thw | Kritik
Nachklang Biennale Venedig
Zumindest war das Wetter zur 51. Ausgabe der Biennale der Bildenden Künste in Venedig keine Enttäuschung. Weder übermässige Hitze noch Regengüsse verleidete einem den Kunstgenuss, aber das war es denn auch schon. Diese Aussage trifft vor allem die wesentlichen Ausstellungsteile im Arsenale und im italienischen Pavillon. Gern hätten wir etwas anderes gesagt, denn den ersten Leiterinnen in der mehr als hundertjährigen Geschichte der Venedig Biennale wollten wir gerne jeden Kredit geben, den wir haben. Aber das Ergebnis bleibt bis auf Details enttäuschend. Zugegebenermassen hatten es Maria de Corral und Rosa Martinez nicht leicht. Weil Robert Storr mit »seiner« Biennale der documenta 12 von Roger M. Buergel Konkurrenz machen wollte, verzichtete er für dieses Jahr auf seine Biennale und hinterließ den Organisatoren ein offenes Feld. Das übernahmen die beiden Frauen und mussten sich dann auf Pressekonferenzen mit den üblichen Dummheiten konfrontieren lassen. So blieben Rosa Martinez und Maria de Corral zu wenig Zeit, um eine gelungene Version dieser Biennale zu entwickeln.
Besonders deutlich wird dies im Hauptpavillon der Giardini, dem ehemaligen Pavillon der Italiener, kuratiert von Maria de Corral. Während der Eröffnungstage konnten die Besucher und Pressevertreter noch die Entstehung einer Skulptur von Monica Bonvicini erleben, die sich dann pünktlich zur Eröffnung im vollendeten Zustand präsentierte. Das Konzept bestand darin einen minimalistischen Steinkubus à la Sol Lewitt in die Eislandschaft aus Caspard David Friedrichs berühmten Gemälde Die gescheitere Hoffnung umzuformen, ausgeführt von Bauarbeitern. Ein Hinweis auf die Skulptur findet sich danach in Form eines Presslufthammers im ersten Raum des Pavillons. Ab und zu stellt er sich sozusagen von selbst an und ruckelt an der Decke vor sich hin. Bei so viel Spektakel ist die mehr oder minder dezente Außenbemalung des Ausstellungsgebäudes von Barbara Kruger leicht zu übersehen. Man fragt sich angesichts dieser Arbeit, warum die Künstlerin diesmal so dezent aufgetreten ist, wo sie doch in ihrer letzten Galerieausstellung in New York mit sattem Rot und weißer Typographie gearbeitet hat. Aber vielleicht lässt sich darin so etwas wie ein Grundtenor des Beitrags von Maria de Corral sehen: Einkehr, Stille und Sanftmut. Und darunter finden sich dann einfach auch schlechte Arbeiten wie die von Joao Louro oder die Raummessungen von Maider Lopez. Ihre Bodenskulptur dagegen wirkt trotz ihrer Unscheinbarkeit.
Um die Ecke eine Arbeit von Bruce Nauman, eine weitere Ecke und wir stehen vor einem Werk von Jenny Holzer. Nichts verbindet das eine mit dem anderen oder es bleibt äußerst unklar. Wozu, weshalb, wieso? Auf den Alleen in den Giardini finden sich dann weitere »verlorene« Werke wie die Treppen mit Figuren von Juan Munoz oder eine Spiegelskulptur von Dan Graham, die im Kurzführer der Ausstellung noch an einer anderen Stelle situiert ist. Ein Ärgernis sind dann die nacheinander folgenden Kabinette der alten Maler-Meister und –Meisterinnen im Hauptpavillon . Es spricht ja nichts gegen die Gegenwart von Malerei in dieser Ausstellung, aber muss man sie so präsentieren, so klassisch, so rein und so langweilig? Allein Thomas Schütte sticht mit seinem Beitrag aus diesem Einerlei heraus, dafür erhielt dann auch einen Preis der Biennale. Barbara Kruger erhielt den Goldenen Löwen für ihr Lebenswerk. Für die beste nationale Präsentation wurde Annette Messager ebenfalls ein goldener Löwe überreicht. Dass die ausgezeichneten Künstler bis auf Barbara Kruger von der Marian Goodmann Gallery vertreten werden, wirft ein seltsames Licht auf diese Entscheidung. Zufall oder Notwendigkeit. Von letzterem muss man sprechen wenn man den besonderen Goldenen Löwen erwähnt, der posthum an Harald Szeemann verliehen wurde. Von 1998 bis 2001 hat er die Biennale visive arte geleitet und mit dem Projekt des Aperto der altehrwürdigen Institution frischen Wind gegeben. Vielleicht wird die Allee am Schweizer Pavillon auch nach dem Ende dieser Biennale den Namen behalten, den ihr jetzt Gianni Motti verliehen hat: Viale Harald Szeemann. Es wäre der Biennale zu wünschen.
