Markus Wirthmann | Kritik

Gender Diskurs Patchwork

Elke Krystufek
L´Etat C´est Moi - Das Geld bin ich
Galerie Barbara Thumm, Berlin
29. Oktober 2005 – 14. Januar 2006

"In ihren Werken und Performances geht Krystufek gender-spezifischen Verhaltensweisen nach. Ihr Ansatz beruht auf der Tradition des feministischen Diskurses, den sie in Aktionsweisen und der Untersuchung von Aneignungsmechanismen weiterführt. In Krystufeks neuen Werken erweitet die Künstlerin das Selbstportrait, setzt ihr eigenes Bild in vorgefundene historische Bezüge. Die unterschiedlichen komplexen Beziehungsmuster werden von einer darüber liegenden Textebene gesteigert."
Galerie Barbara Thumm

Das klingt ja in der Tat nach der Neuerfindung des Rades im Selbstportrait. Wenn der ganze Text nicht etwas bemüht nach Kunsthistoriker-Lyrik klingen würde, wäre man geneigt, ihn als beabsichtigten Bestandteil der Inszenierung zu sehen und zu lesen. Dass die an den Galerietresen ausliegenden Informations-A4-Blätter sich allerdings ungefragt in die Inszenierung einschleichen und sich zum Bestandteil des Ganzen machen, scheint sowieso niemand zu interessieren. Lieber mal klipp und klar sagen wo lang gedacht werden soll.

Die Gouachen und Collagen in der Ausstellung halten der Ansage in der Bedienungsanleitung jedenfalls nicht stand. Von Erweiterung ist da nicht viel zu sehen: Schön bieder wird das Sujet, die Künstlerin selbst – oder Teile von ihr, in einiger Anzahl abgearbeitet. Dazu kann man in der Wegbeschreibung lesen: "Durch die endlose Vielzahl der Wiederholungen des eigenen Abbildes, wird das Selbst zur Ikone." Aha. Und natürlich zum Label, zur Marke die das gepatchworkte Oeuvre einigermaßen unverwechselbar macht.

Was die Textebene und den feministischen Diskurs angeht, so wird der in diskursivem Englisch, philosophischem Französisch und manchmal auch in schnödem Deutsch abgehandelt. Mehr als ein Name- und Phrasen-Dropping vermengt mit eher bescheidenen Einsichten der Künstlerin ist da auf den Bildhintergründen nicht zu dechiffrieren (Well, the author doesn´t speak french ...). Philosophietapete mit Butler- und Baudrillaire-Schnörkeln allenfalls. Eben auch Patchwork.

Wären da nicht die lustigen Oldies gewesen, die sich immer wieder freundlich posierend vor die Kamera gedrängelt hätten, es wäre ein ziemlich dröger Abend geworden. Überhaupt verwunderte die Anwesenheit von so viel reiferen Jahrgängen bei einer (Berliner) Ausstellungseröffnung – und zu alledem noch in ziemlich merkwürdigen Klamotten. Alles so schön selbst gebastelt. Ähem – gepatchworkt.

Ein kurzes Gespräch mit der Galeristin brachte Klärung: Die netten Rentner waren im Seniorenheim Hackescher Markt gecastet und für dreißig Euro als Models verpflichtet. Im Rahmen der Performance von Elke Krystufek führten sie die Krystufeksche Bekleidungs-Kollektion vor, waren angewiesen die übrigen Besucher in Gespräche über ihr und das Alter ganz allgemein zu verwickeln und posierten ansonsten, wie schon gesagt, vor den Kameras der Ausstellungsbesucher.
Tino Sehgal - der ja eh´ schon Andrea Fraser getroffen hatte - meets geriatrische Supermodels. Und zusammen sprechen sie übers Alter von Ideen und der Frage nach Originalität und Plagiat und Patchwork.

Markus Wirthmann, 31.10.05 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor

 

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