Kai Hoelzner | Kritik
Shoplifters of The World Unite
Ja das Ökonomische! Dass junge Frauen, die in den Filialen von Bulgari, Versace oder Gucci einkaufen oder auch dort arbeiten, dem Schönheits- und Modeideal der Zeit oft nicht gerade hinterherhinken, versteht sich eigentlich von selbst. Und so wären Stefan Panhans Fotoarbeiten, auf denen fast ausnahmslos junge Frauen in Boutiquen, beim Shoppen oder in ähnlichen Situationen zu sehen sind, nicht gerade überraschend. Fotografische Affirmation und das Schönfinden von Shop-, Galerie- und sonstigen Assistentinnen, aber auch Kritik an Warenästhetik ist derzeit nicht besonders relevant. Dennoch verdient es Panhans Gezuckerte Hänge Hungrige Spiegel Glänzende Anrufbeantworter betitelte Ausstellung, etwas genauer hinzuschauen.

Interessant ist die Perspektive, die Panhans in seinen fotografischen Arbeiten eröffnet. Die Arbeiten sind im Vorbeigehen geknipst, durch Schaufensterscheiben oder zwischen Auslagen und Warenpräsentationen hindurch aufgenommen. Und obwohl die meisten Aufnahmen für die Fotografierten selbst unbemerkt gemacht wurden und also das Einvernehmen zwischen Modell und Fotograf fehlt, schlägt auf fast jedem Bild eine Pose durch, in der sich die jungen Frauen inszenieren, auch wenn scheinbar keine Kamera anwesend ist.
Als geklaute Aufnahme, grenzüberschreitend und allemal die Privatsphäre missachtend, ist fast alles, was da bei Olaf Stüber an den Wänden hängt, juristisch gesehen angreifbar. Die Tatsache allerdings, dass die jungen Frauen posieren und auch in scheinbar unbeobachteten Momenten so aussehen, als gelte es, einem Fotografen die verfügbaren Images der eigenen Person anzubieten, führen dazu, dass der rechtliche Aspekt weitgehend unbemerkt bleibt. Der Schutz des Subjektes vor z.B. öffentlicher Zurschaustellung scheint aufgehoben. Fraglich ist, ob die Fotografierten selbst überhaupt wissen, dass sie ein Recht auf das eigene Bild haben. Was soll schon falsch sein daran, jemanden zu fotografieren, dessen Aussehen und Körpersprache in vorauseilendem Gehorsam danach schreien, endlich auch einmal fotografiert zu werden?
Insofern täuscht sich Ariane Beyn, wenn sie in dem bei Revolver ausstellungsbegleitend erschienenen Katalog argumentiert, Stefan Panhans’ fotografischer Eingriff bestehe darin, mit den bildhaften Inszenierungen dieser Verkaufs-Settings zu arbeiten, sie zu manipulieren, indem er sie potenziert, die sexy Oberflächen zu teilweise collagenhafter Schichtung verschärft oder veredelt. Die Intention des Fotografen ist weniger die Potenzierung des schönen Scheins der Warenwelt in Form einer Hinzufügung oder Vermehrung dieses Scheins, als vielmehr die Aneignung dessen, was zwar für Jedermann sichtbar ist, sofern er bei Bulgari, auf den Salon de Automobile oder zum Beispiel auch auf einer Kunstmesse einkehrt, was aber formaljuristisch immer noch dem Schutz der Privatsphäre unterliegt. Attraktive Frauen repräsentieren attraktive Waren. Vielleicht ist es auch einfach der Wunsch nach Aneignung der Luxusprodukte, den Stefan Panhans' Arbeiten sublimieren. Die widerrechtliche fotografische Aneignung der Images und des Personal Touch, mit dem Waren sonst an den Mann und oft auch an die Frau gebracht werden.

Nach § 242 StGB liegt Diebstahl dann vor, wenn jemand eine für ihn fremde Sache in der Absicht wegnimmt, die Sache sich oder einem Dritten rechtswidrig zuzueignen. Dabei stellt sich angesichts der technischen Reproduzierbarkeit die Frage, inwieweit ein Strafbestand bereits allein durch die rechtswidrige Zueignung vorliegt. Im Fall des Urheberrechtes findet derzeit die Anpassung des deutschen an europäisches Recht statt, in deren Zuge die bloße Zueignung zunehmend ins Visier gerät, auch wenn im physischen Sinne nichts weggenommen wird. Die Frage, die sich stellt, ist, ob die Zueignung immateriellen ästhetischen Eigentums, also der umgebungsadäquaten Inszenierung der eigenen Attraktivität, hier vorliegend im Gesamterscheinungsbild junger Verkäuferinnen bei Bulgari, als strafrechtsrelevant angesehen werden müssen.
Als ich am Tag vor der Eröffnung in die Galerie kam, waren Olaf Stüber, Stefan Panhans und sein Sammler Rik Reinking jedenfalls gerade mit der Hängung beschäftigt. Eigentlich war schon alles paletti, es ging lediglich noch darum, ob unten rechts die Aufnahme einer Lebensmittelwaage platziert werden sollte. Sozusagen als Kontrast zur ganzen Sexyness auf den übrigen Bildern. Das Argument, das gegen diese Idee vorgebracht wurde, lautete, dass eine so bewusste Brechung des Konzeptes ein zu starkes Gewicht auf das im übrigen nicht so spannende Bild von der Waage legen würde. Irgendwie sah das durchsichtig und bemüht aus, mit nur diesem einen Brechungsmoment unten rechts. Das Argument griff soweit, auch wenn ich nicht ganz mitbekommen hatte, warum Panhans die Waage überhaupt hängen wollte. Inzwischen ist mir der Symbolgehalt der Waage aber wieder eingefallen: Gerechtigkeit ist in der Welt der Luxusmarken eine Digitalwaage mit grün blinkender Digitalanzeige. Den Preis pro Kilo zeigt diese gleich mit an.

