Gastbeitrag | Sonstiges

Streit um Istanbul

Urbane Realitäten: Fokus Istanbul
9. Juli – 3. Oktober 2005
Martin-Gropius-Bau, Berlin

Schon im Vorfeld wurde die von Christoph Tannert kuratierte Ausstellung in der Presse scharf attakiert. So wurde etwa in der TAZ vom 4.7.2005 Vasif Kortun mit den Worten zitiert: "Dieses traurige Desaster ist das Ergebnis eines katastrophalen Missmanagements von Christoph Tannert". Weiterhin ist von "konzeptionellen Mängeln, der mangelnden Transparenz bei der Auswahl der Künstler und der undurchsichtigen und ungerechten Mittelvergabe" die Rede.

Kunst-Blog.com bot Christoph Tannert die Möglichkeit einer Stellungnahme.

Die folgenden drei Texte, das Vorwort zum Ausstellungskatalog, der offene Brief einer Gruppe von Künstlern aus Istanbul und die Antwort Christoph Tannerts sollen die verschiedenen Standpunkte darstellen und zur Klärung der Situation beitragen - oder zur weiteren Diskussion anregen.

Alle drei Texte sind Bestandteile des Katalogs zur Ausstellung.

Vorwort zum Katalog der Ausstellung

Offener Brief an alle betreffenden Künstler

Antwort auf einen Offenen Brief


Vorwort zum Katalog der Ausstellung "urbane Realitäten: Fokus Istanbul"

Christoph Tannert

Istanbul ist ein Stadtzwitter, eine sich in einem gewaltigen Umbau befindliche Deutung der modernen Welt durch eine halbagrarische Gesellschaft. Die Zahl der Einwohner stieg in den letzten 50 Jahren um das Zehnfache. Der Zuzug der armen Landbevölkerung hält an. Während hierzulande unser Bild von Istanbul sich immer noch auf jenen Teil der Stadt bezieht, der als Kulturdenkmal seiner selbst, als „ewige Stadt“, Konstantinopel, Byzanz etc. seit zweitausend Jahren existiert, haben gigantische Migrantenströme entlang den Straßen und Autobahnen 90% des städtischen Profils von heute radikal verändert.

URBANE REALITÄTEN: Fokus Istanbul ist der erste Teil einer Ausstellungstrilogie, die sich, anders als die kuratorische Beschäftigung mit „schrumpfenden Städten“, den fast unkalkulierbaren Wachstums- und Veränderungsprozessen, geographischen Zwischenformen und dem uneindeutigen, vielfältigen und spannungsreichen Rahmen für die Gestaltung des sozialen Raumes in allen Teilen der Welt stellt. Für die kommenden Jahre sind ähnliche vergleichende Untersuchungen mit künstlerischen Mitteln in Bezug auf die Städte Kairo und Mexico-City geplant.

Als einzige Stadt der Welt erstreckt sich Istanbul auf zwei Kontinente. Sie verbindet den Orient mit dem Okzident. Sie hat viele Brücken gebaut, manche in der Tat, manche im Geist. Die kulturellen Wechselbeziehungen dieser beiden Weltregionen, wie sie sich in der Stadt Istanbul und ihrem Austausch mit den Städten Europas manifestieren, sollen in der Ausstellung dargestellt werden. Diesbezüglich geht es weniger um die ästhetische Perspektive des flanierenden Künstler-Touristen, der Istanbul neugierig zu durchstreifen gedenkt, als vielmehr um die Auseinandersetzung mit Istanbul als einem Fallbeispiel für globale Prozesse. Wir wissen, dass Europa mehr ist, als das, was war. Europa kann das sein, was Europäer im tätigen Verständigungsprozess zu gestalten versuchen. So soll es ein wichtiger Beitrag zur öffentlichen Diskussion sein, darzustellen, welche Rolle die Stadt Istanbul in diesen Wechselbeziehungen in ihrer Geschichte eingenommen hat, welcher Reflex in Kunst und Kultur heute nachvollziehbar ist. Dass Berlin und Istanbul außerdem durch eine Städtepartnerschaft verbunden sind, wird noch zu häufig übersehen.

