Adib Fricke | Kritik

Offizielle Fussball-Kunst

Die FIFA hat Kunstposter zur Fussballweltmeisterschaft 2006 in Deutschland veröffentlicht. Die Berliner Kunstmarketing-Agentur Brands United, nach Eigendarstellung darauf spezialisiert, »die Partnerschaft zwischen Kunst und Kultur und Wirtschaft zu professionalisieren«, entwickelte das Kunstdruck-Projekt zum Thema Fussball in Zusammenarbeit mit dem Organisationskomitee der WM 2006. Gefördert wurde die Plakatserie als Teil des offiziellen Kunst- und Kulturprogramms zur WM 2006 durch die DFB-Kulturstiftung aus Mitteln der Bundesregierung.

Heraus kam eine Reihe mit 13 Postern, die vor allem zeigt wie langweilig Auftragskunst sein kann.


Auf der FIFA-Webseite gibt es die FIFA World Cup Art Poster

Gleich zwei teilnehmende KünstlerInnen haben eine Frau ins Zentrum ihres Motivs zum männerdominierten Sport gestellt und der vermittelnde Text der Agenturwebseite argumentiert werkimmanent: Zu Tim Ayres' Motiv Girl With Football ist zu lesen, dieses »zeichnet in der Linienführung des Arms und der Hand, die einen Fussball hält, den FIFA Pokal nach, um den 2006 auf dem Weltmeisterschaftsrasen gerungen wird.« Ganz schön clever! Für eine solch innovative Sichtweise brauchte es die Kunst. Rosemarie Trockel, hat eine Frau »wie für ein Survival-Training mit Trillerpfeife und Hut ausgerüstet« und schickt »die Protagonistin ihres Werks auf den Fußballplatz - mitten hinein in das Geflecht einer fremden, aber aufregenden Welt.« Klar, dass ein solches Werk als »humorvoll und hintergründig« bezeichnet wird.

Tobias Rehberger nannte seinen Beitrag 90 Minutes. Da lief der oder dem Schreibenden dann vor Freude wohl die Tinte des Farbdruckers über, zumindest ist hierzu zu lesen, dass das Werk »mit blossen Mitteln der Farbe und des Farbverlaufs eineinhalb Stunden Spannung und Spiel erzeugt«. Ob es cool ist, dazu Time Is On My Side aufzulegen?

Norbert Bisky »zeigt die Dynamik und Ästhetik einer Spielsituation, die dem Ballett entstammen könnte«. Also einen Fussballertanz? Bestimmt, denn »Assoziationen zwischen Fußball, Tanz und Ballett sind in dieser Bewegungsstudie künstlerisch erstklassig umgesetzt.« Michael Craig-Martin dagegen hat »ein Werk erstellt, in dem er zwei Insignien des Fußballsports organisch miteinander« verflochten hat, »den Ball und den Fußballschuh«. Hätten Nike und Adidas nicht schon so ein gutes Marketing, fast wäre man versucht, ihnen diese Schuh-Ball- bzw. Ball-Schuh-Verflechtung als Saison-Logo anbieten zu wollen.

Die Künstlerauswahl war international, aus allen »sechs Fussball-Kontinenten« (DFB Kulturstiftung) durfte jemand mitmachen. Mit A Cup for Your Toy transferierte das chinesische Drei-Brüderkollektiv Luo Brothers »Elemente, die kunstgeschichtlichen Ikonen wie Holbeins Putti oder den Engeln von Raffaels Sixtinischer Madonna entlehnt sein könnten, in die industrielle Spielzeugwelt der Wirtschaftsmacht China« wie die Agenturwebseite erläutert »und arrangiert sie zum Objekt der Begierde, dem FIFA Pokal«. Eine Idee wie oben auch schon, aus einer Kugel und einem etwas länglicherem unten drunter entsteht die Form des Pokals. Sieht aus wie echt aus China - nette Kitschästhetik, ausserdem mit Sonnenstrahlen, die an eine japanische Kriegsflagge erinnern. Hisashi Tenmyouya nennt sein Bild schlicht Football. Laut Agenturtext »operiert [er] mit martialischen und dramatischen Effekten und zeigt Fußball als Kampf zwischen Antagonisten. Der Entwurf ist im traditionellen Ukiyo-e Stil ausgeführt.« Jetzt kommen mehr Fremdwörter hinzu, ob es dadurch spannender wird? Die beiden miteinander als Stellvertreter von 2 x 11 Männern um einen Ball kämpfenden Figuren seines Posters sehen aus als sei Asimo, der brave humanoide Honda-Testroboter, mit Wesen in Samurai-Rüstungen aus der Edo-Periode ausgemendelt worden und der kämpferische Aspekt dabei der dominate gewesen.

