Peter Lang | Kritik

Tricky Istanbul

In Istanbul ist vieles los dieser Tage. Die Kunstereignisse fallen so zahlreich vom Himmel über die gute alte Stadt, dass selbst schreibende Kollegen sie nicht mehr Auseinanderhalten können. Istanbul Biennale eröffnet, Istanbul Modern zeigt erste große Ausstellung zeitgenössischer Kunst, Stadtkunstprojekt eröffnet und rundherum noch ein buntes Buket aller möglichen Aktivitäten. Hier steppt der Bär sollte man meinen.

Zur Eröffnung der Biennale sah man ca. 3000 Besucher und davon viele junge interessierte Istanbuler, die gebildete Mittelschicht nebst Bürgertum aber niemanden mit Kopftuch. Wo waren die, die Kennzeichen der islamischen Elite?


Eröffnung Istanbul Biennale

Einen Tag später die Eröffnung von Istanbul Modern, dort mehr das gehobene Bürgertum, aber auch wieder reichlich junges Volk. Was ist los in der Stadt, hat man da übersehen, dass gerade hier das Zentrum zeitgenössischer Kunst entsteht?


Eröffnung „Centre of Gravity“, Istanbul Modern (pointer lesen!)

Im Moment gibt es als Kontrast dazu wieder niedergeknüppelte Demonstrationen aller Art und Bombenanschläge mitten in der Stadt. Istanbul könnte ganz schnell wieder zu einem Hauptkampfplatz der türkischen politischen Realität werden. Davon lassen die Ausstellungen kaum etwas vermuten. Man sublimiert, konzeptuiert und ist modern und international gestimmt.


Eröffnung „Centre of Gravity“, Istanbul Modern

Bezeichnenderweise ist „Centre of Gravity“, kuratiert von Rosa Martinez, der Titel der ersten neuen Ausstellung des Istanbul Modern. Dort soll ein neues Zentrum zeitgenössischer Kunst durch Geld aus dem Nichts gezaubert werden. Im ersten Stock die Sammlung türkischer Malerei, zur Eröffnung sehr schlecht besucht, man ging nach der Verirrung die Treppe (älteres Biennale Werk von Monica Bonvicini) postwendend auf dem Absatz drehend wieder zurück. Im Erdgeschoss die sehr schön arrangierten Werke der referentiellen internationalen Gegenwartskunst vermischt mit türkischstämmigen Einsprengseln. Vielleicht wertsteigernd für diese.


Eröffnung „Centre of Gravity“, Istanbul Modern

Die Kuratoren der Biennale (Charles Esche / Vasif Kortun) wollen dagegen nach Selbstaussage nur bescheiden das Buch Istanbul aufschlagen und keinen Wettbewerb mit anderen westlichen Kunstzentren führen. Sie laden dafür bis hin zum Studentenwettbewerb alles für die schöne Idee zusammen.


Istanbul Biennale

Natürlich in erster Linie Freunde und Bekannte. Reisen nach Istanbul verschenkt man ja auch nicht einfach so. Das Vorgehen erzeugt bereits den Unmut der ansässigen jungen Künstler, die den "alten Säcken" örtliche Unkenntnis und Arroganz vorwerfen.


Istanbul Biennale

Alle beiden Ansätze scheinen nicht nur verwegen, sondern ergänzen sich nur im Schnellkochtopf. Aber dahinter steht als Folie das ausgesprochene Interesse von Banken, türkischen Großsammlern und Investoren, Istanbul über die Förderung zeitgenössischer bildender Kunst zu einem Label mit einem neuen Charakter zu machen. Das kann man niemanden übel nehmen, es ist gerade im Trend und morgen oder übermorgen gibt es vielleicht zur Istanbul Biennale mehr Gäste und Partys als in Venedig. Die Stadt hätte es verdient, die Gäste auch und die Verbindung nach Venedig ist eine Jahrhunderte alte. Es riecht alles nach Event und es wird auch nicht gekleckert sondern geklotzt, bei allem Klagen über das Budget. Mit einem Catering für ca. 5000 Gäste (Modern + Biennale) brauchen sich die Geldgeber nicht zu verstecken, das gibt es in Deutschland nicht mehr.


