Dellbrügge & de Moll | Kritik
Final Weeks!
GREATER NEW YORK 2005 im P.S.1

An einem siedenden Samstagnachmittag im August mit 42 Grad im Schatten sind die Straßen von Long Island City menschenleer. Wer klimatisiert wohnt, bleibt daheim. Die anderen machen Siesta unter der Dusche oder gehen ins P.S.1, wo zwischen zwölf und zwei der Eintritt frei ist.

Das Disziplierungs-Mobiliar vor dem Eingang zum ehemaligen Schulhof sortiert VIPs und Fußvolk. An den Kassen wird die empfohlene Spende von 5$ eingetrieben.
Die Innenhöfe sind mit der Installation SUR dekoriert, die der Architektengruppe Xefirotech den Preis des Programms für junge Architekten eingebracht hat – ihrer Version eines urban beach. Das ist die Bühne für Warm Up, das Musik Festival mit DJ-Auftritten, Barbetrieb und Werbeveranstaltungen der Sponsoren Nokia und Target Corporation.
Während P.S.1 Direktorin Alanna Heiss wirbt:“Visitors will feel as if they’ve landed on another planet for the afternoon”, fühlen wir uns wie in einer geschrumpften Frei Otto-Adaption für den staubigen Spielplatz eines Gefängnishofs, zwischen hohen Betonmauern und unter der omnipräsenten Überwachung von Kameras.

Gruppen schwarz Uniformierter passen auf: P.S.1 MoMA Warm Up staff und Security. Letztere, primär Afroamerikaner und Hispanos, haben ein Training bei einer Sicherheitsfirma durchlaufen und sind massiv präsent. Die Hände hinter dem Rücken verschränkt, stehen sie in den Eingängen der Cafeteria und machen den Lift-Boy im großen Edelstahl-Aufzug. Kein grüngestrichener Flur, kein Saal ohne Aufsicht. Ironischerweise erinnern die Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen an den Sozialismus und die schlechte Laune, die er in öffentlichen Räumen verbreitete.
Hier findet seit 2000 das zweite Mal die Leistungsschau Greater New York statt. Der Anspruch, die New Yorker Kunstszene nach frischen Talenten und neuen Trends durchforstet zu haben, manifestiert sich in Werken von 163 Künstler/innen, die als „Aufsteiger“ gelten vom Keller bis zum Dach, in Treppenhäusern, Fluren, Ausstellungssälen und Toiletten.
Wer Greater New York als trockenen verwaltungstechnischen Terminus liest, der das Einzugsgebiet New Yorks absteckt, der übersieht das mitschwingende Pathos des amerikanischen Wir-Gefühls, der toughen „If you can make it in New York you can make it anywhere“-Mentalität, des Post-9-11-Patriotimus und der blauweissroten Sprachregelungen auf Speisekarten.
Amerikanische Größe und Tugenden werden beschworen, wenn von den strategischen Vorbereitungen erzählt wird: Unter der Führung von Klaus Biesenbach, des ersten gemeinsamen Kurators für die verschwisterten Institutionen P.S.1 und MoMA, schwärmt ein Stab von Kuratoren aus, der sich wie das Who is Who der New Yorker Kunst-Elite liest, in Ateliers, durch Schmutz und Schnee, dicken Verkehr und dicke Akzente der zugereisten Kulturschaffenden. Im Geist der Pioniere, getrieben wie Goldgräber ringen sie dem Schlamm von 2.000 Bewerbungen die Nuggets ab.
Der Legendenbildung der Entdeckungsreisen ins künstlerische Neuland zum Trotz findet der Besucher doch bekannte Namen. Christian Jankowski, Sue de Beer, Mathilde ter Heijne, Kent Henricksen, The Atlas Group… Aber da sitzen wir bereits in der Falle, die der Kunstkritiker John Haber beschreibt, für den Greater New York 2005 einfach eine weitere Kunst-Messe ist, bei der Kritiker damit angeben, wie viele Künstlernamen sie wiedererkennen und die angesagten Dealer abhaken, von denen diese vertreten werden. Keine Kunstszene sei so marktgesteuert wie die New Yorker.
Da können wir Berliner, die urban beaches im Überfluss haben und dafür keinen nennenswerten Markt, nur die Absenz von politischen Positionen und (Selbst)-Ironie zugunsten einer neo-romantischen Bildverliebtheit bemängeln. Das freche Video von Tammy Ben-Tor Women Talk about Hitler wird im Treppenhaus unter „ferner-liefen“ abgestellt. 9-11-Schwulst dagegen und andere formalistische Belanglosigkeiten im wide white cube zelebriert. Eine Frage der besseren Lobby?

