Markus Wirthmann | Kritik
mono, nicht stereo
mono.kultur
Interview-Magazin aus Berlin
#01 Carsten Nicolai: Inserting Silence
3 € in Deutschland, 4 € im Rest Europas
soll ungefähr alle 36,5 Tage (also zehn Mal im Jahr) erscheinen
www.mono-kultur.com

Diese und die folgenden Abbildungen zeigen ein, während der Launch-Party am Tresen der KMA-36-Bar bearbeitetes, über Nacht im Mülleimer zwischengelagertes und anschließend gewässertes und gebügeltes Exemplar des Magazins.

In den letzten Jahren hat es einige Versuche gegeben neue Kunst- und Kulturmagazine zu platzieren. Besonders in Berlin bringt die hohe Dichte von Artworkern pro Bevölkerungseinheit immer wieder neue Produkte zum Vorschein. Einige, wie u_spot, sind schon wieder auf dem Kultur-Kompost gelandet, die neue review wird von einigen Idealisten zäh und selbstausbeuterisch verfolgt und nur die Hochglanzpostille Monopol hat es, inhaltlich tiefer gelegt (wie der Golf der entsprechenden Generation) und ausgestattet mit einem ordentlichen finanziellen Airbag, also ganz einfach professionell, in den Bahnhofs- und anderen Buchhandel geschafft und liegt da und in ausgewählten Zahnarztpraxen jetzt neben dem Art-Magazin.

Jetzt ist also wieder ein neuer Kandidat angetreten um die Informationsflut in Kunst und Kultur zu kanalisieren: die Ausgabe 01 von MONO.KULTUR liegt im sehr ausgewählten Buchhandel bereit. Zunächst gibt es das Heft nur bei proqm in der Alten Schönhauser Allee, Berlin aber demnächst sollen noch weitere exklusive Adressen hinzu kommen. Informationen hierzu findet man dann wahrscheinlich auf der in Bälde freigeschalteten Internet-Seite.

"MONO.KULTUR is for people like us: young, intelligent, educated, open-minded, funny, critical, active, with exquisite manners and a weakness for the good things in life. With impeccable taste and a sense for quality, easy to motivate and always with a bit of small change in the pockets."
(Zitat Werbe-Flyer MONO.KULTUR)

So richtig angesprochen fühle ich mich von dieser Werbe-Botschaft jetzt nicht gerade. Und ich hoffe auch Carsten Nicolai nicht, der sich in der ersten Ausgabe des Blattes von seinem Assistenten Andrew Cannon befragen ließ.
Das mit dem "small change", also Kleingeld, "in the pockets" ist durchaus ernst gemeint: Das Heft kostet mit drei Euro tatsächlich relativ wenig für ein derartiges Orchideen-Magazin. Aber so sieht es dann leider auch aus: zweiunddreißig, auf Umweltpapier gedruckte Din-A-5-große Seiten, mit dezent farbigen Abbildungen (wegen des Öko-Papiers). Außerdem, dem Europäischen Gedanken geschuldet, komplett in Englisch.
Ich möchte stark bezweifeln, dass die „young, intelligent, educated, open-minded, funny, critical, active“ und außerdem noch mit exquisiten Tischmanieren ausgestatteten jungen Leute sich mit einem ollen Schreibheft in die U-Bahn setzen wollen. - Ach so! Die fahren ja alle Golf!

Nächste Ausgaben: Frank Leder, Mode und Nine Inch Nails, Krach - aber ordentlich!
Markus Wirthmann, 26.08.05 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor
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Kommentare
Supereklig: Reduktion im Style kombiniert mit Sprüchen wie "with exquisite manners and a weakness for the good things in life" manövrieren Mono:Kunst in die Nähe des Manufaktum-Katalogs. Dass als erstes Carsten Nicolai abgefeatured wurde, bestätigt diese Tendenz auch inhaltlich. Zu kaum einem zeitgenössischen Künstler aus Deutschland ist in den vergangenen Monaten mehr berichtet worden. Das Informationsdefizit städtischer Kunstinteressierter tendiert bei Carsten Nicolai gegen null. Das macht aber auch nichts, denn das Interview mit Nicolai, das die Seiten der ersten Ausgabe füllt, stammt ja wie gesagt eh aus der Feder von Nicolais Assistenten Andrew Cannon, bleibt also alles in der Familie.
Ob es da wirklich die Ambition gibt, auf Augenhöhe mit Monopol zu kommen, ist fraglich. Das Heft macht auf "Konzept". Der Aspekt mit dem Schreibheft täuscht Sachlichkeit und Strenge an, anstatt wie Monopol Blockbuster in den Kiosken werden zu wollen.
Bei der Release-Party schon in gedanklicher Nähe zu Monsieur Vuong und Pony-Club verwandelt sich die Sachlichkeit fix in smarteske Quereinparkerei. Bemerkenswert daran ist allenfalls, dass der FDP-nahe Ton mit seiner Ranschmeisse an das Publikum auf der Alte Schönhauser- bzw. der Casting-Allee inzwischen von "Design" runter ist und stattdessen auf "Nicolai" setzt. Vom Gefühl her allenfalls scheisse für Nicolai.
Wie Krachts "Freunde" soll es wohl nur im engsten Freundes- und Familienkreis zirkulieren. Allein: Kracht darf das, muss das vielleicht sogar machen. Dafür haut er alle paar Jahre mal ein Buch zwischen die Deckel, mit dem er alles wieder glattzieht. Die Vertriebsstrategie von Mono:Kultur dagegen paart - darin bleibt das Heft seinem Namen treu - Bequemlichkeit mit Exclusivität: Ihr Erfolg hängt lediglich daran, dass die handverlesene Leserschaft genügend Meinungsführerpotenzial besitzt, um im Feld late adopters Begehrlichkeiten zu wecken. Das wird nicht gelingen - und das freut jetzt schon.
Lieber Herr Hoelzner,
wir von der Klasse 7b möchten gerne eine Schülerzeitung machen. Leider streiten wir uns immer über den Namen unserer Zeitung. Sollen wir sie durch.blick oder durchblick dot com oder :durchblick oder durch_blick oder durch-blick nennen. Wir möchten eine dufte, lustige und auch spannende Zeitung machen, die mit einem lachenden und manchmal auch weinenden Auge über das Leben an unserer Schule berichtet. Weil der Vater von Kevin viel mit dem Computer arbeitet, hat er gesagt, wir sollen einen Namen nehmen, den man auch ins Internet eingeben kann, weil er will uns dann auch eine Internetseite machen. Welchen Namen finden Sie gut?
Hey Stephan
hast ja sooo recht. War wirklich humorlos die letzten Tage. Vielleicht besser 'durch.klick'?
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