Istanbul Biennale, Plattenauflegen im Grande Hotel London

Und danach abendfüllende Partys, zwar etwas teuerer (das kleine Bier zu 7.50 Euro) aber man gerät an Plätze, wo man neuen Reichtum schnuppern darf. Keine deutsche Biennale würde ihre Party auf dem Luxus-Flußschwimmbad des örtlichen Fußballvereins feiern. Auch eine Karaoke-Party im passenden Club Neureich zu Videos von Phil Collins (dem Namensvetter des Stars) ist eher schwulstig als originell. Aber zweifelsohne gehören Partys zum Geschäft und das konzeptuell politisch Korrekte als Attitüde lässt sich damit auch einfacher ertragen.
Ansonsten der Biennalen übliche Mix ob nun Istanbul oder Venedig, ein Sammelsurium. Mehr schlechte als rechte Malerei, dürftige Installationen, Simulationen von Museen und Geliebten Atatürks, viele flaue Konzepte und Modelle weltenbummelnder Architekten, Videoprojektionen an allen Ecken und als Ausstellungsort u.a. ein vergewaltigtes leer stehendes Haus, dessen obere Etage als beste Intervention im Zustand belassen, nur mit Sprüchen auf den morbiden Oberflächen versehen ist.
Ein einziger hätte gereicht „Ich habe Angst vor Ihnen.“


Istanbul Biennale

Den Kollegen gefallen in dieser Melange durchweg gut die leicht les- und deutbaren Strichmännchen eines rumänischen Künstlers (Dan Perjovschi) in einem mit Gipskartonplatten ausgekleidetem Kellergeschoß. Man vermutet dort werde alles zur Lage und zum Betriebssystem auch in Istanbul gesagt. Das ist wohl sogar so. Aber wozu dann der Rest?


Istanbul Biennale, Zeichnungen von Dan Perjovschi

Für alle Besucher der Biennale kann gelten, ein schöner, spannender Stadtrundgang ergibt sich auf alle Fälle. Man darf durch Viertel gehen, die immer noch als anrüchig und gefährlich beschrieben werden, obwohl sie längst voller Touristen sind und von der Polizei überwacht. Man kann frischen Fisch am Ufer des Bosporus essen und ist der Kunst auf Sichtweite ausgesetzt. Kunststadtverschönerungen und Bedeutungsvergewaltigungen sehen in der Kulisse am Bosporus allemal schöner aus als im Münsterland. Zur Didaktik: Vielleicht ergibt sich für das junge, nicht Kunst übersättigte Publikum aus Istanbul durch die Implementierung der Biennale in die Stadt ein einfacherer, direkterer und auch abenteuerlicherer Zugang zu aktueller bildender Kunst als der durch den hochgezüchteten White Cube á la Istanbul Modern.


Istanbul Biennale, Alte Tabakfabrik

Allerdings gehört das, was für westliche Besucher pittoreske Kulisse ist, angeschlagene und
leer stehende Wohn-, Bank- und Lagerhäuser für die in-crowd Istanbuls zum Alltag und der ist nicht für alle lustig anzusehen. Die kulturelle Matrize der Stadt bleibt gegen alle temporäre Kunstbesetzung stark und authentisch und gibt so einen wirklichen Eindruck von der Metropole zwischen West- und Ost. Alle Kommentatoren vermuten, dass die beteiligten Künstler nicht in den Stadtrandgebieten waren. Aber wozu auch, da waren ja auch die Kommentatoren nicht. Man bleibt halt unter sich und döst am Bosporus.


Blick aus dem besten Fischimbiss zur asiatischen Seite

Derweil hat der türkische Staat das Areal Karaköy samt Antrepo (Standort Istanbul Biennale + Istanbul Modern) letzte Woche für 3,5 Milliarden Mark für 49 Jahre an die Royal Caribbean Group verpachtet, wie gerade in der Berliner Zeitung zu lesen war. Mit oder ohne Istanbul Modern fragt man sich. Aber Istanbul kommt, sicher.

In sieben Gebäuden, bis 30. Oktober, rund um den Galataturm
Info: www.iksv.org

Peter Lang, 27.09.05 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor

 

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