Dellbrügge & de Moll | Kritik
NOSTALGIA ROMANA
Erwiderung auf Markus Lüpertz, Lobgesang auf das verlassene Paradies, in der aktuellen ZEIT

Nostalgie leitet sich ab von den griechischen Wörtern nostos (Rückkehr, Heimkehr, Vergangenheit) und àlgia (Schmerz). Erstmals taucht der Begriff im medizinischen Zusammenhang auf. Mit Nostalgie wurde ein krank machendes Heimweh bezeichnet, das besonders Söldner in der Fremde befiel. Heute wird Nostalgie als eine von unbestimmter Sehnsucht erfüllte Gestimmtheit verstanden, die sich in der Rückwendung zu früheren, in der Erinnerung sich verklärenden Zeiten, Erlebnissen, Erscheinungen in Kunst, Musik, Mode u.a. äußert. Sie ist damit eine leicht wehmütige und verklärende Stimmung, der guten alten Zeit hinterherzutrauern, in der angeblich vieles schöner, besser, freundlicher war als in der Gegenwart. (…) Es handelt sich dabei um eine Projektion, die oft eine Reaktion auf eine als schnelllebig, unübersichtlich, unverständlich wahrgenommene Gegenwart darstellt. Der verklärten Vergangenheit werden dabei meist Attribute wie Natürlichkeit, Ordnung, Anstand und Moral, aber auch Frieden oder Menschlichkeit zugesprochen, auch entgegen historischer Überlieferungen. Die Liebhaber der Nostalgie nennt man Nostalgiker. Sie gibt es auf vielerlei Gebieten: in der Kunst, in der Musik, in der Technik, in der Politik usw. Nostalgikern wird oft Gegenwartsflucht vorgeworfen. (http://de.wikipedia.org/wiki/Nostalgie)
Frenetisch brandet der Applaus, als Markus Lüpertz seine Rede zur Eröffnung der Jubiläumsausstellung „100 Jahre Villa Romana. Ein Arkadien der Moderne“ beendet. Blendend sieht er aus. Das Alter steht ihm. Vorbildlich vorbereitet die Rede, geschliffen bis ins verhaltenste Ostinato. Gilt der Beifall dem polierten Auftritt im Treppenhaus des Neuen Museums Weimar, der expressionistisch inspirierten Erinnerungsprosa oder der Nostalgie, die sich der Malerfürst gestattet? Nicht bis zu den Fußknöcheln der Designerschuhe, die wir als Studenten als einen Paradigmenwechsel im Selbstdarstellungsmodus von Künstlern registrierten, sondern bis zur Krawattennadel schwappt das golden verklärte Damals rings umher.
Die Arme verschränkt stehen wir in der tobenden Menge und haben einem staubigen Geschmack im Mund. Zwei Schritte vor uns beklatscht die Abgesandte des BKM (Beauftragte für Kultur und Medien), die am Nachmittag auf ihren Wunsch in den Vorstand der Villa Romana berufen wurde, Freund Markus, der mit einer beißenden Replik auf zeitgenössische Kunstproduzenten geendet hat: Die Villa Romana sei künftig für die „Königsdisziplinen“ der Kunst, Malerei und Bildhauerei zu reservieren, alle anderen sollten draußen bleiben. Immerhin würden die sozial Engagierten, politisch Motivierten, konzeptuell Ambitionierten und kontextuell agierenden Projektemacher sowieso nicht fleißig das Atelier vollmachen.
Er meint uns, kein Zweifel. Das ist die Strafe für das süße Leben, die Ausflüge an die Küste von Livorno, Shopping bei Gucci, das mühsame Einrichten einer Internet-Verbindung in der Villa Romana. Das ist die Quittung für das Hadern mit der Ghettoisierung und der Absenz eines zeitgenössischen Diskurses. Und jetzt steht es obendrein noch in der ZEIT.
