Kai Hoelzner | Kritik

In Wohnhöhlenhöllen

Bevor’s nun wirklich vorbei und das jetzige nächste Wochenende auch schon wieder vorüber ist, hier noch schnell der Bericht über Manuel Grafs Videoinstallation Ping Pong, die letzte Woche bei Johann König vernissiert wurde. Manuel Grafs Animationsvideo zeigt eine Reise durch die Architekturgeschichte in drei Stationen: Das Gipsmodell des Goetheanum in Dornach, Friedrich Kieslers Endless House von 1959 und einen aus schrillbunten floralen Formen animierten Entwurf des Arc of the world von Greg Lynn, der Rot und Grün schimmernd von der Tier- und Pflanzenwelt inspiriert ist und in den kommenden Jahren angeblich in Costa Rica realisiert werden soll. Ziemlich Welcome to the Pleasuredome das ganze.

Ich kannte seine früheren Arbeiten schon. Shulmantonioni, Tausend Jahre sind ein Tag. Und nun also hier Ping Pong. Graf ist 27, hat gerade die Düsseldorfer Kunstakademie hinter sich gebracht und zeigt in der Weydingerstraße in Berlin nun seine Abschlussarbeit von der Hochschule. Wiederum eine Computeranimation. Diesmal aber eingebettet in eine Installation. Thema wie auch in den vorangegangenen Arbeiten: Mythos Architektur. Rekonstruktion von Räumen mittels Computeranimation, die bizarrer Weise nicht vom Raum handelt, sondern von der sehr viel abstrakteren Kategorie Zeit.
Graf spannt einen Bogen von der mythologisch-religiös motivierten Bauweise der Antroposophie über die biomorphe Formgebung Kieslers, die in den 60ern und 70ern zur Matrize für lila Plastik-Wohnhöhlen und Colani-Krempel wurde, bis hin zu den architekturgewordenen naturreligiösen Regenwaldphantasmen des Arc of the world von Greg Lynn.



Computeranimation des Arc of the world von Greg Lynn


Durchaus nicht unspannend, dieser Linie zu folgen und die heute gebräuchliche, enthistorisierte und entkontextualisierte Sicht auf Waldorfschulen, Naturromantik und Lehmbauweise freizulegen. Beim Anblick der Arbeit von Manuel Graf und ein bisschen anschließender Recherche spürt man immerhin, dass die Reise dorthin gehen könnte. Allerdings unterminiert Graf seinen Ansatz durch ein in der Galerieausstellung installiertes Environment aus beigem Wohnzimmerteppich, einem nach Dekofix-Holzimitatfolie aussehendem, flachen Podest, auf dem ein Modell einer Kieslers Endless House nachempfundenen Gipshöhle platziert wurde sowie "güldenen" Folien, mit denen die Fenster verklebt wurden. Der kantig wirkende Lounge-Trash dieser Installation, in die Manuel Graf sein Video eingebettet hat, geht nicht nur nicht mit dieser Kamerafahrt durch ein Jahrhundert architekturgewordenen Irrationalismus zusammen, sondern schaut auch noch nach semi-hippen Berliner Cocktail-Bars aus. Im Volksmund wird so was wohl Location genannt. Im Angesicht der im Video sichtbaren Architekturpositionen wirkt die Installation irgendwie zu loungig. Nur wenn in den Pausen ein Halogenlicht seine dramatischen Schatten wirft, wird diese Lounge-Gemütlichkeit unterbrochen.



Höhlenarchitektur in Gips auf Sockel


Auch der die Videoinstallation begleitende Soundtrack der Gruppe Antipopkonsortium kommt merkwürdig unmotiviert und referiert allenfalls durch seinen Titel auf die besoundtrackte Arbeit: "It's the return". Die "Kamera" rauscht halt durch und über die beschriebenen Architekturmodelle verschiedener Epochen und anschließend wieder zurück. Und dann noch mal und noch mal. Das vor einigen Jahrzehnten als progressiv empfundene Eloy-Geschrammel, das dann auch noch eingespielt wird, dient da wohl auch eher dazu, die Emotionen des Betrachters in eine 70er-Jahre-Wohnhöllen-Ära zu shiften und lenkt beim Denken ab. Was bleibt, ist ein kurzer Sightseeing-Flug durch eine Subgeschichte der Architektur, bei dem man sich ein paar Stationen mehr gewünscht hätte. Die Installation drumherum hätte dann auch gar nicht gemusst.

Ping Pong
noch bis zum 20. November bei Johann König, Weydingerstraße 10, Berlin

Kai Hoelzner, 22.10.05 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor

 

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