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Tagung "Urheberrecht und Kunst"

Urheberrecht & Kunst: Ästhetische, rechtliche, ontologische und politische Aspekte
Eine Tagung am Zif (Zentrum für interdisziplinäre Forschung), Bielefeld
17. bis 20. Mai 2005
Leitung: Eberhard Ortland (Berlin) und Reinold Schmücker (Greifswald)

Im Mai diesen Jahres gab es in Bielefeld eine Fachtagung mit Juristen, Philosophen, Ökonomen und Künstlern, die sich mit dem Verhältnis zeitgenössischer Kunst und geltendem Urheberrecht befassten. Da es immer mehr Formen von Kunst gibt, bei denen sich die Kunstwerke für ihr eigenes künstlerisches Dasein anderer Werke bedienen oder aber Kunstwerke entstehen, die im Sinne des Rechts keinen Urheberschutz geniessen, wird die Frage relevant, wie weit das geltende Recht für die aktuelle Kunstproduktion ausreichend ist oder was gegebenenfalls für Änderungen notwendig sein könnten. Die beiden Philosophen Eberhard Ortland und Reinold Schmücker organisierten die Tagung »Urheberrecht & Kunst«. Von Eberhard Ortland stammt die folgende Zusammenfassung.

Die Aufgabenstellung der Tagung war zum einen, die ästhetische Theoriebildung wieder an eine pragmatische Analyse der Formen des Umgangs mit Kunstwerken zu binden, die durch das Urheberrecht geregelt sind. Zum anderen sollten die für das Urheberrecht maßgeblichen Annahmen über Kunst und Kunstwerke mit neueren Entwicklungen in den Künsten sowie in der Kunsttheorie konfrontiert werden.

Neben der Bestandsaufnahme und Analyse aktueller Entwicklungen im Urheberrecht, in der Medientechnologie und den Kulturindustrien sowie in den Künsten nahm auch die Diskussion der kulturellen und gesellschaftlichen Voraussetzungen und Konsequenzen der Proprietarisierung der Kulturgüter, die mittels des Urheberrechts betrieben wird, großen Raum ein. Wird das Urheberrecht immer wichtiger für den Schutz der Interessen von Konzernen während es zugleich Künstler und Musiker als Einzelproduzenten in der künstlerischen Arbeit einschränkt?

Das Urheberrecht beeinflusst die die Kunstproduktion stärker, als gemeinhin angenommen wird. Denn sowohl dort, wo Künstler den Konflikt mit dem Urheberrecht suchen, um dessen Begrenzung der künstlerischen Möglichkeiten zum Thema zu machen, als auch dort, wo Künstler sich in der Auseinandersetzung mit der künstlerischen Tradition um eine im Sinne des Urheberrechts hinreichend »freie Gestaltung« bemühen, um ihre rechtlichen Risiken zu minimieren, wirken sich urheberrechtliche Bestimmungen unmittelbar auf die Kunstproduktion aus.

In rechtspolitischer Perspektive wurde das Verhältnis zwischen Urheberrecht und Kunstfreiheit erörtert – sowohl im Hinblick auf die Legitimation des Urheberrechts bzw. bestimmter urheberrechtlicher Regelungen als auch im Hinblick auf Lösungsstrategien für Konflikte zwischen dem Urheberrecht (an bestehenden Werken) und der Freiheit der Kunst (insbesondere der Freiheit, neue Werke zu schaffen). Dabei traten grundlegende Differenzen zutage. Während Urheberrechtler etwa in der »Appropriation Art« eine Bedrohung der Rechte eigenschöpferisch tätiger Urheber sehen, wird von kunstwissenschaftlicher Seite die Abhängigkeit jedweden künstlerischen Schaffens von Vorbildern betont. Künstler sehen das Urheberrecht vielfach weniger als Sicherungsmöglichkeit der künstlerischen Produktion, sondern eher als ein den kreativen Umgang mit der ästhetischen Tradition hemmendes Institut. Mitunter sehen sich Künstler dadurch schwer kalkulierbaren Risiken aussetzt, wenn beispielsweise Rechteverwerter auf ihren akquirierten Verwertungsrechten beharren.

Zu den Ergebnissen der Tagung gehörte die Einsicht, dass es einer systematischen Erforschung der Wechselwirkungen von Urheberrecht und Kunstproduktion bedarf, – nicht zuletzt deshalb, weil die WIPO-Verträge und die aus ihnen resultierenden Anpassungen der nationalen Urheberrechtsgesetze zu erheblichen Veränderungen der Bedingungen künstlerischer Produktion führen dürften. Allerdings blieb es umstritten, ob die proteushafte Produktivität der Kunst durch Rechtswandel eingeholt werden sollte und inwieweit dies überhaupt möglich sei. Der Begriff der Kunstfreiheit erwies sich als zentraler Reibungspunkt zwischen Kunstsystem und Rechtssystem – hier werden künftige Studien ansetzen müssen.

Die Diskussion konkreter Fälle zeigte, dass es eine bisher ungelöste Frage ist, wie die oft voraussetzungsreichen Formen aktueller Kunst bei der Rechtsanwendung und richterlichen Entscheidungsfindung angemessen gewürdigt werden können. Haben Juristen genug Wissen über die Kunst, um über zeitgenössische Kunstwerke rechtlich urteilen zu können? Der Begriff des 'notwendigen Minimums an individueller Gestaltung' (Schöpfungshöhe) wirft im Fall der Kunst immer wieder erhebliche Abgrenzungsprobleme auf. Hier wäre zu prüfen, ob die einzelnen Kunstwissenschaften oder die analytische Ontologie dem Urheberrecht Kriterien bereitzustellen vermögen, die dem Rechtsanwender eine Abgrenzung erlauben, die den Intentionen innovativer Kunst hinreichend Rechnung trägt. Oder ob sich eine 'Theorie der Bewertung von etwas als Kunstwerk' ausarbeiten lässt, die im Unterschied zu den bisher vorliegenden Theorien ästhetischer Wertung bis in die Rechtswissenschaft hinein Überzeugungskraft entfalten kann.

Eberhard Ortland


Hier ist ergänzend eine Auswahl von Referenten/Referentinnen, deren Arbeit für eine Urheberrechts-Diskussion interessant ist. Da nicht alle eine eigene Webseite betreiben, aber durch Publikationen und/oder Hochschulzugehörigkeit gut im Internet vertreten sind, führen die Links hier jeweils zu einer Suchanfrage bei Google: Cyrill P. Rigamonti (Jurist), Haimo Schack (Jurist), Helga de la Motte-Haber (Musikwissenschaftlerin), Mark Rose (Literaturhistoriker), Martha Woodmansee (Literaturwissenschaftlerin), Brigitte Hilmer (Philosophin), Nathalie Heinich (Soziologin), Christian von Borries (Musiker/Komponist), Cornelia Sollfrank (Künstlerin), Adib Fricke (Künstler).

Bei iRights.info - Urheberrecht in der digitalen Welt gibt es in verständlich geschriebener Form mehr Informationen zum Urheberrecht. »Privat kopieren«, »Selber machen«, »Hintergrund« sind die Hauptrubriken.

Gastbeitrag, 01.07.05 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor

 

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