Gerade in Deutschland gibt es derzeit ein gesteigertes Interesse an Istanbul (als Thema in den Bereichen Kultur, Politikwissenschaft, Wirtschaft, Tourismus wie auch als Projektionsfläche individueller Erwartungen). Ausgelöst wurde und wird dieses Interesse durch die bekannten erfolgreichen Film- und Fernsehproduktionen, außerdem etwa durch die Bücher von Orhan Pamuk sowie ein von der Istanbul Foundation organisiertes Festival türkischer Kunst und Kultur, das 2004 unter dem Titel Simdi Now in Berlin stattfand und medial aufmerksam begleitet wurde. URBANE REALITÄTEN: Fokus Istanbul kann durchaus als Antwort auf Simdi Now verstanden werden. Zur Ausstellung wurden Künstler und Künstlerinnen verschiedener Herkunft und Nationalität eingeladen, die ein Interesse daran haben, in ihren Kunstwerken auf die Diversität und Heterogenität von Kulturen, Religionen, Sprachen und Ethnien in einer Megastadt wie Istanbul Bezug zu nehmen. Als klassische Themen-Ausstellung sucht URBANE REALITÄTEN: Fokus Istanbul den Blickwechsel bzw. das Sichkreuzen der Blicke, die von außen auf die Stadt gerichtet werden, mit denen aus der Stadt selbst.

Während Künstler aus 20 Ländern* den Projektgedanken interessiert aufnahmen, haben eine Anzahl wichtiger türkischer Künstlerinnen und Künstler sowie Kuratoren/Autoren die Einladung zur Ausstellung erst angenommen, diese aber nach dem Entstehen scheinbar unüberbrückbarer Differenzen wieder zurückgezogen. Eine ausführliche Dokumentation dieses Vorgangs findet sich auf den Seiten ?? bis ??. Gerade an solch einer Auseinandersetzung zeigt sich der Riss, der sich gegenwärtig durch die türkische Öffentlichkeit zieht und auch die Künstler Istanbuls in unterschiedliche Lager spaltet.

Ein teilweise wiedererwachter Totalitarismus nährt sich nicht etwa, wie im Modernismus, von Progressionshypothesen; er will nicht einschließen, er schließt aus, verpflichtet nicht zur Gefolgschaft, sondern zur Abgrenzung. Einige Künstler und Kuratoren Istanbuls wollen endlich über die heteronomen Bestimmungen, die sie weltweit mitkonstituieren (Kernfrage: Wer repräsentiert wen wann und wodurch?), selbst verfügen, was völlig verständlich ist, als zum einen ästhetisches, zum anderen politisches Apriori, was freilich nur neuen Ausschlussprinzipien Vorschub leistet. Ihr Begriff von Pluralität setzt nicht auf lebendige Kommunikation souveräner Teilnehmer. Sie verstehen Pluralität vielmehr als generelle Vielfalt sich separierender Gruppen – die freilich alle die Vorstellung eint, sich gegenüber „falschen Wahrnehmungsdispositionen“ und dem Anderen, das zumeist aus Richtung Europa bzw. „dem Westen“ kommt, wappnen zu müssen. Dabei spielt der Konkurrenzneid gegenüber den Auslands-Türken eine nicht unwesentliche Rolle. Dem Prozess hin zu einer Vollmitgliedschaft der Türkei in der EU stehen diese Kreise skeptisch gegenüber, weil sie der Meinung sind, die zivile Stadtgesellschaft Istanbuls sei längst ein Teil Europas, die Hervorbringungen aus dem Bereich der Gegenwartskunst etwa würden aber im internationalen Maßstab zu gering geschätzt. Politische Beobachter dagegen stellen fest, dass die gegenwärtige Türkei, wolle sie Europa mitgestalten, sich zuerst schleunigst aus einem Stadium der Bequemlichkeit lösen und die beschlossenen Reformgesetze umsetzen müsse.

