Heinz-Werner Lawo | Essay

Hochzeitsbild

Das Goethe-Institut machte es im letzten Herbst mit seinem Wettbewerb Das schönste deutsche Wort vor, wie mit der Einbindung der Bevölkerung ein medienwirksames Event inszeniert werden kann, wenn man alle bei der Suche nach einem Schönsten mitwählen lässt. Heraus kamen die Habseligkeiten als Gewinner und The British Council inszenierte ebenfalls einen solchen Kulturwettbewerb. Damals war die Endauswahl zumindest noch einer Fachjury vorbehalten und international ausgerichtet. Nun kamen - davon beinflusst oder nicht - die BBC (Radio 4) zusammen mit der National Gallery, London auf die Idee, das grossartigste Gemälde Englands (The Greatest Painting in Britain) durch die eigenen Medienkonsumenten küren zu lassen. Die erste Runde, bei der jedes sich in einer öffentlichen Sammlung in England befindende Bild vorgeschlagen werden konnte, ist abgeschlossen. Die dreiköpfige Jury, die zehn der vorgeschlagenen Bilder auswählte, hatte nur Interimsfunktion. Über die zusammengestellte »Shortlist« darf die britische Nation nun via BBC-Webseite oder per SMS bis zum 5. September kollektiv fast wie bei bekannten Schlagersänger-Wettbewerben abstimmen. Den tieferen Sinn der Marketing-Aktion erklärt Charles Saumarez Smith, der Leiter der National Gallery: »... the search for ’The Greatest Painting in Britain‘ will tell us a great deal about how 21st century, multicultural Britain sees itself ... « Alle haben also was davon und man darf dann beim Bier erzählen, welches das schönste Was-auch-immer ist. Bestimmt werden bald im monatlichen Takt weitere solche Wettbwerbe folgen: das lustigste Zootier, das schönste Gebäude oder die schönste öffentliche Toilette in ...

Mit in der Auswahlliste der zehn Bilder ist auch Die Arnolfini-Hochzeit von Jan van Eyck. Aus diesem Anlass hat Heinz-Werner Lawo für Kunst-Blog.com einen 1993 entstandenen Text bereitgestellt, den er zu Ehren der Hochzeit von Freunden verfasst hatte.
-- A.F.

Die Arnolfini-Hochzeit als kommentiertes Bild bei Flickr.com

 

Liebe Hochzeitsgäste,

der Fundus der Kunstsammlungen hält für uns eine derartige Fülle von Bildern zu allen möglichen Themen bereit, dass es eigentlich gar nicht mehr notwendig ist, noch neue zu malen. Zumindest braucht es dafür wirklich sehr gute Gründe. Ich plädiere dafür, sich weniger an den vermeintlich neuen Bildern, sondern mehr an den wirklich neuen Interpretationen zu orientieren.

Die Arnolfini-Hochzeit wurde von Jan van Eyck im Jahre 1434 gemalt und es ist eines der bedeutendsten Bilder der niederländischen Renaissance. Wahrscheinlich haben wir hier sogar das erste Genrebild der niederländischen Kunst vor uns. Niemals zuvor wurde das bürgerliche Brauchtum der Hochzeit in seiner privaten Häuslichkeit so selbstgenügsam bildhaft inszeniert, und - das macht die Größe dieser künstlerischen Leistung aus – auch so treffend interpretiert. So treffend, dass es auch heute noch nichts an Aktualität eingebüßt hat.

Dargestellt ist auf dem Bild nicht die kirchliche Hochzeit sondern das eigentliche bürgerliche Verlöbnis, das so genannte Eheversprechen. Sie reicht ihm die rechte Hand, und er wird im nächsten Moment die seine in ihre legen, womit quasi per Handschlag der Bund fürs Leben geschlossen wird.