P.S.1 wurde 1971 von Alanna Heiss als The Institute of Art and Urban Resources Inc. gegründet, mit dem Ziel, leerstehende Gebäude in New York City für Ausstellungen, Performances und Ateliers umzunutzen. Das ursprüngliche Anliegen, zwischen Künstlern und Publikum zu vermitteln und einen öffentlichen Treffpunkt zu schaffen, hat P.S.1 zugunsten einer bleischweren Institutionalisierung und Hierarchisierung aufgegeben. Das Territorium ist durch Herrschaftsgesten markiert. Die Angliederung ans MoMA hat sich ausgezahlt. Mit Klaus Biesenbach reden wir ja leider nicht mehr. Sonst könnten wir ihn fragen, welche Rolle er bei diesem Prozess gespielt hat und welche Erfahrungen er von Kunst-Werke Berlin einbrachte, das er erfolgreich aus der heterogenen Off-Struktur in die gut gefütterte Etablierung begleitete.
Die kritische Position der Nörgler ist out of fashion seit angepasstes Wohlverhalten besser belohnt wird als intellektuelle Kritik. Dass die Spielverderber immer noch viel Spaß an der Kritik der durchökonomisierten Kunstszene haben, war einer „korrigierten“ Presse-Mitteilung zu entnehmen. Sie kündete Greater New York TM an als expansives und partizipatives Event, inklusiv und integrativ, mit freien Abendessen in der Cafeteria von P.S.1, bei denen über die Produktionsbedingungen von Künstlern diskutiert werde, der Gründung eines künstlerischen Interessenverbands und der Wiederbelebung sozialistischer Ideale.
„Die Zeit ist gekommen, den Künstlern etwas zurückzugeben,“ wird ein fiktiver Veranstalter zitiert „Während MoMA-Besucher die Wunder von Yoshio Taniguchi‘s Umbau des Museums entdecken, sind Programme wie „Greater New YorkTM“ dabei, gesellschaftliche Ideen wiederzuentdecken, die den Geist unserer Schwestern-Institutionen erneuern werden,“ und mit einem Lächeln: „Dank des Rekord-Eintrittpreises und dem stetigen Strom von Besuchern, die alle $20 zahlen, ist Geld kein Problem.“
Indeed a revolution is on its way!
Die Ausstellung Greater New York 2005 läuft noch bis zum 26. September.
P.S.1 Contemporary Art Center, 22-25 Jackson Ave. , 11101 Long Island City USA
siehe auch den Artikel von John Haber
Dellbrügge & de Moll, 11.09.05 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor
Kunst-Blog.com, Copyright 2005-08. Alle Rechte vorbehalten.
Soweit nicht anders angegeben liegen die Rechte bei den jeweiligen Autoren und Künstlern, die die Urheber der Beiträge sind, und bei Kunst-Blog.com. Für Webseiten, auf die von dieser Site aus verlinkt wird, sind ausschließlich die Betreiber der jeweiligen Angebote verantwortlich.
Kommentare
Schreiben Sie einen Kommentar zu »Final Weeks!
GREATER NEW YORK 2005 im P.S.1«
Danke für Ihre Anmeldung,
.
Sie können jetzt Ihren Kommentar schreiben. | Abmelden