Dieser Zwiespalt, potenziert durch unterschiedlichste künstlerische Ansichten und Ich-Positionen, tangiert die Ausstellung wie eine Generalbasslinie, wobei auch Nicht-Türken in ihren Werken durchblicken lassen, wie skeptisch sie das Jahrhundertprojekt Europa sehen: zu bürokratisch, zu kalt, zu sehr wirtschafts- und zu wenig menschenorientiert. Somit schließt sich der Kreis in einem kakophonen Meinungskonzert. Der intellektuelle Gehalt des Projekts, so wie ihn die Künstlerinnen und Künstler in ihren Werken ausgeformt haben, lässt vieles aufblitzen, was von einer Kunstausstellung so möglicherweise nicht erwartet wird.

Die künstlerischen Untersuchungen der urbanen Realitäten am Diskussionsgegenstand Istanbul mit Blick auf Europa bringt folgende Unterthemen in den Vordergrund:

  1. Geschichte / Erinnerung / Heimatgefühle / Familie / Religion
  2. Stadtbild / Städtebau / Stadtentwicklung / Infrastruktur / Reurbanisierung / Gentrificationsprozess / Städtisches Leben / Nachtleben
  3. Kulturelle Aufklärung / Migration / Minderheitenschutz/ Demokratisierungsprozess / Selbstbestimmungsrecht
  4. Gewalt / Öffentliche Sicherheit
  5. Kunstszene Istanbul / Innerkünstlerische Dialoge / Bezugnahme auf türkische Literatur sowie Literatur über die Türkei
  6. Auseinandersetzung mit Klischees / Politischer Korrektheit / Wertesystemen / neuen Gesellschaftsbildern / medialer Wirklichkeit
  7. Durch die andere Brille gesehen: Türken in Deutschland

Eingerichtet wurde die Ausstellung auf 2000 qm im Lichthof und im gesamten Erdgeschoss des Berliner Martin-Gropius-Baus mit Werken der zeitgenössischen Kunst aus den Bereichen Malerei, Skulptur, Installation, Fotografie, Video, Sound Art und Film von gut 70 KünstlerInnen und Filmemachern aus drei Generationen.
Einige Werke sind älteren Datums und tragen ein Stück Kontinuität der Auseinandersetzung mit dem Thema in die Ausstellung. Zahlreiche Projekte wurden von Künstlern speziell für die Ausstellung entwickelt, so von Rey Akdogan, Nevin Aladag, Luchezar Boyadjiev, Sergej Bratkov, Fernando Bryce, Heman Chong, Damian Deroubaix, Christine de la Garenne, Silvina Der-Meguerditchian, Peter Friedl, Eberhard Havekost, Minna L. Henriksson, Richard Hoeck, Olaf Holzapfel, Ali Kepenek, Lina Kim, Folke Köbberling/Martin Kaltwasser, Germaine Koh, Tamas Komoroczky/Hajnal Nemeth, Valery Koshlyakov, Lucas Lenglet, Via Lewandowsky, Serhat Özkaya, Haralampi Oroschakoff, Juan Pérez Agirregoikoa, Lars Ramberg, Reynold Reynolds, Sebastian Romo, Sarkis, Robert Scheipner, Wael Shawky, Reinhard Stangl, Roland Stratmann, Julia Strauss, Asli Sungu, Evanthia Tsantila, Nasan Tur, Costa Vece, Suse Weber, Ute Weiss Leder, Peter Welz, Michael Wesely, HS Winkler. Aus allen Werken sprechen Vorlieben und Vorurteile, der Eifer von Provokateuren, Kritikern und Kollaborateuren, manche sind lesbar als Akte der Selbstverteidigung, andere schwören auf die Kraft des Humors. Die Künstler bestätigen, negieren, füttern und vergiften bestehende Meinungen, decken Verbindungslinien zu Politik, Psychologie, Philosophie, Stadt- und Architekturgeschichte auf – und natürlich zur Kunst.
Die Einrichtung der Ausstellung im Martin-Gropius-Bau (im Stadtteil Kreuzberg) verzichtet weitestgehend auf Einbauten und lässt die Fenster unverstellt, damit der Besucher sich dem Präsentierten auch über die emotionale Unmittelbarkeit der Berliner Stadtkulisse nähern kann – genährt von jenen Gefühlen, deren Entstehung wir dem allseits vertrauten Multikulti in „Little- Istanbul“ verdanken.

