Adib Fricke | Kritik

Traumpreise

Wer hält durch und gewinnt am Ende?
Abbildung: Reginald Marsh, Zeke Youngblood’s Dance Marathon,
Katalog »Amercia - Traum und Depression 1920/40«, Berlin 1980

Die Nationalgalerie, die sich mehr und mehr dadurch auszeichnet, dass Designer den Rahmen des Events bestimmen und durch aufwendige Gestaltung aufwerten, hat für heute zur Preisverleihung für den Preis der Nationalgalerie für junge Kunst geladen. Die Eintrittskarten zur Veranstaltung kosten 20,- EUR pro Person. Ob das ein zarter Versuch ist, einen Teil des Preisgeldes einzunehmen? Oder hilft es, die Veranstaltung noch exklusiver werden zu lassen?

Auf jeden Fall bekam seine Karten zur Preisverleihung nur, wer als geladener Gast mit der Rückantwort gleich das Kartengeld in den Briefumschlag beilegte: »Eintrittskarten zur Preisverleihung erhalten Sie nach Eingang der beiliegenden Antwortkarte und Bezahlung eines Kostenbeitrages von 20 EURO pro Person durch beilegen eines Schecks/bar ... Abendkasse leider nicht möglich.« Prima, dass dann wenigstens Christoph Schlingensief mit dabei sein wird, um das ganze ein wenig lockerer zu gestalten wenn er als Festredner den Publikumspreis bekannt geben wird. Christina Weiss als Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien darf anschliessend den Preisträgernamen verkünden. Bei Kunst-Blog gab es eine Abstimmung mit der Frage »Wer, glauben Sie, wird den Preis erhalten?« Hier das Ergebnis der Leserprognose; die Abstimmung wird damit beendet und kann dann morgen mit dem tatsächlichen Ergebnis verglichen werden.

Nach dem Preis ist vor dem Preis. Was die einen können, gelingt den anderen noch besser. Mit dem BlueOrange Art Price 2006 wird dann morgen gleich erneut der Wettkampf um einen Kunstpreis aufgenommen. Nicht Kleckern, sondern Kotzen, äh Klotzen ist anscheinend das Motto: Diesmal geht es 77.000,- EURO (siebenundsiebzigtausend Euro). Laut Selbstdarstellung ist dies der höchstdotierte Kunstpreis in deutschem Lande. Da kann sich der deutsche Kunstmichel aber freuen, dass die Kunst in Deutschland von der Gefahr der Provinzialität freigekauft wird. Der Kunstpreis wird von den Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken in Zusammenarbeit mit dem Zweiten Deutschen Fernsehen und dem Museum Ludwig Köln als diesjähriger Veranstaltungsort-Partner vergeben. Sinnigerweise hat nicht nur der Bankenverband die Farben Blau und Orange als Hausfarbe und spricht auch noch von »augenzwinkernd« beim Bezug von Corporate Design und Preisnamen. Auch das CD von Deutschlands einäugigstem Fernsehsender setzt voll auf Orange und Blau. Lediglich beim Museum Ludwig wirken schlichte Grautöne auf der Museumswebseite.

»Für die Shortlist sind über 500 internationale Kunstexperten gebeten worden, Vorschläge einzureichen. Aus der Vielzahl dieser Nominierungen wird eine Jury Ende September 2005 sieben Favoriten ermitteln.« Bei der morgigen Eröffnung des Artforums werden die glorreichen Sieben vorgestellt, die von den ebenfalls sieben Jurymitgliedern Klaus Biesenbach, Daniel Birnbaum, Maria de Corral, Wolfgang Herles, Luminita Sabau, Dirk Snauwaert und Gijs van Tuyl ausgewählt werden. Klingt so als habe jedes Jurymitglied einen Künstler oder eine Künstlerin vorschlagen können. Bestimmt gab es dann auch keinen Ärger untereinander. Einige der Jurymitglieder waren auch schon beim blueOrange 2004 - so die Kurzform - mit dabei. Da wurde der Preis in dieser Form zum ersten Mal vergeben, nachdem er von einem seit 1992 bestehenden, eher schlichten Bankenkunstpreis zu etwas besseren umgewandelt worden ist. Den gewann Francis Alÿs, spendete ihn aber gleich an ein Schulungszentrum für Straßenkinder in Mexikostadt, wo der gebürtige Belgier lebt. Exzellent ist übrigens die Idee, dass von der Gesamtsumme des Preisgeldes 7.000,- EURO für die Förderung eines Nachwuchskünstlers oder einer -künstlerin abgehen, welche/r vom Preisträger zu benennen ist. Bei diesem Preis darf nun auch das Publikum direkt mittippen. Wer den Gewinnernamen richtig nennt und bei Mehrfachnennung dann, was anzunehmen ist, durch Los gewählt wird, darf 2006 mit Begleitung nach Köln zur Preisverleihung fahren ...

 

 

Nachtrag

Monica Bonvicini, bekannt durch Arbeiten, die Architektur und Sex verbinden, hat den Preis gewonnen. Dieser soll aber nicht komplett als Preis vergeben worden sein, sondern nur zur Hälfte. Für die andere Hälfte des Geldes soll eine Arbeit angekauft werden. Wozu dann noch den ganzen Abend über betont werden musste, was für ein wichtiger und hochdotierter Preis hier vergeben werde, bleibt offen. Richtig albernes Theater präsentierte Christoph Schlingensief, in dem er genau die Anti-Haltung erfüllte, die von ihm erwartet wird, und keinen Publikumspreis an Angela Bulloch vergab.
Mehr über den Abend haben Nicola Kuhn im Tagesspiegel und Gabriela Walde in der Welt geschrieben.


Auf der Shortlist für BlueOrange 2006 stehen
Janet Cardiff
Douglas Gordon
Mona Hatoum
Aernout Mik
Gabriel Orozco
Dan Perjovschi
Tobias Rehberger

 

Adib Fricke, 27.09.05 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor

 

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