Der Rest dieser Abteilung aber ist verschenkte Mühe, auch wenn wir persönlich von Philip Guston nicht genug zu sehen bekommen. Aber Tapiès, Dumas, Uslé ist zu viel des Guten. Auf der vorherigen Biennale hatte Gabriel Orozco mit einer großartigen Skulptur einen großartigen Auftritt und jetzt sind seine Gemälde nur ein Abklatsch davon. Auch hier entsteht wieder das Gefühl, das allein die Gemeinsamkeit des gemalten Bildes eine Verbindung zwischen den disparaten Teilen knüpft. Oder sollen wir uns vor den Bildern von Marlene Dumas an den Tunnel von Tania Bruguera erinnern, der uns dann wieder gemahnt an den offenen Betonkubus von Miroslav Balka. Da wirken dann die Arbeiten von Stan Douglas, Candice Breitz oder Yun Yang wie Fremdkörper, weil sie Genregrenzen brechen, die an anderen Stellen so inständig betont werden. Francesco Vezzolis Trailer zum Film Caligula war das richtige Werk am falschen Ort, weil er ironisch mit allen Genregrenzen spielt und im wahrsten Sinne des Wortes in die Stille dieser Veranstaltung hineinknallte.
Die Erfahrung der Kunst, so der Titel dieses Beitrags von Maria de Corral, ist einerseits ein ziemlich trivialer Titel, dem man kaum als Titel selbst in Erwägung gezogen hätte. Außer man will bewusst unterscheiden zwischen den Genitivus subiectivus oder dem Genitivus obiectivus, die Erfahrung von Kunst oder die Erfahrung durch Kunst. Andererseits löst das Gezeigte in der Ausstellung selber den Anspruch nicht ein. Man stelle sich vor, dieser Beitrag wäre tatsächlich der einzige auf dieser Biennale. Man wäre zu recht enttäuscht.
Aber für die High und Noble Society der internationalen Kunstfreunde wäre auch das kein Schaden. Schließlich gab es wie üblich all überall die passenden Empfänge, bei Guggenheims, in den Palästen und auf den Plätzen. Zum Empfang der Spanier waren dreihundert Einladungen versandt worden, am Büffet standen dann ungefähr tausend Gäste an. Und auf die richtig edlen Events bekommt man als normalsterblicher Kunstfreund keinen Eintritt. Statt zu Modeereignissen zieht es die High Society jetzt immer mehr zur Kunst. Als ausgabenfreudiger Sammler wird man von den geneigten Galeristen um die Welt geschickt und gibt sich in Venedig ein Küsschen, um dieses dann einen Monat später in New York oder zwei Monate später in Istanbul zu wiederholen. Die Kunst ist da nur noch das Sahnehäubchen auf der Edeltorte. Damit mag dann auch zusammenhängen, dass die frühen Besucher sich diesmal mit Stofftaschen en masse eindecken konnten. Ich zähle in meinem Besitz alleine sechs Stück. Ob ich die Tasche aus apartem schwarzen Netzstoff zur Ausstellung von Annette Messager im französischen Pavillon über eBay gewinnbringend versteigern kann? Die schönste Tasche habe ich nur von ferne gesehen, die zur Ausstellung von Kiki Smith. Die nun schon klassische Tasche aus dem britischen Pavillon, gut zum Einkaufen zu verwenden, zierte diesmal nicht die Ansicht des Pavillons selber, sondern die Unterschrift von Gilbert und George plus Ausstellungstitel. Zum Einkaufen ziehe ich das klassische Modell vor.