*) So aus Ägypten, Argentinien, Brasilien, Bulgarien, Dänemark, Deutschland, Finnland, Frankreich, Griechenland, Kanada, Mexiko, den Niederlanden, Norwegen, Österreich, Peru, Russland, der Schweiz, Singapur, Spanien und Ungarn, viele von ihnen zeitweise in London, New York und Berlin lebend.


Offener Brief an alle betreffenden Künstler im Zusammenhang mit der Ausstellung URBAN REALITIES: Focus Istanbul

Am 2. April 2005 und am 9. April 2005 fanden in Istanbul zwei umfangreiche Treffen mit Künstlern, Autoren, Kritikern und Studenten statt. Gegenstand der Treffen waren die Ausstellungen, die in den letzten Jahren, insbesondere seit 2000, zum Thema Vorstellung bzw. Auffassung von Stadt, Land und Staat durchgeführt wurden. Insbesondere wurden die Ausstellungen über Istanbul/Türkei und über den Balkan thematisiert, und URBAN REALITIES: Focus Istanbul wurde im Detail besprochen. Am Ende dieser zwei Treffen entschieden sich die unten aufgeführten Künstler jeweils gegen eine Teilnahme an der Focus-Ausstellung.

Einige Beweggründe, die zu dieser Entscheidung führten, sind im Folgenden aufgeführt:

  • Fehlen eines klaren Focus’ oder Themas. Der Ausstellung mangelt es an einer Raison d’être. Seitens des Kurators wurden keine Informationen für eine Diskussion zur Verfügung gestellt.

  • Die Unklarheit beim Prozess der Auswahl von Künstlern sowie der Herausgabe von Teilnehmerlisten. Die meisten Künstler erhielten keine vollständige Liste. Einige erhielten überhaupt keine Liste, andere nur Teile davon. Einige Künstler glaubten, sie seien eingeladen, erhielten aber keine Einladung und/oder es gab keine Nachbereitung.

  • Bruch mit ethischen Ausstellungspraktiken wie z.B. Interessenskonflikt. Der Vorsitzende der Agentur/Einrichtung, die potentiell dafür in Frage kam, Mittel zur Verfügung zu stellen, wurde zur Teilnahme an der Ausstellung eingeladen.

  • Ungleichmäßige, unterschiedliche, parteiische Verteilung der Mittel. Künstler aus der Türkei konnten keine Mittel für ihre Projekte bekommen, selbst wenn ihre Forderungen klein und bescheiden waren. Als Grund dafür wurde das Fehlen einer Unterstützung durch die Türkei angegeben. Das heißt, dass die – in einer nach Istanbul benannten Ausstellung – mitwirkenden Künstler aus Istanbul keine Arbeiten produzieren konnten.

  • Fehlende Unterstützung für Reise, Aufenthalt und Tagesspesen – dadurch blieben die Künstler auf den Kosten sitzen. Das Ersuchen vieler Künstler, nach Berlin zu reisen, wurde abgelehnt. Sie wurden gebeten, auf ihre eigenen Kosten zu reisen.

  • Allgemeine Ermüdung über Ausstellungen, die auf der nationalen Herkunft von Künstlern basieren. Die Künstler aus der Türkei hatten das Gefühl, es gebe keinen logischen Grund, im gleichen Kontext auszustellen, als die Tatsache, dass sie alle aus dem gleichen Land kommen.

