidend, montiert Aschenbrenner die von Knut Klaßen gefilmten Szenen zu einer verstörend intensiven, keine Sekunde abreissenden Innenerzählung, neben der weite Teile des narrativen Films in der Kunst völlig blaß aussehen. Wer nicht auf S/M steht und keinem Gummifetisch frönt, wird - egal ob Frau oder Mann - vielleicht nicht warm werden mit dem Gesehenen. Sich den Bilder zu entziehen wird aber kaum einem Zuschauer gelingen. Photographie und Schnitt bekennen sich klar zu einer ästhetisierenden Arbeitsweise und wirken über weite Strecken symbolisch. Als Psychogramm hat der Film einen ziemlichen David Lynch-Touch und Aschenbrenner folgt stets der Devise, dass Erotik und Angst wie alle übrigen Emotionen immer noch im Kopf stattfinden. Theoretische Überhöhungen à la Cremaster finden dagegen nicht statt.
Unentschieden hingegen und tendenziell exhibitionistisch gelagert die Zeichnungen an der Rückwand der Galerie. Die als Mouse Pad betitelten weil als Mauspads benutzten Zettel geben Hinweise auf die Produktionsbedingungen. Aufkleber: Müllsäcke 120 Liter 10 Stück. Oder auch die Rechnung an John Bock - Betrag bar erhalten.

Als Arbeitstagebuch wäre das OK, allerdings sind die ausgefransten Din-A4 Papiere zum Teil mit Parolen vom Kaliber Lieber Gott lass mich ein grosser Ficker sein, Armutsumverteilung oder Österreich isst Ei bekritzelt. Das kommt ein bißchen Meese-mäßig und ironisiert unnötigerweise die intensive Videoshow. Von Ei, das wusste schon Fips Asmussen, bekommt man nämlich ordentlich Tinte auf den Füller. Allerdings lautet die Pointe des mit Vorliebe im Wolfenbüttler Prösterchen Hof haltenden Witzeerzählers, er wisse eigentlich gar nicht, wem er schreiben soll.
Nach dem Anschauen der Telefonzeichnungen wusste ich für eine Moment auch nicht mehr, wer eigentlich der Adressat der Filme ist. Die Zettel an der Rückwand der Galerie von lochen von David Lynch weg auf die österreichische Spur. Dort haben Sex und Fetisch ja immer irgendwie dazugehört, seit Kurt Kren mit seiner 16mm-Kamera die Materialaktionen Otto Mühls gefilmt hat. Flatz und Phettberg legten in den 90ern mit gelebtem oder angedeutetem Masochismus nach und lieferten das Medienbild des sexuell neben sich stehenden Österreichers, der sich zwischendurch und weil er's nicht anders aushält im SM-Club den Allerwertesten sengen lässt. Heute sind es vielleicht gelatin, die im Film Nacktputzen und zwischendurch Pipi machen und mit dem Pillermann spielen, oder die im Rahmen eines vor wenigen Wochen durchgeführten Theaterprojektes des HAU die Zuschauer in eine Wohnung irgendwo in den Berliner Aussenbezirken einluden, wo der Besucher die schöne Möglichkeit hatte, sich unter einen sehr übergewichtigen Menschen zu legen, der es sich für eine kurze Zeit bequem auf ihnen machte. Marc Aschenbrenner, auch wenn kein darauf verweisender Zettel an der Wand zu finden war, kommt aber nun mal aus Österreich und besorgt seit längerem das Editing für Bock und gelatin.

Aber nochmal auf Anfang, wie der Filmer so sagt: Seit Kurt Kren lief es so, dass Film, sofern Sex drin vorkam, irgendwie experimentell und meta sein musste. Aschenbrenners Bildsprache dagegen bleibt im besten Sinne des Wortes konventionell. Selbstreflexion und Experiment liegen sichtbar mindestens drei Jahrzehnte zurück. Panik entsteht durch kurze Schnitte oder hektische Kameraführung, Angst durch Nebel, Geilheit durch Close-Ups und Suspense durch längere Einstellungen, die Rüsselmanns Rücken zeigen. Aktion heißt hier action. Das seit Kren/Mühl bestehende Diktat, dass es bei Sex immer eine Brechung geben muss, ist bei Aschenbrenner fortgewischt. Kein Formalgefrickel, keine Lustigkeiten (zumindest im Video nicht) und keine Theorie. Die Fiktion findet statt, ohne dass Aschenbrenner ständig Mehrwert durch Experiment erzeugen müsste. Mühl, so ist überliefert, war seinerzeit nicht sonderlich zufrieden mit Krens Filmen. Wahrscheinlich weil der Aktionsfilmer Kren und der Aktionskünstler Mühl beide keine Lust hatten, ihre Wirken den Aktionen des anderen unterzuordnen. Marc Aschenbrenner wäre von Mühl sicherlich geliebt worden. Oder er wäre sofort zur Therapie in eine aktionsanalytische Kommune gezerrt worden.
Sowohl Gulli als auch der im großen Galerieraum laufende Im Grün, der irgendwie wie eine Vorstudie zu Gulli wirkt und in dem ein Mann in maßgeschneiderte Plastikfolie gewandet mit strengem Blick überwacht, wie sich die Hauptdarstellerin in einer etwas kleineren und grüneren Plastikfolientraghalle unter ekstatischen Zuckungen eine Art Ganzkörperkondom überstreift (im Fetish-Fachhandel als Latex Fruchtblase - transparent für unter 50 € zu erwerben), bleiben inszenierte Sexualphantasie. Wenn's kickt, kann sexuelle Erregung dabei herausspringen, wen es sexuell nicht so antörnt, der bleibt Voyeur und fragt sich vielleicht, ob beim Nachbarn schon was in der Hose schwillt. Aschenbrenner verzichtet darauf, die inszenierten Phantasien oder den Vorgang des Filmens zu hinterfragen. Auch wissenschaftlich-mythologische Überhöhungen wie bei Matthew Barney oder soziologisch-humoristische Interventionen wie bei Gelatine finden nicht statt. Gulli und Im Grün machen keinerlei Kompromisse und bleiben hart am Rand der Kunst. Was verbindet, ist die vom Wiener Aktionismus ausgegebene Parole Kunst, um die Kunst zu verlassen.

Zusätzlich zu den Filmen sind zwei Traglufträume, Studios made with Garbage Sacks in der Galerie installiert, in denen Szenen der beiden Filme gedreht wurden. Offen bleibt, ob sie Reliquien der Produktion sind oder konstruktiv an der Narration teilhaben, indem sie zum Nacherleben des im Film gesehenen einladen. Ausgestattet mit einem vaginalen Schlitz laden sie zum hineinkrabbeln ein und bleiben so im Dunstkreis der vorgetragenen sexuellen Obsessionen.

Eine kleine Erfrischung, bevor man aus dem Uterus der Aschenbrennerschen Gummiphantasien wieder draussen auf der Straße landet, ist der auf einem Monitor neben dem Eingang gezeigte Videoloop Schneemann, in dem sich Aschenbrenner und eine zweite Person (der Hamburger Regisseur Jochen Dehn) bäuchlings eine Skipiste herunterstürzen. So installiert, dass der Blick beim Verlassen der Galerie noch einmal hängen bleibt, treffen sich in der Performance kurz vorm Schluss dann doch noch action und Aktion.
Gulli ist bis zum 16. Juli Di bis Sa in der Galerie Volker Diehl in der Zimmerstraße 88-91 in Berlin zu sehen.
Kai Hoelzner, 05.06.05 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor
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