Der kleine Hund im Vordergrund ist übrigens ein altes Symbol für die eheliche Treue, das auch heute noch künstlerisch eingesetzt wird. Zuletzt ist es mir bei Peter Greenaways Film Der Kontrakt des Zeichners aufgefallen. Es gibt dort eine Szene, wo sich der Zeichner zusammen mit der verheirateten Tochter seiner Auftraggeberin ins Badehaus zurückzieht und dabei läuft ihnen ein kleiner Hund hinterher. Der schlüpft auch noch durch die sich schließende Tür mit hinein. Kurze Zeit später geht die Tür wieder auf und der Hund fliegt auf eine etwas rüde Art wieder hinaus, worauf sich die Tür wieder schließt. Der Hund bleibt draußen, jault etwas kläglich und der Betrachter weiß, was sich hinter der Tür jetzt abspielt.

Das Bild von van Eyck hat eine strenge Mittelachse. Es ist geteilt in eine männliche und eine weibliche Hälfte, in denen jeweils Attribute zu finden sind, die die anwesenden Personen charakterisieren. Auf der Mittelachse finden wir dann all die Hinweise, die uns die Verbindung der beiden Dargestellten erläutern. In der Bildmitte natürlich das Bildthema, also das Ineinanderlegen der Hände als Eheversprechen. Es wird unterstützt durch den Hund als Zusicherung ehelicher Treue. Von der Decke herab hängt ein flämischer Leuchter, in dem, obwohl es Tag ist, eine Kerze brennt. Es ist eine Brautkerze. Einem alten Brauch zufolge zündete man nämlich immer in der Kammer der Braut eine Kerze an, um böse Geister zu vertreiben, da man annahm, dass die Braut kurz vor der Hochzeit in dieser Hinsicht sehr gefährdet sei.

Das alles sind einfache Symbole, die für den normalen Betrachter leicht zu lesen waren und die auch auf anderen Darstellungen des Themas zu finden sind. Die herausragende Bedeutung dieses Bildes aber folgt aus drei anderen Aspekten, die auch in dieser Mittelachse zu finden sind. Da ist zunächst die kalligraphische Inschrift, die sich scheinbar an der hinteren Wand befindet. Sie lautet Johannes de eyck fuit hic 1434. Das ist ungewöhnlich. Sie lautet nicht, wie man es hätte erwarten könnte Johannes de eyck fecit, also »Jan van Eyck hat es gemacht«, sondern »fuit hic«, also »Jan van Eyck war hier«. Ganz offensichtlich war Jan van Eyck Zeuge des Eheversprechens, er kannte die Dargestellten und dokumentierte mit diesem Bild wie ein Trauzeuge die Rechtmäßigkeit der Verlobung. Wir haben hier also nicht nur das erste Genrebild der niederländischen Kunst, sondern vielleicht sogar ein bürgerliches Historienbild. Damit wäre es ein Vorläufer der heute so beliebten Fotos, die bei allen möglichen familiären Ereignissen in Massen gemacht werden und beim nächsten Familientreffen von allen voller Hingabe betrachtet werden müssen.

Der nächste wichtige Gegenstand in der Mittelachse ist der gewölbte Spiegel an der Wand. In ihm spiegelt sich die ganze Raumsituation aus der rückwärtigen Sicht. Jan van Eyck zeigt hier seine handwerklichen Fähigkeiten als Miniaturist. Dieses Medaillon, ein Bild im Bild, hat im Original nur circa 5 cm Durchmesser, trotzdem ist in diesem Kabinettstückchen fast alles zu erkennen. Während van Eyck durch das große Bild sozusagen seine Pflicht als Chronist erledigt hat, kann er in diesem Spiegel zur Kür übergehen. In diesem Spiegel gibt er der dargestellten Szene eine verblüffende Wendung. Wir erkennen nämlich, dass zwei weiter Personen im Zimmer sind. Die eine hat ein hellblaues Gewand an und steht ungefähr an der Stelle, von der aus die Szene im Zimmer gesehen wird und auch gemalt wurde. In Verbindung mit der Inschrift an der Wand Jan van Eyck war hier ist daraus unschwer zu schließen, dass sich van Eyck mit dieser Person selbst in das Bild hineingemalt hat. Der Künstler ist anwesend.