  • Die Zuhilfenahme von Künstlern, um den EU-Integrationsprozess darzustellen. Die Künstler glauben nicht, dass sie im EU-Prozess der Türkei die Rolle von Botschaftern des guten Willens übernehmen müssen. Sie haben auch Probleme mit dem plötzlichen Anstieg der Nachfrage nach ihnen, der nur darauf zurückzuführen ist, dass Geldmittel in ihre Richtung fließen.

  • Kategorisierung von Künstlern auf beschränkte Gruppen, die auf geografischen, nationalen oder regionalen Spezifikationen beruhen. Repräsentanz über Identifikation ist nicht das, wovon ihre Arbeit handelt.

  • Die Künstler finden es nicht gut, eine Website der Ausstellung in deutscher und englischer Fassung zu haben, aber nicht in türkischer. Sie sind der Ansicht, dass der Text auf der Hauptseite voller Klischees über Ost und West, Christentum und Islam ist.

Die Künstler, die sich entschieden haben, nicht teilzunehmen sind: Can Altay, Hüseyin Alptekin, Halil Altindere, Memed Erdener, Gülsün Karamustafa, Ahmet Ogut, Neriman Polat, Canan Senol, Hale Tenger, Vahit Tuna.

Darüber hinaus wurde ein Interview mit Erden Kosova und Vasif Kortun sowie ein Artikel von Fulya Erdemci auf Geheiß der Autoren vom Ausstellungskatalog zurückgezogen.


Antwort auf einen Offenen Brief

Christoph Tannert

Hiermit übernehme ich als Kurator der Ausstellung URBANE REALITÄTEN: Focus Istanbul die volle Verantwortung für die entstandene Situation, wie sie zum “Offenen Brief” vom 15.4.05 geführt hat.

Gleichzeitig möchte ich folgendes feststellen:

Die Gesprächsatmosphäre, wie sie bisher mit allen Künstlerinnen und Künstlern bestand, war ausgesprochen positiv, insofern bedaure ich sehr, dass es zu einer derartigen Veränderung des Klimas gekommen ist.

An alle Künstlerinnen und Künstler des Projekts wurden am 21. und 22. März Einladungsbriefe (plus Künstlerliste) versandt, in denen Bezug genommen wurde auf persönliche Absprachen, die in Istanbul mit jedem Beteiligten einzeln getroffen wurden.

Bei diesen Treffen im Dezember 2004 und Februar 2005 wurde die konkrete Präsentation von bereits vorhandenen Werken (etwa mit Memed Erdener, Canan Senol, Hale Tenger und Vahit Tuna) bzw. auch z.T. die Anfertigung von in-situ-Projekten (Can Altay, Hüseyin Alptekin) und neuen Projekten (Halil Altindere, Ahmet Ogut) diskutiert. Im nachfolgenden Austausch von Emails wurden konkret Finanzierungs- und Präsentationsfragen angesprochen.

Gülsün Karamustafa und Neriman Polat hatten nach den in Istanbul stattgefundenen persönlichen Gesprächen Bedenkzeit erbeten, um über ihre Teilnahme am Projekt zu einem späteren Zeitpunkt zu entscheiden.

Die subjektive Wahrnehmung der Vorgänge mag hier möglicherweise im Gegensatz zu den Fakten stehen. Mit dem Versand der Künstlerliste am 21./22.3. wurde die definitive Teilhabe aller Beteiligten am Informationsfluss endgültig dokumentiert.

Briefe an die am Katalog beteiligten Autoren wurden bereits am 4. und 5. Januar verschickt.

Übrigens habe ich die eingeladenen Istanbuler Künstler nie als Gruppe gesehen, die Istanbul ”repräsentieren” und auch so nicht behandelt, sondern immer den Weg der individuellen Ansprache und der Auseinandersetzung mit konkreten Werken gewählt, für deren Darstellung das Archiv der PLATFORM, das ich freundlicherweise nutzen durfte, ausgesprochen hilfreich war.