Eine rhetorische Finte, gewiss. Eine gute Show braucht zum Abschluss einen Knalleffekt. Aber diese Kleinlichkeit? Was ginge verlustig mit der disziplinären Verengung? Die komplexen Installationen Anna Oppermanns, die einen der zauberhaftesten Räume der Ausstellung ausmachen, würden fehlen. Ebenso die geometrischen Chianti-Zeichnungen der Löbberts auf weiß verputzten Wänden, die anthropologisch anmutenden Fotografien Christina Zücks, die Michelangelo-Adaptionen von Thomas Eller und Marko Lehanka, die Aktionen Daniel Knorrs – und abgesehen von Einzelpositionen eine Qualität der Begegnung, die in der spartenübergreifenden Offenheit für die aktuelle Kunstproduktion liegt.
Lüpertz ist ein Meister der Selbstinszenierung. Er weiss, was er tut. In den 80er Jahren residierte er als Professor auf Schloß Scheibenhardt, der Außenstelle der Kunstakademie Karlsruhe, wo es von fern so aussah, als führe er seine Klasse als soziales Experiment in Sachen Autorität. „Morgen kommt ihr alle mit Schlips!“ und Frauen können sowieso nicht malen. Beim Akademie-Fasching ließ er locker 1000 Mark fürs beste Kostüm springen und leistete sich seine eigene Fußballmannschaft, die „Lokomotive Lüpertz“ und eine Studentin als Geliebte. Den Jaguar lenkte er mittlerweile selbst. Auch wenn wir wohlweislich Abstand zur Großmann-Attitüde wahrten, schätzten wir das Dandytum als Alternative zu Vokabeln wie „ehrlich“ und „authentisch“, die damals das Sprechen über Kunst an der Karlsruher Akademie dominierten. Wir liebten die Konstruktion der Oberflächliche und Kongruenzen zu General Idea, Madonna und Cindy Sherman, die anderswo diskutiert wurden. Natürlich hatte es den Hautgoût von Corpsgeist und Burschenschaft, wenn Lüpertz abends alle unter den Tisch gesoffen hatte und trotzdem morgens um acht im eidottergelben Jogginganzug ums Schloss lief. Auf die Frage, ob jemals einer seinen Studenten Karriere gemacht habe, antwortete er der Presse, das habe er stets zu verhindern gewusst. Aber das waren die 80er – nostos eben.
Wie aber steht es um àlgia, den Schmerz? Er wird als Accessoire in der Westentasche getragen, wie das gemusterte Tüchlein der Erscheinung den nötigen Schuss Dekadenz verleiht. Jetzt, sagt Lüpertz, gehe es um die Restaurierung von Genie und Einmaligkeit, mit anderen Worten um einen Mythos, den niemand mehr ernst nimmt. Klarer Fall von Phantomschmerz. Denn was beklagt wird, war schon damals Projektion. Von den 70ern lässt sich auch ganz anderes erinnern als weinselige Nymphchen. Der Verlust des Autors, die Kontextualisierung künstlerischer Produktion, Hans Haacke, die Konzeptkünstler in den USA, Art & Language in London, Punk! bedeuteten ein tiefes, befreites Aufatmen vor dem Popanz eines überfrachteten Künstlerbildes. Die Kunst verändert sich ständig und erfindet sich immer wieder neu.
In der Villa Romana Ausschlussmechanismen einzuführen, hieße, sie im Orchideendasein versumpfen lassen. Der Furor gegen Internationalisierung und Diskurs, gegen „Zeitgeist“ und „die Jungen“, gegen Veränderung schlechthin drängt den Verdacht auf, dass der alternde Fürst zum eigenen Hofnarr mutiert, der trotzig fordert „VERDAMMTNOCHMAL“ geliebt zu werden und dabei das Spielzeug zerstört, damit niemand sonst es in die Finger bekommt.
Ein Arkadien der Moderne?
100 Jahre Künstlerhaus Villa Romana in Florenz
07.10.2005 - 15.01.2006
Neues Museum Weimar
Eine Ausstellung des Villa Romana e. V.
in Kooperation mit der Stiftung Weimarer Klassik
und Kunstsammlungen und der Deutschen Bank Stiftung
Katalog 352 Seiten, zahlreiche Abbildungen, mit Texten von Dr. Gerda Wendermann, Raimunnd Stecker, Nicole Mende, Philip Kuhn u.a.
