Markus Wirthmann | Kritik
Kunstfasching Berlin - 3. Tag
Art Forum Berlin 2005
Die internationale Messe für Gegenwartskunst
29. September bis 03. Oktober 2005

Das Art Forum hat anscheinend seine Form gefunden. Terminliche Überschneidungen mit der Konkurrenz in London und Köln konnten dies Jahr vermieden werden und die in der eigenen Stadt trägt eher zur Befriedung der Verhältnisse bei. Niemand muss mehr um seine Messebeteiligung hart fighten, gar nicht zu sprechen vom Einklagen. Die Palette der Alternativen ist breit – und dazu auch noch preisgünstiger als bei der richtigen Kunstmesse.

Je nach Gusto hat man die Wahl zwischen der Marktsimulation Preview in der Backfabrik, einer Art Sims-Version (ja, das Computerspiel!) des Art Forum, der Site-Specific-Underground-, kurz auch als Gruftie-Messe bezeichneten Spielart im historischen Umspannwerk, der Berliner Liste oder der Kiez-Variante in Kreuzberg/Treptow, dem Kunst-Salon. Letzterer hatte letztes Jahr seine Marktführerschaft in Sachen Abseitigkeit eindeutig bewiesen, wird es dieses Jahr allerdings schwer haben gegen die Berliner-Liste anzustinken.

Die Stimmung jedenfalls war entspannt euphorisch, die Schlangen an den Freibier-Zapfanlagen erträglich und überhaupt konnte man sich frei flanierend durch die Hallen bewegen ohne alle paar Meter von Bekannten und Kollegen am Kommerzgenuss gehindert zu werden – dies wohl auch eine Tatsache, die man der innerstädtischen Konkurrenz zuzuschreiben hatte.

Erste, die gute Stimmung bestätigende Gerüchte machten am Tag nach der Eröffnung bereits die Runde: Klara Wallner ausverkauft! Judy Lübke verkauft Neo Rauch für Zig-Trillionen an das Guggenheim in irgend einer Bananenrepublik und Flick hat seine Mastercard bei der Special-Preview der Collectors-Preview auf der VIP-Lounge in irgend einen Ausschnitt gesteckt.
Ist natürlich alles völliger Quatsch, Flick hat nämlich gar keine Mastercard.

Berliner Liste
Messe für aktuelle Kunst
28. September bis 03. Oktober 2005

Ein lustiges kleines Völkchen hat sich da breit gemacht in dem als gotische Trutzburg gestalteten Umspannwerk im Prenzlauer Berg. Vom Editionen-Verramscher Lumas über durchaus seriöse Galeristen bis zur abgründigen Selbstdarstellungen auf dem Niveau eines Kunsthandwerker-Marktes – hier wird alles durch die gleiche Soße gezogen und kommt hinten als Kunst-Behauptung wieder raus.

Das ficht den am Eröffnungsabend im Durchschnitt sehr jungen Kunst-Connaisseur nicht an. Ganz im Gegenteil, das szenige Gruftie-Ambiente im Tacheles-Style (1) sehen einige Beobachter bereits als klaren Pluspunkt im Rennen um die Sammler-Gunst mit den anderen Off-Messen. Der als typisch berlinisch empfundene Trash-Haut-Gout lasse den groß- und bürgerlichen Sammler in den Entdeckerrausch verfallen – richtige Nuggets findet man eben nur im Schlamm.

Ein echter Höhepunkt ist die, wie in Kunst-Kreisen üblich, als Lounge titulierte Eckkneipe. Der Berliner Künstler Martin Mlecko hat sie komplett und inklusive Personal sowie schrumpligen Bockwürsten aus dem nahen Wedding (2) in die Veranstaltung integriert. Mitsamt den für das Kneipenambiente entwickelten Videoprojektionen steht dem Besucher dieses sehr spezielle Gastronomie-Erlebnis während der Messe-Laufzeit offen – dafür sind auch die fünf Euro Eintritt bestimmt nicht zu schade.

(1) für den Kultur-Tourismus hart arbeitender Punk-Kunsthandwerker-Kibbuz in Berlin-Mitte.
(2) Berliner Szene-Stadtteil in spe. Ehemals West-Berliner SPD-Hochburg.
Markus Wirthmann, 29.09.05 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor
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