Markus Wirthmann | Kritik
Der Teufel scheisst immer...
...auf den größten Haufen.

und dieser Erzengel hier hat auch keine Chance dies zu verhindern
Preis der Nationalgalerie für junge Kunst 2005
John Bock, Monica Bonvicini, Angela Bulloch, Anri Sala.
Ausstellung der Wettbewerbsarbeiten im
Hamburger Bahnhof - Museum für Gegenwart - Berlin
2. September bis 16. Oktober
Jetzt mal ganz im Ernst Leute, hier im Land wird gerade auf der großen Sparflöte gespielt. Dass Geiz ganz und gar nicht geil ist, merken mittlerweile sogar die Künstler und mit einer panem-et-circensis-Mentalität wie sie die Nationalgalerie und deren Freunde da an den Tag legen kommt man der Situation auch nicht näher.

John Bocks übliche Gaga-Performance unter den Bedingungen des kanalisierten Publikumsinteresses
Ungeachtet der allgemeinen Situation also hauen die mal wieder ein paar Hunderttausend Euro auf den Kopp, um irgendeinenen Artisten zum Ober-Jungen-Künstler zu küren. Neeeinnn, die Künstler vergolden sich hier nicht die Rosette. Es kostet einfach so viel, diesen ganzen Zinnober auszurichten! Schließlich reist der renommierte Juror nicht für Umme in die Hauptstadt, um sich eine stinklangweilige Sitzung zuzumuten. Man hat ja noch anderes zu tun, eventuell anderswo dem Teufel beim Scheißen zu helfen. Außerdem müssen Architekten und Ausstellungsbauer ja auch dafür bezahlt werden, dass sie, im Grunde ungeeignete Baulichkeiten in Künstlerrennbahnen verwandeln. Gar nicht zu reden von irgendeinem Wasserkopf, der sich da in der Organisation gebildet haben könnte, und auch noch bezahlt werden muss.

Mindestens fünfzehn Kameras verfolgen den Bock-Gaga
Die fünfzigtausend Euro Preisgeld machen sich da eher wie weiland die Peanuts. Ob sie jetzt in einem der siebzehn fusseligen Sparstrümpfe John Bocks enden oder im Bullockschen Firmenimperium bilanziert werden, spielt da keine Rolle. Die vier kurzgelisteten Künstler sind global player, was sowieso schon ein Auswahlkriterium war, und die fuffzich tausend sind da eben ein Durchlaufposten in der Kalkulation. Für die drei Looser ist das Nationalbohai ja sowieso der einzige und im folgenden von ihren Galeristen versilberte Mehrwert. Der dürfte sich allerdings, je nach Geschick der Agenten, in ein vielfaches des Preisgeldes umrubeln lassen.

Arschbombe!
Die Auswahl der Künstler selber wirkt, vielleicht mit Ausnahme von Anri Sala, wie die Sommerkollektion von vorletztem Jahr. Nichts gegen die Künstler - die produzieren Marken- und Qualitätsware auf ihrem Niveau. Aber irgendwie hat man das Gefühl, dass es besser gewesen wäre wenn man die Kollektion schon in der letzten Saison abverkauft hätte und sie jetzt nicht mehr als den dernier cri dem Publikum vorsetzten müsste. Der schale Geschmack des Vorgestrigen ist dann auch der Grund dafür, dass diese Veranstaltung national (gar nicht zu sprechen von inter-) so sang- und klanglos die Spree runterdümpelt wie der olle Havelkahn von John Bock.

Down the River. Leider erweisen sich die Darsteller später als Wiedergänger.
Die Arbeiten selber sind massenkompatibel wie man´s seit dem Einzug der Flick-Collection in den Hamburger Bahnhof kennt. Monica Bonvincini inszeniert eine S&M Turnhalle mit munterem Kettengeklimper, Angela Bulloch fusioniert Sony Center und Tiergarten zum Techno-Zauberwald und John Bock macht wie gewohnt auf gaga. Die entsprechend der Länge des verwendeten Videomaterials genau eine Stunde währende Performance bietet den hinterher werkelnden Cuttern sicherlich genug Material, um die von John Bock verbreitete Rappelkisten-Langeweile mit Nahaufnahmen von Zahnpastaschmiere und Speichel über einen MTV-gemäßen Filmschnitt wieder konsumierbar zu machen. Außerdem wird natürlich die Weiterveräußerung des marktgerecht geschnittenen und zu günstigen, nämlich den Freunden der Nationalgalerie zu verdankenden, Bedingungen produzierten Materials über den Nichterhalt des großen Preises hinwegtrösten.