Wer aber ist die zweite Person im roten Gewand? Bis heute hat die Forschung keine hinreichende Erklärung dafür bereitstellen können. Es gibt natürlich zahllose, zum Teil weit her geholte Vermutungen, aber nichts davon hatte bis heute Bestand oder konnte wirklich eine gewisse Form von Glaubwürdigkeit erringen. Zwei Gründe scheinen mir für das bisherige Versagen der kunsthistorischen Forschung ausschlaggebend zu sein. Der eine Grund ist ein strukturell methodisches Problem bei der Interpretation, der andere schlicht Betriebsblindheit oder ikonographische Unkenntnis. Das methodische Problem bei der Interpretation besteht darin, dass in der Regel Künstler für dümmer gehalten werden, als sie es tatsächlich sind. Zu metatheoretischen Überlegungen oder zur Vorwegnahme möglicher Interpretationsmuster, so die Voraussetzung der Kunsthistoriker, sind Künstler nicht in der Lage. Das muss natürlich bei so großen Künstlern wie van Eyck, wenn sich kleinere Lichter da herantrauen, zu Unverständnis und Kopfschütteln führen.

Als weiteren Grund für die bisher fehlende glaubwürdige Interpretation nannte ich die ikonographische Unkenntnis. So etwas ist entschuldbar. Nicht jeder kann alles wissen, und damit komme ich zum zentralen Gegenstand des Bildes, der die thematische Verbindung zwischen Jan van Eyck und mir, zwischen seinem Bild von 1434 und meinem Vortrag von heute herstellt.

In der exakten Mitte des Bildes, also dem durch die Bildsynthax so ausgezeichnetem Ort, befindet sich nämlich nicht das Symbol der Hochzeit, also die ineinander gelegten Hände des Paares. Der eigentliche Hauptdarsteller des Kunstwerks ist ein rotes Kissen. Das Kissen hält sich zwar im Hintergrund, aber es wird von van Eyck durch das auf die Sitzfläche des Stuhles hinaufführende Tuch und die davor stehenden Schuhe als bedeutsam inszeniert. Dieses Kissen will verstanden und interpretiert werden.

Für die Auftraggeber des Bildes, ihr damaliges bürgerliches Umfeld und die Museumsbesucher von heute ist die gekonnt dargestellte Hochzeitsseligkeit der Grund für die Wertschätzung des Bildes. Das war aber nur vordergründig das Ziel von van Eyck. Eigentlich ging es ihm bei diesem Bild um die Anerkennung seiner Arbeit als Kunst und das zeigt er uns mit dem Kissen.

Ich habe bereits 1988 in meinem Buch Kissen in der Kunst - Die Grundlegung der Unterlagenforschung dargelegt, welch’ hohe Bedeutung das Kissen für Künstler als Reflexionsmedium hatte, ganz unabhängig von Epoche oder künstlerischer Gattung. Als ein Ergebnis habe ich damals formuliert »Wenn Künstler sich mit Kissen beschäftigen, dann arbeiten sie, obwohl und gerade weil das Thema so banal ist, an der Frage, was Kunst denn eigentlich sei«. Heute kann ich sagen, was Kunst eigentlich ist, entscheidet sich vor allem an der Frage, wie man Kunst interpretiert.

Die zentrale Position des Kissens in diesem Bilde, das als Frage nach der Kunst auch gleichzeitig als Frage nach ihrer Interpretation zu gelten hat, löst für mich daher die Frage, wer die zweite Person im Spiegel hinter dem Künstler ist. Es kann kein anderer sein als der Kunsthistoriker oder besser der Kunstinterpret. Jan van Eyck ist nicht nur Zeuge und Chronist der Arnolfini-Hochzeit, im Spiegel der Kunst feiert er seine eigene Hochzeit, die zwischen seiner Kunst und ihrer Interpretation.

Heinz-Werner Lawo fuit hic. 1993

 

Weitere Abbildungen zu dem Van Eyck-Bild: Google Image Search

Heinz-Werner Lawo, 24.08.05 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor

 

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Kommentare

Nachtrag: Gewählt wurde - für England nicht sehr überraschend - das Gemälde »The Fighting Temeraire tugged to her last berth to be broken up 1838« von Joseph Mallord William Turner aus dem Jahr 1839. Mehr unter http://www.bbc.co.uk/radio4/today/vote/greatestpainting/winner.shtml.

Adib Fricke [TypeKey Profile Page] | 09.09.05

 

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