In den persönlichen Gesprächen wurde allen Künstlern die Intention der Ausstellung nahegebracht und konkret auf Werke Bezug genommen, um zu reflektieren, inwieweit diese dem Themenkreis der Ausstellung entsprechen würden.

Dabei wurde von mir folgendes deutlich gemacht:

  1. Die geplante Ausstellung lebt aus einer Beteiligung höchst individuell agierender internationaler Künstler, wird für ein internationales Publikum in Berlin zusammengestellt und (im Wesentlichen) auf gut 2.000 qm Museumsinnenraum arrangiert.

  2. Zur Ausstellung werden Künstler verschiedener Herkunft und Nationalität eingeladen, die ein Interesse daran haben, in ihren Kunstwerken auf die Diversität und Heterogenität von Kulturen, Religionen, Sprachen und Ethnien in einer Megastadt wie Istanbul Bezug zu nehmen.

  3. Fokus Istanbul ist eine Themen-Ausstellung, keine Ausstellung zur Dokumentation oder Illustration regionaler Entwicklungen von Künstlern einer bestimmten Region für diese Region. Von Anfang an war klar, dass die Reproduktion von vordergründigen Exotismen und Orientalismen in der Ausstellung keinen Platz haben würde (was mit Sicherheit nicht die Auseinandersetzung mit ebendiesen Klischees verbietet). Auch dieser Aspekt wurde mit Künstlern ausgiebig im Zusammenhang mit der Werkauswahl diskutiert. Gerade die Unterzeichner des Offenen Briefes hätten Garanten sein können für diese Orientierung.

  4. Natürlich sollten in dieser Themenausstellung selbstverständlich auch Künstler aus der Stadt Istanbul selbst zu Wort kommen, freilich immer als integrierter Teil eines Ensembles von ca. 70 Künstlern aus mehr als 20 Ländern.

  5. Fokus Istanbul strebt den Blickwechsel an, das sich Kreuzen der Blicke von außen auf die Stadt mit denen aus der Stadt selbst, eingedenk der Tatsache, dass sich Istanbul heutzutage unüberhörbar aus einem Vielklang der Stimmen und Meinungen artikuliert. Angesichts des Problems des “mental mappings” beschreibt die Ausstellung nicht nur Befunde, sie reflektiert auch Absichten und Entwürfe, die je nach Standort wechseln.

  6. Fokus Istanbul ist keine Ausstellung zur Vorstellung türkischer Gegenwartskunst, sondern ein Themenprojekt, das mit internationaler Beteiligung erarbeitet wird.

Eine Vielzahl bereits in der Vergangenheit produzierter Werke soll zusammenkommen mit neuen Werken, für die Künstler Vorschläge machen. Dennoch ist “Fokus Istanbul” keine gruppendynamisch orientierte Künstleraktion, sondern ein kuratiertes Ausstellungsprojekt mit musealem und aufklärerischem Anspruch in bildungspolitischer Absicht.

Nach Prüfung der Machbarkeit der vorgeschlagenen Projekte entschied ich mich dafür, die Produktion von Kunstwerken einiger weniger Künstler und Künstlerinnen mit Produktionskostenzuschüssen zu unterstützen.

Im Gespräch waren bzw. sind:

Nevin Aladag, Hüseyin Alptekin, Halil Altindere, Jochen Becker, Luchezar Boyadjiev, Sergej Bratkov, Fernando Bryce, Heman Chong, Christine de la Garenne, Peter Friedl, Richard Hoeck, Olaf Holzapfel, Lina Kim, Folke Köbberling/Martin Kaltwasser, Germaine Koh, Valerij Koshlyakov, Ahmed Ögüt, Haralampi Oroschakoff, Juan Pérez Agirregoikoa, Sarkis, Wael Shawky, Asli Sungu, Reynold Reynolds, Sebastian Romo, Robert Scheipner, Roland Stratmann, Julia Strauss, Nasan Tur, Ute Weiss Leder, Peter Welz, Michael Wesely, HS Winkler und Florian Zeyfang.
Für die Realisierung der neuen Werke aller hier aufgezählten Künstler fehlt derzeit noch das Budget.
Gespräche mit Sponsoren laufen.