Saso-Maso, Woolworth-Style von Monica Bonvincini und...

...Sony Center goes Tiergarten und vice versa von Angela Bulloch
Als einzige zumindest halbwegs ungewöhnliche Arbeit kommt der Videoloop von Anri Sala daher. Vor einem Fenster im x-ten Stock eines Plattenbaus sitzt, hockt, steht draußen ein schwarzer Saxophonist und improvisiert ins Grüne hinein. Wenn sich das jazzige Improvisieren so richtig in die Gehörgänge geschliffen hat, schwebt der Musiker mitsamt seines Instruments von dannen wie die Balkonblumen-Bekränzung, die er die ganze Zeit auf dem Kopf trug, im Wind.
Zwischendrin gibt’s ein paar schöne Einstellungen und ein paar Bilder, die auch noch nach Verlassen der Ausstellungshalle im Kopf bleiben können.
Der Plattenbau steht übrigens im Märkischen Viertel und heisst im Volksmund Langer Jammer. Der Titel der Arbeit ist long sorrow.

Lichtblick von Anri Sala
Markus Wirthmann, 05.09.05 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor
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Kommentare
8-)
na, soll ich dir mal meinen namen leihe fuer den naechsten beitrag zum thema?
(beiseit: meine kleiner fingerzeig auf die bergfee war schon ernst gemeint. zaehl mal die farbenpraechtigen fotos pro name/arbeit durch und schau dir dann an, wie die prozente fuer bock seit gestern gewachsen sind. nur, dass es hinterher nicht heisst: hoppla, das hab ich aber nicht gewollt.
oder ist es nur ein hasard objectif? falls nicht, wuerde sich hier ein prinzip bestaetigen, mit dem nicht nur eine bekannte grosse tageszeitung, sondern im grunde auch die kunstmagazine zu arbeiten pflegen. die ideale alternative seit je zu 'how big is your monography' - und einmal mehr in zeiten, wo immer mehr leute immer weniger lesen: ist im grunde voellig egal, was du schreibst, was zaehlt ist die anzahl der bilder.
woraufhin spaeter dann um so mehr fliegen der meinung sein werden, dass sich ihre artgenossen doch nicht irren koennen. und so weiter, und so fort.
eben drum: obacht mit grosszuegigen grossformatigen stimmungsvollen illustrationen. jedenfalls zu kritik, die auch als solche wahrgenommen werden will...)
miss.gunst
| 06.09.05
Naja, ob ausgerechnet Anri Sala "halbwegs ungewöhlich ist"... mir war jedenfalls halbwegs langweilig bei dieser Plattenbaupoetik. Viel versöhnlicher war, dass John das Event vor allem dazu genutzt hat, Material für sein nächstes Video ranzuschaffen: Von den 15 Kameras waren schon mal 2 HDTV-Dinger dabei, die in Johns Auftrag in der Performance herumsprangen und ihn beim Quatschmachen filmt. Für den Besucher sah aus wie "performatives Video-Drehen" (Als Gegenteil von Videoperformance am Ende sogar?). Am Abend bei der Eröffnung dann lagen nur noch die Reste der in der angeblichen Performance benutzten Melkmaschine nebst ein paar Lappen und 'nem dicken Schraubenschlüssel im Saal herum, während die drei übrigen Bewerber die ihnen zugeteilten Säle so richtig kindergartenkindmäßig vollgestellt haben mit ihren Installationen bzw. der Videoprojektion. Muss ja voll werden alles. Johns klägliche Performancereste können jedenfalls auch so gelesen werden, dass ihn der ganzen Trouble des 50.000 Euro-Show-Events nicht sonderlich interessiert, sondern einfach eine prima Kulisse für's nächste Video-Piece abgibt. Was mir als Video-Freund natürlich behagt. Zumindest hat ER keine Anstalten gemacht, den Raum mit Sperrmüll und Bauschaumwürsten zu dekorieren. Und die Wärter machten auch kein Tra-Ra, als ich abends nochmal halbausversehen gegen das Melkdings latschte.
Und deshalb geh ich jetzt erstmal 'ne Runde wählen.
Kai
| 07.09.05
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