Ein anderer englischer Künstler allerdings sorgte für ein eindringliches Erlebnis. In der Ausstellung God is great, kuratiert von David Thorp und veranstaltet von der Lisson Gallery in einem externen Raum neben den Giardini, war auch ein Interview mit John Latham zu sehen. Abgetrennt vom eigentlichen Ausstellungsraum auf einem Videomonitor sah man den vierundachtzigjährigen Künstler in seiner kleinen Küche herumlaufen und seine Idee erklären. Dazu gehört auch ein anderes Verständnis von Zeit, die man sozusagen im Gespräch fast schon nachvollziehen konnte. Vor diesem Monitor verlangsamte sich die Zeit. Was draußen vor der Tür geschah, eilende Menschen, auf der Suche nach den anderen, wirkte angesichts der Figur auf dem Fernsehschirm seltsam unwirklich. Im Garten kredenzte man zur Eröffnung Prosecco und Parmeggiano und hier erfuhr man, dass THE MYSTERIOUS BEING KNOWN AS GOD is an atemporal score, with a probable time-base in the region of 1019 seconds., so die Aufschrift an der Wand im Ausstellungsraum. Hier ließ sich für einen Moment, in der Person von John Latham, wieder erahnen, dass Kunst tatsächlich auch eine existentielle Bedeutung und Funktion hat.
Dieser Bedeutung näherte sich auch Rosa Martinez in ihrem Beitrag an, der die Arsenale bespielte, aber weniger ausgiebig und durchaus konzentrierter als in der Version von Francesco Bonami. Arrangement und Display war überzeugender als die Beiträge von Maria de Corral und Francesco Bonami. Mit der Präsentation von Werken der Guerilla Girls aber wird auch schnell klar, welche Zielrichtung diese Ausstellung hat. Sie ist sozusagen auch eine indirekte Antwort auf das Verhalten von Robert Storr. Als Experte steckt man gegenüber dem Werk der Guerilla Girls in einer Zwickmühle: Zum einen ist das Werk wohlbekannt und andererseits bleibt die Diskriminierung von Frauen ein Thema. Hätte man also jemanden anderen finden sollen, um das Thema anzugehen und mit welchem Erfolg? Es muss ja auch zugegeben werden, dass für eine jüngere Generation die Guerilla Girls tatsächlich eine unbekannte Größe sind, im doppelten Sinn des Wortes. Wie eine bockige Antwort auf diese Darstellung wirkt dann die phallische Videoarbeit des scheinbar unvermeidlichen Fabrizio Plessi - dumm und dreist.
Wollte man sich nach einen Symbol für diese Biennale auf die Suche machen, so kann man in den Arsenale fündig werden, in denen Rosa Martinez unter dem Titel Immer ein bisschen weiter ihre Sicht der Dinge ausstellt. Dazu gehört u.a. ein grosser Kristalllüster, der erst beim Nähertreten seine Geheimnis verrät: Die Kristalle bestehen aus Tampons. Das Werk mit dem Titel Die Braut von Joana Vasconcelos stammt aus dem Jahre 2001. Hier in diesem Zusammenhang bleibt die Arbeit mit diesem Titel ein irritierendes Element, von denen sich noch weitere finden lassen, wenn man das Arsenale bis zum Ende durchgeht. Allerdings ist festzustellen, dass sich die Ausstellung all zu sehr im Wabernden und Wallenden verliert, als sollte dem Betrachter Hören und Sehen vergehen. Das ist umso erstaunlicher, wenn der Betrachter sich an den aufklärerischen Impetus zu Beginn der Ausstellung erinnert. Und gerade am Ende vermisst meine Person das Gewusel, das Durcheinander, das in der Utopia Station von Hans-Ulrich Obrist herrschte, weil es tatsächlich so etwas wie einen Ausblick ermöglichte, wo jetzt und hier doch mehr Rückblick ist. Für die kommende Biennale wird dieser Bereich, der jetzt schon nicht mehr bespielt wird, der neue italienische Pavillon. Und Berlusconi wird ihn dann wohl staatsmännisch eröffnen.
