Christian Wilke | Kritik
Leere und Verfall, 16 Bombenanschläge, Depression und Rauschzustand
Vom Verschwinden. Weltverluste und Weltfluchten.
PHOENIX Halle Dortmund
27. August - 30. Oktober
Als ich den Titel der Ausstellung las, dachte ich, nee klar, wieder mal so eine Kuratorenausstellung. Sowas wo sich der Kurator zur Dekoration seiner Mörder-Konzeption noch ein paar Künstler einlädt, Cosima van Rehberger im DJ-Ute-Meta-Obrist-Remix. Doch, weit gefehlt.

Da sich für mich oftmals schon das Finden der Locations als Problem darstellt, empfand ich es als sehr angenehm, das der Weg zur Ausstellung beflaggt war, so daß ein Verfahren fast unmöglich war und sich schon bald eine riesige Industriebrache vor mir erstreckte, aus deren Mitte eine grosse, mit dem Titel der Show gekennzeichnete Halle ragte. Ein absolut passender Ort für eine Ausstellung, die sich mit den Themen Weltflucht und Weltentzug beschäftigt.
Die Kuratorinnen Inke Arns und Ute Vorkoeper haben sich sechszehn unterschiedliche Künstler/innen/gruppen eingeladen, die mit sich dem Verschwinden von privaten, sozialen, kulturellen Identitäten oder politischen Handlungsräumen beschäftigen.Und obwohl fast ausschliesslich Videoarbeiten gezeigt werden, wirkt die Ausstellung an keiner Stelle langweilig oder gestelzt, was natürlich auch dem großzügigen, großartigen Platzangebot zu verdanken ist.

Eine mir nicht ganz fremde Art der Weltflucht beschreibt Oliver Pietsch in zwei schönen Videoprojektionen, nämlich den Rausch. Aus verschiedensten bedröhnten Schnipseln der Filmgeschichte hat er neue Filme zusammengeschnitten, die selbst wie ein Rauschzustand funktionieren. "Hier wird der Film als Metonymie für die westliche Kultur lesbar", ist in der Broschüre dazu nachzulesen.

Via Lewandowsky erinnert in seiner Installation an den russischen Kosmonauten Vladimir Komorov, der beim Wiedereintritt in die Erdatmosphäre mit der Sojus 1 verglüht ist, und zeigt in einem blau illuminierten Raum Vitrinen mit verkohlten (klar) Gegenständen, unterlegt mit dem TV-Originalkommentar.

Ubermorgen alias Hans Bernhard ist mit einem herrlich unprätentiösen, anscheinend authentischen Psychiatrievideo vertreten. Die Weltflucht findet hier als Flucht in die bipolare affektive Störung, in die Depression statt und wird in Form des stationären Alltags präsentiert.

Lutz Dammbeck widmet sich der Geschichte des Una-Bombers Theodor "Ted" Kaczynski, der sich zwanzig Jahre lang in eine Holzhütte in den Bergen von Montana zurückgezogen hatte, und sich von dort aus mit dem Wohl der "industriellen Gesellschaft und ihrer Zukunft" in Form eines gleichnamigen Manuskriptes, und 16 Bombenanschlägen, die der Erzwingung der Veröffentlichung des Selbigen dienen sollten, beschäftigte.

Die Insel Hashima war vor vierzig Jahre der am dichtesten besiedelte Fleck der Welt, die Bevölkerungsdichte war sechsmal so hoch wie in Manhattan, auf nur 6,3 Hektar lebten 5259 Einwohner. Seit 1974 ist diese Insel verlassen, den jetzigen Zustand von Leere und Verfall zeigt die Videoarbeit von Carl Michael von Hausswolf und Thomas Nordanstad.

Ansonsten gibt es noch Arbeiten von apsolutno, Renaud Auguste-Dormeuil, Maja Bajevic, Thomas Köner, Christine Lemke, Alice Miceli, Aernout Mik, Multiplicity, Birgit Schlieps, Wolfgang Staehle und Ina Wudtke in einer echt ganz knuffigen, sehenswerten Ausstellung zu erleben.
Christian Wilke, 17.10.05 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor
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