Nach Rücksprachen mit Vasif Kortun und Fulya Erdemci wurde die Künstlerliste von mir zum 10. April geändert, um gewisse Interessenskonflikte zwischen in Istanbul lebenden Künstlern und der Istanbul Foundation, die sich angeboten hatte, als Partner des Projekts zu fungieren, zu vermeiden.

Zur Finanzierung des Projekts ist festzustellen:

Sämtliche Mittel werden derzeit aufgebracht von Berliner Seite (von der Künstlerhaus Bethanien GmbH mit Hilfe der Berliner Senatsverwaltung sowie durch den Haupstadtkulturfonds, gespeist aus Bundesmitteln).

Eine von Seiten der Istanbul Foundation zugesagte Unterstützung des Projekts hat bisher keine konkreten Formen angenommen. Die Vergabe der Mittel richtet sich nach deutschem Haushaltsrecht. Mit jedem Künstler, mit dem Möglichkeiten einer neu zu konzipierenden Arbeit diskutiert wurden, wurden auch Wege der Unterstützung mittels der Übernahme von Produktionskosten im Rahmen des Ausstellungsbudgets gesucht. Diese Suche nach zusätzlichen Mitteln war nicht immer erfolgreich. Eine generelle Vergabe von Ausstellungshonoraren besteht freilich nicht.

Da die Ausstellung auch eine historische Dimension entwickeln will, bin ich nach wie vor, insbesondere bei Künstlern, die eine langjährige Istanbul-Erfahrung haben, an bereits bestehenden themenorientierten Kunstwerken interessiert. Insofern kann es nicht um die gleichberechtigte Teilhabe aller Künstler des Projekts an der Neuproduktion von Kunstwerken gehen, wiewohl diese Entscheidung subjektiv als Ungleichbehandlung verstanden werden kann.

Eine generelle Möglichkeit der Einladung aller am Projekt beteiligten Künstler zur Ausstellungseröffnung nach Berlin auf Kosten der Veranstalter besteht nicht. Eine derartige Entscheidung wieder spricht allerdings in keiner Hinsicht internationalen Gepflogenheiten und möge nicht als unfreundlicher Akt interpretiert werden.

Sollten meine Bemühungen um Sponsoren in Deutschland erfolgreich zum Abschluss gebracht werden können, eröffnen sich hier mit Sicherheit neue Möglichkeiten. Hier bitte ich herzlich um Langmut und Geduld.

Zur Website des Martin-Gropius-Baus ist anzumerken, dass es sich hier um eine Website eines renommierten Ausstellungsinstituts für ein Internationales Publikum handelt, auf der laufende und kommende Projekte angekündigt werden. Mit “Fokus Istanbul” ist die Künstlerhaus Bethanien GmbH zu Gast im Martin-Gropius-Bau.

Insofern ist die Website dieses Hauses keine Diskursplattform. Sämtliche Ankündigungen wurden und werden in Deutsch und Englisch verfasst.

Diese Ankündigungen auch in den verschiedenen Muttersprachen der beteiligten Künstler zu verfassen, würde die Website überfrachten und ihren Zweck konterkarieren.

Parallel zu Fokus Istanbul laufen im Martin-Gropius-Bau andere internationale Ausstellungen, so z.B. Die Neuen Hebräer – 100 Jahre Kunst in Israel.

Auch der ca. 350 Seiten starke Katalog zur Ausstellung, gedacht als Reader und Nachschlagewerk, wird in Deutsch und Englisch erscheinen, zumal Künstler nicht nur aus der Türkei und Deutschland, sondern aus Dänemark, Norwegen, den Niederlanden, Frankreich, Italien, Spanien, Ägypten, Ungarn, Griechenland, Österreich, der Schweiz, Bulgarien, Russland, Kanada, den USA, Mexiko, Peru, Singapur und Brasilien vertreten sind.

