Peter Lang | Kritik

Ostpunk im Salon Ost Berlin

Punk in der DDR 1979-89
26.08.-25.09.2005
Salon Ost, Berlin

Es kann nur eine Spurenausstellung in Kabinetten sein, aber immerhin unter zerbrochenen Sternen: „Vielleicht sind in der Tat nur Spuren von den Momenten geblieben, die mich bestätigt haben oder Möglichkeiten aufzeigten. Aber Spuren sind nicht nichts ..." (1)



In der angeschlagenen Industriearchitektur, die nach der verschwundenen Arbeit nichts von der Schönheit der Arbeit übrig hat, in einer Verlassenheitsästhetik zwischen Sockeln in russisch Ölgrün und blatternarbigen Unfarben, findet sich zwischen architektonischen Versatzstücken, in symbolische Guckkastenbühnen inszeniert (Ausstellungsdesign von Andrea Pichl), die Bild-, Ton- und Textrelikte des Punk Made in GDR.

Anfang der 90er Jahre wollte natürlich im Osten niemand etwas von proletarischer Subkultur oder anarchistischer Avantgarde hören. Schon gar nicht die Punks selbst, die den Osten gerade überlebt hatten und sich nun der kapitalistischen Rechenmaschine gegenüber sahen. Heute, aus einem kurzen historischen Rückblick, sieht das schon anders aus. Da muss man den Ostpunk, der Partei sei dank, erwachsen aus der Ferienlagertristess, rot/weiß Kraut und Sättigungsbeilagen aber jenseits der Bausparverträge, durchaus den schlagenderen deutschen Punk nennen.

Wenn schon finden sich bei den Auftritten des proletarischen Punk auf den Marktplätzen und in den Kirchen in Erfurt, Rostock, Halle und Berlin, das ND im Nacken und den Wolkenbügel im Kopf, situationistische und dadaistische Qualitäten. Bands wie Wutanfall, Namenlos oder die wirklich avandgardistischen T42, die an 50 Herz Netzfrequenzen herumschraubten, rotzten in Leipzig und Berlin die Dachfugen und Kellerräume aus.

Punk war nicht politisch motoviert aber er wurde verfolgt und so politisiert. Die Kids zeigten als einzige auf offener Straße wirklichen Ungehorsam dem System gegenüber. Dafür worden sie verfolgt und geschlagen. Und dann knallte der leere Wassereimer aus dem vierten Stock neben dem Kameraden Hauptmann, mit Nylonbeutel und Aktentasche in der Hand, auf den Hof. So geschehen nach einem durch die Polizei aufgelösten illegalen „unter dem Dach Konzert“ von Feeling B Mitte der 80er Jahre auf einem Ostberliner Hinterhof. Schlagartige Stille trat ein. Man wusste sofort, jetzt kann es auch für alle ab nach Bautzen heissen. An solchen Stellen konnte man noch am eigenem Leib das Gefühl spüren, das Pete Townshend trieb seine PA zu zertrümmern. Das Gefühl war elektrisch, gefährlich und anarchistisch und hatte nichts mit dem sonstigen Schwachstromangebot der domestizierten DDR Rockmusik zu tun.

Kurz hinterm Fernsehturm, dessen eine Ecke in die Ausstellung ragt, trafen sich die Gebeutelten von „To much future“ (Transparent in der Ausstellung) im Posthorn oder im Werk II, mitten in der überwachten sozialistischen Stadt der Zukunft. Alles lange her? Zur Eröffnung kamen immerhin ca. 2000 Besucher und der Katalog zur Ausstellung ist fast vergriffen. Das können nicht alles ehemalige Punker gewesen sein.
Punk is never dead, erlebt gerade ein europaweites Revival, z.B. 300 Punker allabendlich in Linz. Österreich hat da wohl etwas nachzuholen. So stellen sich für eine letzte proletarische Jugendkultur innerhalb der DDR im Rückblick auch Projektionsräume hin zur bildenden Kunst der Gegenwart her. Inszenierungen von Schneider und Hirschhorn haben durchaus einen gleichen Materialklang. Natürlich kommen sie aus einer anderen Strategie, nämlich einer eindeutig künstlerischen, doch das Bild des Gegners könnte das gleiche sein. Sozusagen ein Kampf auf gleichem Gefechtsfeld nur mit anderen Mitteln.
Die Künstler und Intellektuellen der DDR standen damals bis auf wenige Ausnahmen ratlos vor dem gewalttätigen drive des Punk. Man hatte sich schon arrangiert oder wartete auf seine Ausreise. Auch der Autor selbst studierte Kulturwissenschaft und machte die ersten öffentlichen Ausstellungen. So sind es vielleicht überfordernde Zusammenhänge, die sich in der Ausstellung in Fragmenten darstellen. Aber man kann der Kraft und der Wut des Punk in der DDR gut nachspüren. Die Ausstellung ist da der realen Geschichte durchaus angemessen und es gibt viel an Subkultur zu entdecken, was der Westen nie gesehen hat. Die Masse der damaligen Punks ist natürlich schon längst im Kleinbürgertum resozialisiert und die wenigen, die sich in die Kunst gerettet haben, sehen heute anders aus. Das ist der Gang der Dinge. Aber lebte nicht der Punk schon immer in einem „Merzbau“ und bleiben vielleicht allein die Attitüden des Punk als Beitrag der DDR-Kultur für die 80er Jahre übrig? Da waren doch die Shows von CCD (Chic, Charmant und Dauerhaft) und die predigenden Irokesen auf der Kanzel der St. Augustinus Kirche, jenem Kleinod expressionistischer Architektur, in Berlin Pankow. Fotografieren war da nicht nur für die Stasi sondern auch für Künstler verboten. Die standen dann folgerichtig verschüchtert in den hinteren Bänken. Vorn in der Apsis tobte der 3 min. Hardcore, Pogo zum Abendmahl und die ersten Bierflaschen flogen durch den Raum.
„ ...it´s not vorgotten, Johnny Rotten “ (N.Y.), und wenn Punk erwacxhsen wird, landet er auf dem Sofa unter Palmen. Das ist dann allerdings eine andere Architektur.

Peter Lang
Fotos: Eröffnung der Ausstellung (P.L.)

(1) Markus Greil, Lipstick Traces: Von Dada bis Punk - kulturelle Avantgarden und ihre Wege aus dem 20. Jahrhundert, Rogner & Bernhard 2001, Hamburg, 1992

Weiterführende Literatur: Ostpunk, Katalog zur Ausstellung, Künstlerhaus Bethanien, 2005( zu bestellen eben da, info@bethanien.de); Wir wollen immer artig sein..., Ronald Galenza und Heinz Havemeister, Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag, Berlin, 1999

Peter Lang, 13.09.05 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor

 

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Kommentare

Gerade rechtzeitig zur Ostpunk Ausstellung in Berlin meldet sich der Punk made in (Ex-)BRD lautstark und äußerst erheiternd zu Wort. "Die Partei", eine TITANIC-Ausgründung, und die APPD, ("Die Pogo-Anarchisten"), mischen sich in den Bundestagswahlkampf ein und verbreiten großartige Wahlkampf-Fernsehspots.

Falls man diese Verpasst hat, oder die Öffentlich-Rechtlichen sie einem vorenthalten haben, kann man sich die Produktionen auf den jeweiligen Webseiten herunterladen.

http://www.die-partei.de/
http://www.appd.de/

Unbedingt anschauen!

Markus Wirthmann [TypeKey Profile Page] | 13.09.05

 

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