Im Seitenzimmer der Galerie läuft, aufsetzend auf den fotografischen Arbeiten, ein Video, das Panhans 2004 gedreht hat. Also hör mal, wir haben da so eine Produktion laufen, dazu brauchen wir Leute, die sich was trauen, die zu sich stehen. Echte Charaktere, ganz eigene, selbstbewusste Typen. Du müsstest einfach nur du selbst sein, aber eben super, verstehst du? Be yourself but at its top!...
Eine junge Frau am Steuer eines im Grünen geparkten Smart (was auch sonst?) gibt Hinweise, wie es klappen könnte mit der Karriere. Leicht konspirative Stimmung, die Frau trägt Norwegerpulli und Lappen-Strickmütze - das hat man mal getragen vor zehn oder zwölf Jahren im Grunge-Sektor und offenbar wurde dieser Style vor ein zwei Jahren irgendwo von irgendwem recycelt. Ist aber auch egal, weil, die Schauspielerin hat es ja bereits eingangs erwähnt: Be yourself, but at its top. Da geht auch Rentierjägermütze. Die Frage, die sich stellt, ist nämlich, was man tun muss, wenn man nicht länger nur durchs Schaufenster fotografieren will. Schicke Sonnenbrillen klauen ist zwar im Grunde korrekt, auf Dauer aber eben auch keine Lösung. Was wir wissen wollen ist, was man eigentlich anstellen muss, um als Model, Künstler oder Band am geilen Leben zu partizipieren. Und also nicht mehr auf der falschen Seite der Schaufensterscheibe stehen zu müssen. Irgendwie muss das doch zu machen sein. Die Chix on Speed haben es doch immerhin auch geschafft und einen Video mit Karl Lagerfeld gedreht. Und Sehgal bespielt den deutschen Pavillon und darf ein Gespräch mit Sloterdijk führen, obwohl er... - aber lassen wir das!
Olaf Stüber, in dessen Räumen das Künstlerduo Baldur Burwitz/Christoph Zwiener vor einigen Wochen schon einmal eine ganz interessante Analyse in die psychosozialen Prozesse eines Ausstellungsabends gegeben haben, lädt sich mit Stefan Panhans abermals einen leicht unbotmäßigen Kommentar zum Kunstbetrieb ein. Die Fotoarbeiten dokumentieren die Zurichtung des Subjektes bis zur hin Subjektlosigkeit in Form von freiwilliger Selbstinszenierung, innerhalb derer sich auf Panhans' Fotos vorwiegend junge Frauen in Styles und Posen medial vermittelter, supranationaler Vorbilder eingeübt haben. Das Video erklärt, wie das funktionieren könnte: Subjekt sein (und vielleicht bleiben) und trotzdem entsubjektiviert agieren.

Panhans' hat sein Fotobuch, in dem die oben zitierte Ariane Beyn über Shop-Design und Konsumentenverführung schreibt, mit dem Satz "Womit wird eigentlich vergoldet bei einem Waldüberfall frag ich mich gerade" betitelt. Das ist so eine zweite Ableitung eines Satzes von René Pollesch, der lautet: Womit wird eigentlich gehandelt bei einem Banküberfall, frag ich mich gerade. Da wechselt Geld den Besitzer, also muss doch irgendwas verkauft worden sein. Irgendwas Unsichtbares muss hier die Besitzer gewechselt haben. Vielleicht wird hier irgendeine Art von Überlebenswillen getauscht.
Auf die Situation des Fotografierens bezogen, wäre in erster Ableitung zu fragen gewesen: Womit wird eigentlich gehandelt bei einem Foto-Shooting. Wird da etwas erschossen am Ende. Also jetzt nicht so physisch, sondern wird da vielleicht gerade das Subjekt erschossen? Zumindest liegt es schon mal Gesicht nach unten am Boden, während darüber der Typ mit der Kamera gerade wieder "keine echte Bewegung" ruft. Der andere Extrempunkt der Funktion "Kunst" müsste demnach lauten: Womit wird eigentlich bei einer Galerieausstellung gehandelt. Am wahrscheinlichsten wohl mit Angst.
Wahrscheinlich ist Olaf Stüber der derzeit einzige Galerist unter den besseren Galeristen in Berlin, der einem darauf auch noch eine Antwort zu geben versuchen würde, wenn man ihn fragen würde, wie man es zum Beispiel anstellt, als Künstler bei ihm in der Galerie zu landen. Eine Frage, die sowieso nur von den verbitterten Gestalten auf der falschen Seite des Erfolgsschaufensters gestellt wird. Stimmen Deine Kontakte, kennst du die Codes, stimmt das mit deiner Kommunikation, dann brauchst Du eigentlich nur noch gute Arbeiten.
Oder anders gesagt: Indem man einen Galeristen findet, findet man einen Galeristen. Wenn man Glück hat, findet man Stüber.
Noch bis zum 16. Juli 2005 ist in der Galerie Olaf Stüber, in der Max-Beer-Straße 25 in Berlin-Mitte Gezuckerte Hänge Hungrige Spiegel Glänzende Anrufbeantworter von Stefan Panhans zu sehen.
Kai Hoelzner, 21.06.05 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor
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