Dellbrügge & de Moll | Bücher
Those were the days my friend...
Thomas Wulffen pflegt den Rollenwechsel

Der Raum enthält zwei Tische, fünf Stühle, zwei davon im DDR Stapeldesign „kackender Waldarbeiter“, ein altmodisches Telefon und einen Anrufbeantworter, der auf der weißen Auslegeware steht. Die Wände sind frisch gestrichen, die Leisten grau abgesetzt. Zwei beschichtete Spanplatten verbergen, auf die frontale Wand geschraubt, eine Plakatarbeit von Katharina Sieverding. Zettel mit Headlines, Notizen, Kontaktnummern und Fotos pinnen daran. Rechts gehen zwei Fenster auf den heruntergekommenen Innenhof einer ehemaligen Margarinefabrik. Die hohe Flügeltür steht weit offen. Eine Acrylglasscheibe ist in den Türrahmen montiert. Sie verwandelt das grellweiß erleuchtete Büro in eine Bühne und trennt es von dem davorliegenden Aufenthaltsraum, der als Kantine genutzt wird. Eine Geruchskomposition aus Braunkohle, Linoleum, ABM-Schweiss, kaltem Zigarettenrauch und abgestandenem Eintopf hängt in der Luft. Durch die Scheibe ist ein Schriftzug lesbar, der über den 15“ Bildschirm läuft: „below papers, Vol. 1, No. 1 Fiktion, 1993“.
Noch sind beide Räume menschenleer. Die Release-Party des Kunstmagazins below papers, das als Fusion künstlerischer Praxis und theoretischer Produktion angekündigt ist, steht kurz bevor. Kartons mit Sektgläsern, eine Handkasse und Stapel des Magazins im DinA 5-Format stehen bereit. Cover und Plakate ziert ein Konterfei Thomas Wulffens unter Wasser, im Becken des Kreuzberger Prinzenbads.
Szenenwechsel. Zwölf Jahre später...
Der Raum, in dem wir uns wiederfinden, ist konsequent in 60er-Jahre-Design gehalten: abgehängte Holzdecke, indirektes Licht, eine niedrige Bühne vor einer rohen Backsteinwand und Bestuhlung, die von Publikum spärlich besetzt ist. Man kennt sich: Peter Funken, Eran Schaerf, Annette Begerow, Veronika Kellndorfer... Im Clubraum der Akademie der Künste im Hanseatenweg liest Thomas Wulffen aus seinem Buch „Rollenwechsel“. Es agglomeriert the best of 20 years einer Figur, die zwischen Kritiker, Kurator und Künstler oszilliert.
Dieses Schwingen, Schwanken und Schaukeln zwischen festen Rollenbildern ist Ausdruck einer Ausweichbewegung. Thomas Wulffen hat keine Sammlung von Monografien vorgelegt, wie er mehrfach betont. Ebenso wenig ein Konvolut von Interviews, ließe sich ergänzen, wie seine Kollegen Marius Babias oder Hans-Ulrich Obrist. Auch wenn er solidestes Handwerk fabrizieren kann, wie der vorausgehende Artikel in kunst-blog belegt und zur Analyse des Betriebs beiträgt, wie Wolfgang Ulrich oder Walter Grasskamp sie leisten, beschränkt Thomas Wulffen sich nicht auf kunstwissenschaftliches Werkzeug.
Vielmehr angelt er, den einen Fuß fest in der Kunst mit dem anderen in fremden Territorien nach Standpunkten und Terminologien, die er sich nach Belieben aneignet, umfunktioniert und missversteht. Wir erkennen darin die Attitüde des „genialen Dilettaten“ oder „Bricoleurs“, von der die kulturelle Produktion der 80er Jahren durchtränkt war. Nichts konnte man. Alles konnte man gebrauchen, hielt dabei aber Distanz zum Expertentum und blieb damit keiner Schule, Wahrheit oder wissenschaftlichen Autorität verpflichtet. Diese intellektuelle Grundierung nehmen wir für die Autogenese des Hybrids Thomas Wulffen als wesentlich an.