Kwesi Owusu-Ankomahs »schwarz-weiß gehaltene Leinwand« mit Titel Go For It, Stars »zeigt figurative Formen, die der Künstler wie ein Vexierbild an[ge]legt« hat. Dabei muss man sich allerdings lange »plagen« und das Bild »schütteln« (für diese Wörter steht das lateinische vexare, von dem das Vexierbild abgeleitet ist), um mehr zu finden; das nicht auf den ersten Blick Erkennbare ist auch auf den zweiten nicht zu erkennen. Mit Bridging The World hat Toyin Loye »einen Fußball gemalt, in den er u.a. die Nationalfarben seiner Heimat Nigeria - grün und weiss - « eingearbeitet hat. Auch Gelb, Blau und Schwarz sind mit dabei, umspannt von roten Linien, auf denen kleine menschliche Figuren zu sehen sind.

Die Vermittlungsarbeit wurde anscheinend schwieriger, je weiter entfernt der Herkunftsort teilnehmender Künstlerinnen lag. Zur Arbeit der Brasilianerin Beatriz Milhazes war nur zu lesen, sie greife mit der gleichnamigen Arbeit »den Namen des legendären Fußball-Stadions ‘Maracanã’ auf, der in Brasilien für Fußball« stehe. Und bei der Australierin Jess MacNeils war das Motiv Could Go Other Way selbst schon etwas wolkig, so gab es auch nicht mehr zu sagen, als dass die »Newcomerin ihr Talent ... unter Beweis« stelle. Gerade weil hier nicht viel gesagt wird, lässt es viel Raum offen. Und diese symbolisch zu deutende Weite eines offen gelassenen Raums steht bestimmt für eine große Ferne der Kulturen, die beim sportlichen Freudentaumel im Zusammenspiel mit der Kunst aufgehoben wird. Oder?

Sarah Morris »fragmentierte« in Gateway nun »die Oberfläche eines Spielfeldrasens in geometrische Parzellen, die sie dann in eine abstrakte Raumkonstruktion integriert[e]«. Handwerk, einfach und glatt. Andreas Gursky hatte zu der Reihe noch das beste Motiv beizutragen, eine grafisch attraktive Fotografie. Ähnlich wie die Bearbeitung eines Ackerbodens zeigt das Bild Untitled XV »das Auslegen eines Fußballrasens auf dem Platz«; ein wenig scheint die Botschaft zu sein, es dauert nicht mehr lange, bis gekickt wird.

Die 13 Poster werden uns verfolgen, die DFB-Kulturstiftung schreibt, dass die Official Event Art Poster »in Kunst- und Kulturinstitutionen und in Galerien im In- und Ausland ausgestellt« werden. Ich wette, irgendwann wird es auch noch einen Kalender geben: 12 Monate und ein Deckblatt. Bis dahin kann der gehobene Fanartikel einzeln für 30 EUR oder als Komplettpaket für 390 EUR erworben werden. Ein signiertes Poster aus einer der jeweils auf 800 Exemplare limitierten Sonderedition gibt es für 600 EUR. Mehr auf der Webseite Official Art Poster 2006 FIFA World Cup Germany.

Adib Fricke, 14.06.05 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor

 

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Kommentare

Also so schlecht ist die Edition im Vergleich zu früheren Designpannen des deutschen Sports doch nicht. Langweilig finde ich sie nicht, sogar ganz anregend.

Meine persönliche Wertung: 3 super 2 na ja 1 nicht so

3 Rehberger, Hisashi Tenmyouya, Kwesi Owusu-Ankomah, Sarah Morris

2 Luo Brothers, Toyin Loye, Trockel, Gursky

1 der Rest

Im Großen und Ganzen gar keine schlechte Edition und nicht mal besonders teuer.

grijsz [TypeKey Profile Page] | 14.06.05

 

PS Hier wäre noch ein eigener Vorschlag gewesen: Künstler: Murtazi Shvelidze, Georgien

http://newimages.blogspot.com/2005/05/tv-set-by-murtazi-shvelidze.html

grijsz [TypeKey Profile Page] | 14.06.05

 

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