ISBN 3-7443-0131-1
Dellbrügge & de Moll, 25.10.05 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor
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Kommentare
Das Jahr 1970.
Erster Januar: Die Volljährigkeit wird in Großbritannien von 21 auf 18 heruntergesetzt.
Neunzehnter März: Der deutsche Bundeskanzler Willy Brandt trifft sich im Erfurter Hotel Erfurter Hof mit dem Ministerpräsidenten der DDR Willi Stoph
Frühjahr: nach einer Irrfahrt von sechs Stunden durch die Straßen der italienischen Stadt Florenz erreicht der Kunstmaler Markus Lüpertz endlich sein Ziel, die Villa Romana - der blonde Schuss am Steuer konnte mal wieder den Stadtplan nicht lesen.
35 Jahre später in Weimar: zum Glück ist Markus dieses mal pünktlich.
Es gibt etwas zu feiern. Die Villa begeht das Hundertjährige. Alle sind in festlicher Stimmung. Da hält es Markus nicht mehr auf seinem Stuhl. Er springt auf, zieht einen Zettel aus seinem Jackett und setzt an: „Für uns, die Dunklen, aus der Gotik Geborenen......“. Seine Stimme zittert leicht - so viele Jahre – eine Dame schneuzt sich leise. Er berichtet von Abenteuer, Glück und Sehnsucht, später dann, im Verlauf seiner Rede, erwähnt er einen rostigen Spaten, der seine Aufmerksamkeit erregt hat. Er ist darüber etwas traurig. Macht aber nichts: „Ich will lachen, singen, springen...“ Applaus. Abgang.
Die Villa Romana ist ein mysthischer Ort, zumindest im Rückblick. Das hat sie übrigens mit mancher Fußballarena gemein, dem Betzenberg in Kaiserslautern oder dem Gelsenkirchener Parkstadion (heißt jetzt Veltins Arena). Die Villa war Austragungsort manchen Gelages und für viele Künstler eine intensive und produktive Zeit. Einigen gelang danach der Karrieresprung. Aber wie das so ist, die Erbtante kommt in die Jahre. Sie ist etwas weniger spendabel geworden – die knappe Rente – und auch ihre Freunde sind nicht mehr die Jüngsten. Stolz ist sie auf ihr Haus und kann so manches zeigen; wenn sie will. Nun ja, einiges ist schwer aus der Mode, aber man will ihr nicht böse sein. Sie freut sich ein bisschen über die Jugend, auch wenn sie so manches für neumodischen Kram hält. Sie möchte, dass die Jungen sich bei den Alten auch etwas abschauen, zuhören – doch die Alten wollen gar nicht, möchten lieber aquarellieren im Garten oder mit dem jungen Ding, mitgebracht aus Deutschland, bei Gucci shoppen. Manchmal denkt sie, was wohl aus dem Anwesen wird, wenn sie stirbt; soll sie es der Verwandtschaft aus dem Rheinland vermachen, die ihr zu Ostern immer so schöne Rosen mitbringt? Ob es noch mal so wird wie früher? Das Haus der Nachbarin ist jetzt eine Trainingsakademie für den Führungsnachwuchs irgend so einer Bank. Das will sie nun wirklich nicht. Vielleicht sollte sie mal jemanden fragen, der sich damit auskennt. Doch nun erst mal ein Nickerchen machen. Dann wird es sich schon finden.
„Ich gehe davon aus, dass die Juroren total gute Künstler sind, aber sie sind ja auch alle Lehrer. Also, die haben einen Blick für den anderen Künstler. Und das ist das tolle an der Villa Romana: Das ist ein Haus von Künstlern für Künstler."
Constantin Wallhäuser, Stipendiat 2005, bei der Auswahl in Wuppertal im April 2005
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