Markus Wirthmann | Kritik
Vorsicht: Nur für Mikroöffentlichkeiten!
Ortsbegehung 11: Handlungsformate
Laura Horelli, Daniel Knorr und Katya Sander
Gastkurator: Marius Babias
2. Juli bis 14. August 2005
NBK Neuer Berliner Kunstverein

Eingangsbereich des NBK mit Toilettengraffiti
Mit schöner Gleichförmigkeit und schon Jahre lang wird das Programm des NBK von einem festen Grundgerüst strukturiert, um das sich die vergleichsweise wenigen serienfreien Ausstellungen wie seltene Preziosen ranken. Da sind die Fotografie-Länder-Ausstellungen (”Zeitgenössische Fotokunst aus ...”), in denen immer irgendwie versucht wird, das ganz Typische zu destillieren. Dann gibt es die ”Untersuchungen der ostmitteleuropäischen Kunst der Gegenwart”, also alles, was sich ehemals hinter dem Eisernen Vorhang verbarg, als Gruppenausstellung, meist mit der Betonung auf ”jung”. Beide Reihen können, um die Kontinuität zu erhöhen, abschnittweise verschweißt werden: ”Fotokunst aus den zehn neuen EU-Ländern”. Eine noch ganz kurze, erst über wenige Sprossen verfügende Gerüstbaustange ist ”Critics Choice”. Wie der Name schon sagt, die Choice des Kritikers und wieder eine weit in die Zukunft weisende Ausstellungsreihe (vielleicht darf Kunst-Blog.com ja auch mal)!
Und auch die ”Ortsbegehungen” machen da keine Ausnahme. Immer von zur Zeit oder zumindest vor kurzem noch in Berlin tätigen Artworkern zusammengestellt, simulieren diese Ausstellungen eine kuratorische Stringenz. In Wirklichkeit sind es Momentaufnahmen der Interessen und Befindlichkeiten des jeweiligen Kunstbetriebs-Personals. Das alles kann interessant sein, muss es aber nicht, besonders wenn der Eindruck entsteht, dass die Reihungen zum Selbstzweck gerinnen und irgendwie keine Position mehr dahinter erkennbar wird.

Was ist Öffentlichkeit? Interessante Frage...
Ebenfalls keine Ausnahme von der Regel macht derzeit die Ausstellung ”Handlungsformate” mit Laura Horelli, Daniel Knorr und Katya Sander, zusammengestellt von Marius Babias. Hier wird mit dem Begriff ”Öffentlichkeit” umgegangen, genauer ”mit den Möglichkeiten des Eingreifens in die Realität durch eine kritische Kunstpraxis. Die im Prozess der Globalisierung immer brutaler werdende kapitalistische Gesellschaft schmückt sich mit immer kritischer werdenden Mikroöffentlichkeiten, wovon eine hochgradig symbolische die Bildende Kunst ist.”

...in langweiliger Ausstellungsarchitektur
Nun, da diese Mikroöffentlichkeit so unglaublich hochgradig und kritisch ist, muss man sie ja auch gar nicht mehr mit dementsprechender Kunst langweilen, sondern lieber mit einem Motto ausstatten.
Der einwöchige Aufenthalt von Laura Horelli in Kiew, brav zu Papier gebracht als Erlebnisbericht und Urlaubsfotoreihe in Schülermanier, jedenfalls lässt sich nicht unbedingt als Handlungs- oder sonstige Anweisung lesen. Die Verschränkung mit Bildern aus ihrem Berliner Kiez will wohl schwer was bedeuten (ach ja, nicht zu vergessen der Schülerzeitungsartikel ”Wie ist´s in meinem Kiez”, der zusammen mit oben erwähntem Erlebnisbericht als fotokopierte Zettelsammlung Teil der Ausstellung ist). Die Erkenntnis, dass ähnliche Ideologien ähnliche Architekturen herausgebildet haben, muss man jetzt wirklich nicht als neu bezeichnen. Unter anderem hat da Günther Förg schon Grundlagenforschung betrieben und weitergehendes Interesse kann Erich von Däniken befriedigen (Stichwort: Pyramiden).

Fotos von Kiew und Berlin
Daniel Knorrs Fotoreihe gibt sich da schon etwas rätselhafter. Man erfährt, dass die Fotos erstens mit einer wahrscheinlich seltenen und umständlichen Technik aufgenommen und zweitens beauftragt sind. Da stellt man sich also so was wie Mail-Art vor. Irgendjemand beauftragt mittels Fernkommunikation irgend eine andere Person oder Gruppe mit Irgendwas. In diesem Fall mit der Ablichtung von möglichst sozialistisch aussehenden Gebäuden oder Komplexen. Anscheinend ermöglicht diese mir unbekannte Technik die Möglichkeit, die Positive und die Negative als Papierabzüge auszustellen. Das nutzt Daniel Knorr um eine Art schwarz-weiß-, positiv-negativ-Gegenüberstellung identischer Fotografien zu inszenieren. Sehr geschmackvoll - und so bedeutsam.

"Bibi", der Roboter, im Hintergrund geschmackvolle Fotos von Bukarest und Berlin
Was der Roboter in der Ausstellung zu suchen hat, ist mir auch nicht klar. Außer, dass er lieb aussieht mit seinen roten LEDs und vielleicht die einzige Arbeit ist, die über die Mottogebung wg. Kunstreferentialität hinausgeht (das Ding fährt eine Nauman-Video-Arbeit nach). Also nicht weiter beachten. Irgendein Sammler wird ihn schon wegkaufen und in einen anderen Zusammenhang drücken.
Katya Sander ist in der Ausstellung allgegenwärtig. Mit Graffitis auf den Schaufensterscheiben, Buttons und an den Toilettenwänden hat sie sich auf jeden Fall genug Raum geschaffen, um ihre Botschaften zu verbreiten. Aber worum geht´s denn hier überhaupt?
Na vielleicht darum:

im Damenklo

im Herrenklo
Scheibenkleista! Jetze kann ich mal genau nich genuch Englisch um das zu kapian. Aber wenn ich mir die Buttonarbeit angucke denke ich, dass die Frau Sander auch nur über unpräzise Kenntnisse der Sprache ihres Gastlandes verfügt bzw. sich nicht die Mühe macht, die Texte übersetzen zu lassen um z.B. eine deutsche Version des Zitats ins Klo zu kritzeln (Judith Butler: Haß spricht. Zur Politik des Performativen, Berlin Verlag, Berlin 1998, 256 S., 39,80 DM). So bleibt am Schluss nur der Eindruck, dass es hier nicht zuletzt um Bedeutungshuberei geht, die das Wissen, dass es sich bei der Autorin um eine Säulenheilige der feministischen (Sprach-)Theorie handelt, auslöst.

Buttons mit Handlungsanweisung
Im Prinzip leidet diese Ausstellung in ihrer Langweiligkeit an der fehlenden Präzision mit der die beteiligten Künstler ihre Sujets behandeln. Geschicktes Name-Dropping wird hier noch um die geografische Variante, das Site-Dropping, ergänzt und soll wirkliche Auseinandersetzung simulieren. Auch das schwer nach Soziologie riechende massenhafte Einbinden von Akteuren (befragte, fotografierende, Buttons verteilende usw.) lenkt nur von einer gewissen Schlampigkeit im Umgang mit den Gegenständen ab. Authentizität und Subjektivität werden von den Protagonisten ins Feld geführt wenn es eigentlich um Zufall und Beliebigkeit geht.
Markus Wirthmann, 06.07.05 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor
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