Paradigmenwechsel
Der intellektuelle Spieltrieb ist aus der Mode geraten. In der „Generation Praktikum“ geht bereits an den Hochschulen Existenzangst um, hysterisches Mainstreaming, die vorauseilende Bereitschaft, Verwertbarkeiten zu produzieren, Nischen zu finden und der neoliberalen Aufforderung zu folgen, sich nützlich zu machen.
Rollenwechsel
Erinnern wir uns. In den 80er und 90er Jahren war die Grenzübertretung in die schreibende und kuratierende Zunft von Künstlerseite aus nicht nur geläufig, sondern zwangsläufige Begleiterscheinung der institutional critique. Eine Flut von künstlerkuratierten Ausstellungen und Kunstzeitschriften belegt das. Man agierte in einem internationalen Feld korrespondierender Muster. Überwiegend ohne Businessplan, Finanzierungsmodell und Zielgruppenanalyse erfand man die Publikationen, die man vermisste. „Ich mache nur ein einziges Heft, und das für mich selbst.“ (Thomas Wulffen in der Planungsphase für below papers) Kritiker dagegen, die nebenher Kunst machten, liefen Gefahr einer Autoritätskorrision. Die Kunstwissenschaft ist eine akademische Disziplin, mit der nicht zu spaßen ist. Thomas Wulffens Arbeiten, die er unter der Rubrik „Kunst“ subsumiert, sehen wir eher als eine notwendige Erweiterung der Kunstkritik.

Wortwechsel
Im anschließenden Verhör möchte Raimar Stange, Herausgeber der „Neuen Review“, jetzt mal ehrlich und Hand aufs Herz, ein paar Details aus dem Nähkästchen:
Zugegeben, es schmerzt den Freelancer, nicht mehr regelmäßig Gelegenheit zu haben, Verrisse zu publizieren. Ja, es gibt „Distanzen“, wie Thomas Wulffen die Hierarchien im Kunstbetrieb euphemistisch nennt. Zum Beispiel zu seinem Bruder Schmidt-Wulffen, der eine Bilderbuchkarriere gemacht hat. Das Gefälle der Positionen steht einer Kollaboration im Weg. Ebenso im Verhältnis zu den „Künstler-Profis“. Nein, der Kritiker weigert sich, ein eigenes Büro mit mehreren Mitarbeitern zu unterhalten wie Olafur Eliasson, um mit diesem Kaliber auf Augenhöhe zu geraten. Sicher, es ist ein Rückschlag, wenn das Ausstellungsprojekt „non-linear“ nach einem Jahr kuratorischer Forschungsarbeit, die durch den Hauptstadtkulturfonds finanziert wurde, nun in der Luft hängt, weil die Bundeskulturstiftung keine Mittel für die Realisierung bewilligt.
Ja, es gibt Kränkungen: Seit seinem Erscheinen im Herbst 2004 wurde „Rollenwechsel“ erst zwei Mal rezensiert und 25 Mal verkauft. Raimar Stange schiebt das auf Berührungsängste unter Kollegen. Und das in einem Betrieb, der vom Networking lebt und in dem ein Tausch einer Anzeige gegen eine Rezension gang und gäbe sind! Come on! Deshalb hier von Künstlerseite noch einmal ein Rollenwechsel zur Reklame: Leute, kauft Thomas Wulffens Buch! Allein schon wegen seines Anspruchs an die Kunstkritik, mit ihrem Gegenstand gleichzuziehen hinsichtlich des Grads an Selbstbeobachtung und Reflektion der eigenen Mittel. Versandkostenfrei bei Amazon, sowie in jeder guten Buchhandlung in Eurer Nachbarschaft.
Thomas Wulffen, Rollenwechsel. Münster 2004, 214 Seiten, zahlreiche s/w Abbildungen
EUR 24,90
Dellbrügge & de Moll, 25.09.05 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor
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