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Von Affen lernen

Typisches Fächermuster Congos, Tempera auf Papier
»Manager können von Affen viel lernen« titelte die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung am letzten Wochenende und auch auf dem Kunstmarkt hatten unsere nächsten biologischen Verwandten einen spektakulären Auftritt. Die Nachricht, dass das Londoner Auktionshaus Bonhams 3 Gemälde des Schimpansen Congo für insgesamt 21.515 Euro an einen amerikanischen Sammler versteigerte, während Werke von Warhol und Renoir liegen blieben, befand Spiegel Online für einen Artikel wert.
Das Phänomen der wunderbaren Wertsteigerung von Kunst, gepaart mit der Sehnsucht nach natürlichen Ordnungen und authentischen Vorbildern, die unser Handeln legitimieren, machen das Wiederauftauchen von Congos Blättern auf dem Markt signifikant.
1957 war die Welt reif für die Affenmalerei. Ihre Prominenz verdankte sie einer historischen Koinzidenz: Die tachistische Malerei der Nachkriegszeit schien in beunruhigender Weise auf die Entwicklungsstufe von Kleinkindern, Geisteskranken und »Wilden« zurückzufallen. Die Verhaltensforschung spürte der »Biologie der Kunst« nach. Und das junge Medium Fernsehen entwickelte einen Bedarf an neuen Stars.
In der Person Desmond Morris (*1928) fanden diese drei Zeiterscheinungen genuin zueinander. Der Zoologe, Verhaltensforscher und Künstler wurde 1956 Leiter von Granada TV, der Fernseh- und Filmabteilung der Zoologischen Gesellschaft von London. Für seine wöchentliche Tiersendung adoptierte Morris das Schimpansenmännchen Congo (*1954) als Maskottchen und machte ihn Schritt für Schritt zum Maler- und Medienstar.
Im Alter zwischen zwei und vier Jahren produzierte Congo fast 400 Zeichnungen und Gemälde. Im Gegensatz zu anderen Experimenten sind Affen zum Malen stets gern bereit. Morris schloss, dass künstlerische Tätigkeit selbstbelohnend wirke, wenn nicht gar einem »starken Trieb« folge. Versuche, Congo durch Belohnung zu besseren Leistungen zu motivieren, führten dazu, dass er nur rasch irgendetwas hinkritzelte um sofort die Hand nach der Banane auszustrecken – die »übelste Form kommerzieller Kunstausübung«, kommentiert Morris. Mit dem Beginn der Pubertät verlor der Schimpanse jegliches Interesse an Bildproduktion. Life is short.
Über das Fernsehen hatte Morris die Herausforderung ausgesprochen, dass andere Primaten es mit Congo auf dem Feld der Kunst aufnehmen sollten. Tatsächlich liefen in den Zoos von Amsterdam und Zürich ähnliche Experimente mit malenden Affen. 32 Primaten, vornehmlich Schimpansen, produzierten in der ersten Hälfte des 20. Jhds. Zeichnungen und Malereien.
Betsy aus Baltimore nahm die Herausforderung an. Vor amerikanischen Fernsehkameras widmete sie sich im Rüschenkleidchen der Fingermalerei. Es wurde eine gemeinsame Ausstellung vereinbahrt. Eine Reihe ihrer Gemälde wurde nach London geschickt und 1957 zusammen mit Congos Arbeiten im Institute of Contemporary Arts der Öffentlichkeit vorgestellt.
»Engländer lieben Tiere und hassen abstrakte Kunst.« (Morris) Dennoch war das Interesse an der Ausstellung überwältigend. In einer schwachen Minute gab der Direktor des ICA den Kaufwünschen nach und binnen kürzester Zeit waren die Exponate ausverkauft. Wissenschaftliches Material, das aussah »wie Kunst« hatte sich in kunstmarktkompatible Produkte transformiert. Für die Folgeausstellung in den USA musste Congo die fehlenden Blätter nachproduzieren.
Morris’ eigene Karriere als surrealistischer Maler und ihr Effekt auf seine zoologischen Forschungen bleibt weitgehend im Dunkeln. Den künstlerischen Autodidakten trieb ein elementares Interesse, Kunstschaffen als angeborenes Verhalten auch bei seinen »haarigen Vettern« nachzuweisen. In The Biology of Art (1962) hält er die Geschichte der Affenmalerei fest. Der kommerzielle Erfolg seines Bestsellers The Naked Ape erlaubte Morris, sich nach einem Jahr als Direktor des ICA London 1968 auf Malta niederzulassen und einige Jahre ganz dem Schreiben und Malen zu widmen. Sein Komparse Congo war zu diesem Zeitpunkt schon tot.
Rund zwanzig Jahre nach Congos Tod analysierte und imitierte Arnulf Rainer die Dynamik von Schimpansen-Kritzeleien. In simultanen Malsituationen erreichte der Künstler nie die Unmittelbarkeit seiner äffischen Vorbilder. Sind Affen besser? Oder haben sie es nur leichter?
Der Boss einer Pavianherde managt das Überleben der Gruppe, führt sie zu Futter und Wasserstellen. Die Bilder der malenden Affen sind Dokumente von mehr oder minder ausgeprägter mechanischer Koordination und Lust am Spiel. Ihre Produzenten sind unbelastet von kulturellem Vorwissen.
Ob es um das Führen von Gruppen geht oder um Malerei, sind es die Qualitäten von Unbefangenheit und Direktheit, in denen Affen den Menschen voraus sind. Was lernen wir von Affen? Im hochkomplexen Zeitalter des homo ludens, in dem Kompetenzerweiterung und soziale Vernetzung zählt, vor allen Dingen eins: unverkrampfte Lässigkeit.

Congo konzentriert die Linien im Zentrum, Tempera auf Papier
Quellen:
Kunst-Auktion: Gemälde eines Schimpansen erzielt 14.000 Pfund
Morris, Desmond: Der malende Affe. Zur Biologie der Kunst. 1968: München (dtv)
Abbildungen: Dellbrügge & de Moll
Dellbrügge & de Moll, 28.06.05 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor
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