Grundsätzlich sei angemerkt, dass Fokus Istanbul sich als Transmissionsinstrument versteht - zur Orientierung internationaler Künstler und der Öffentlichkeit auf die beeindruckenden wie auch mitunter komplizierten Veränderungen, die Istanbul und die Türkei im gegenwärtigen Wandlungsprozess kennzeichnen.

Gerade in Deutschland gibt es derzeit ein gesteigertes Interesse an Istanbul (als Thema in den Bereichen Kultur, Politikwissenschaft, Wirtschaft, Tourismus wie auch als Projektionsfläche individueller Erwartungen, was man, je nach eigenem Erleben, begrüßen oder bedauern kann). Ausgelöst wurde und wird dieses Interesse durch z.T. sehr erfolgreiche Publikationen sowie Film- und Fernsehproduktionen, außerdem durch ein von der Istanbul Foundation organisiertes (und von der auf deutscher Seite initiativreich wirkenden Kulturstiftung des Bundes mitfinanziertes) Festival türkischer Kunst und Kultur, das 2004 unter dem Titel Simdi Now in Berlin stattfand und medial aufmerksam begleitet wurde.

Fokus Istanbul kann durchaus als Antwort auf Simdi Now verstanden werden. Allerdings ist Fokus Istanbul kein Instrument der Selbstdarstellung der politischen oder der künstlerischen Öffentlichkeit der Türkei, sondern ein Kunstereignis mit dem Ansatz zur Tiefenforschung, das den interessiert beobachtenden und Anteil nehmenden internationalen Kunstproduzenten wie -rezipienten einzubeziehen gedenkt, der zu erkunden versucht, was wohl die sich abzeichnenden (stadtraumspezifischen, sozialen, politischen, ästhetischen) Entwicklungen in Istanbul im Rahmen globalisierter Prozesse bedeuten.

Fokus Istanbul kombiniert mehrere Interessen unter der Leitfrage, wie Heterogenität und kulturell transitorische Momente im städtischen Leben, insbesondere in der Mitsprache in öffentlichen Belangen zu künstlerischen Ausdrucksformen gerinnen und will Antworten von Künstlern aus Istanbul und aus anderen Teilen der Welt darauf sowie auch auf Resentiments beladene Vorurteile geben.

Fokus Istanbul stellt keine kurzatmige “Bemächtigung” eines Themas, das oberflächlich mit der Stadt Istanbul verknüpft wird, dar, sondern ist Teil einer geplanten Berliner Ausstellungstrilogie, die in den kommenden Jahren ähnliche vergleichende Untersuchungen mit künstlerischen Mitteln anstellt in den Städten Kairo und Mexico-City.

Mit Fokus Istanbul sucht die Stadt Berlin, die Partnerstadt Istanbuls ist, außerdem das Angebot zum bestehenden Artist-in-Residence-Programm im Bereich der Bildenden Kunst, das Berlin seit über einem Jahrzehnt unterhält, zu intensivieren. Gleichzeitig verbindet sich damit die Erwartung auf eine baldmögliche Entsendung türkischer Künstler nach Berlin nach dem vice-versa-Prinzip, unterstützt von türkischer Seite.

Zum Schluss:

Ich will nicht verhehlen, dass ich die Form des Offenen Briefes für überzogen halte, zumal die Vorbereitung des Projekts längst nicht abgeschlossen ist, direkte Kontakte zu allen Künstlern des Projekts bestehen und gepflegt werden und ich immer versucht habe, nach individuellen Lösungen für alle Wünsche auf türkischer Seite zu suchen.

Auch finde ich es bedauerlich, zu den Meetings in Istanbul nicht hinzugezogen worden zu sein, was ermöglicht hätte, direkt antworten zu können.

Für die Weiterführung des Dialogs, auch unter erschwerten Bedingungen, stehe ich jederzeit zur Verfügung.

16.04.2005

Gastbeitrag, 07.07.05 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor

 

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