Wer die Gegenwart oder die Zukunft sehen wollte, musste sich an die Pavillons halten, oder direkt nach der Eröffnung der Biennale nach Basel zur Kunstmesse reisen. Hier ließ sich tatsächlich nach Augenzeugenberichten etwas von der Gegenwart zeitgenössischer Kunst studieren oder erahnen. Das würde nicht weiter stören, läge der Kunstmesse nicht ein ökonomisches Prinzip zugrunde, das durch den »Erfolg« als Informationsmedium zur zeitgenössischen Kunst dann zum Vorbild wird. Das bedeutet im Gegensatz dazu nicht, dass die Biennale ein rein karitatives Ereignis ist. Aber es steht die Frage im Raum, ob ein Projekt wie die Biennale Venedig sich gegen die Konkurrenz von Messen behaupten kann, die ihre eigentliche Funktion des Handels mit Kunstgütern hinter einem Beiprogramm verstecken, dass die kommerzielle Komponente bewusst in den Hintergrund stellt. Das gilt auch ebenso für die Liste, jene Messe für die Neuen und Unbekannten, die erst als Humus für die große Messe Sinn und Zweck bekommt. Wenn die Biennale selbst keine Antwort darauf findet, wird sie an Bedeutung verlieren gegenüber einem Konkurrenten, der immer mächtiger wird. Das heißt für die Ausstellung in Venedig, sich ganz neuen Formen des Displays zuzuwenden. Das kann auch andere Gestaltungen der Kuratorenschaft beinhalten. Insofern war die Biennale von Francesco Bonami im gleichzeitigen Rückblick und Vorausblick ein Modell, das zumindest in naher Zukunft wieder zur Diskussion stehen sollte. So ist es fast keine Überraschung, dass dieses Mal zum ersten Mal eine Art Fake der Internet-Seite der Biennale auftauchte. Dort heisst die Biennale nun Piennale di Venezia und erscheint als Kopie der offiziellen Seiten der Biennale inklusive Künstlerliste mit Namen wie Maurizio Catelani, Daniel Hirt, Marin Creen. Dahinter verbirgt sich ein Künstler, Francisco Merra, der damit seine eigene Öffentlichkeit sucht. Dass ihm das nicht so gelingt, zeigt ein Counter am unteren Ende der Page »Zugriff gesamt am 10.7.: 2311«.
Was die Pavillons angeht, so war die Mischung diesmal gelungen. Neben schlicht langweiligen Präsentationen wie die von Gilbert & George im Britischen Pavillon, verpassten Chancen wie die von Annette Messager bei den Franzosen oder trotz hoher Erwartungen gescheiterter Vorstellung wie die von Deutschland, überzeugten vor allem die peripheren Länder wie die baltischen Staaten oder Rumänien. Zu Recht erhielt der litauische Pavillon für die Präsentation des Werkes des Filmemachers Jonas Mekas eine besondere Erwähnung von der Jury. Schließlich ist diese Präsentation auch so etwas wie die Heimholung des verlorenen Sohnes. Wenn Björk sich selbst die Ehre gibt und den isländischen Pavillon besucht, dann schmückt das nicht nur das eigene Land sondern auch die Biennale. Das Bergmassiv auf dem österreichischen Pavillon von Hans Schabaus ist eine ironische Paraphrase auf das eigene Land. Albanien ist neu dabei mit einer Arbeit Sislej Xhafa, die in Gegenwart des Videoturms von Fabricio Plessi kaum auffällt am Eingang der Giardini. Dabei besitzt sie eine ungewollte Aktualität angesichts des Schuldspruchs gegen einen Ku-Klux-Klan Anhänger, der vor sechzig Jahren drei Schwarze umgebracht hat. Edi Muka nennt die Maske mit einer Höhe von 23 Metern ein »Spektakel der Auflehnung« und der Künstler selbst betitelt das Werk Zeremonielles Weinen System. Dafür feiert die Ukraine in ihrem Pavillon ihre Kinder und ihre Revolution. Als Westeuropäer ergreift einen da eine Melancholie, weil man zur Auflehnung nicht mehr fähig ist und weil Wahlen auch nur eine Perpetuierung des status quo sind. Aber Melancholie kann auch eine Antwort sein, insbesondere auf diese Biennale.
thw, 24.09.05 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor
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