Kai Hoelzner | Kritik
Rundlederwelten
Einen schönen Beitrag zur Verprollung öffentlich geförderter Kunstveranstaltung stellt die Ausstellung Rundlederwelten im Martin-Gropius-Bau in Berlin dar, die Mittwochabend von Gerd "Acker" Schröder (TuS Talle) eröffnet wurde. "Nach einer Idee von Harald Szeemann", kuratiert von Dorothea Strauss, Katalogidee von André Heller.

Paul M. Smith - Robbie Williams Series (Covers) (Foto:Pressefoto)
Nun ist der gemeine Schalke-Fan ja trotz Andre Hellers dankenswertem Einsatz für die Verblödung der Kunst immer noch etwas gehemmt, wenn es darum geht, sich in vollem Wix und mit bekotztem Trikot ohne Einladung den Eintritt zu Biennale-Empfängen in irgendwelchen Palazzi zu erschleichen. Der wird einfach nicht so leicht von Einladung besitzenden Kunststieseln mit reingenommen. Klar, Otto "Rehakles" Rehagel (Nationaltrainer Griechenland) erzählte früher immer, er ginge gerne in die Oper, und Johan "le chef" Micoud (SV Werder Bremen) sammelt gar moderne Kunst. Und das Radio in Berlin nervte schon seit Tagen in der Vorberichterstattung, die Regisseure Wim Wenders und Detlev Buck würden erwartet, und auch Noch-Sportminister Otto Schily ist am Mittwochabend gesichtet worden. Und Eva und Adele. Die Zeichen stehen also auf Niveauabsenkung. Dennoch: Der Graben, der sich zwischen Nordkurve und Nationalgalerie auftut, will erst noch übersprungen werden.
Ich hab vor Betreten der Ausstellung deshalb erstmal meine Fußball-Meditation gemacht. Frei nach Osho. Das ging so: Ich stelle mir vor, ich wäre ein Ball in einem Stadion. Auf dem Anstoßpunkt. Um mich herum die Beine der Spieler, der Rasen, das ganze tosende Stadionrund. Nun beginne ich mich langsam auszudehnen und werde größer als dieser Ball. Schon bin ich so groß wie der Mittelkreis. Bald fülle ich die ganze Stadionschüssel aus. Ich bin das Stadion, die Menschenmasse. Gröhlend und wogend im Flutlucht. Dann werde ich größer als das Stadion. Das ganze Stadion mit Flutlicht und allem ist jetzt in mir. Ist ein Teil von mir. Mein Geist dehnt sich über all die Stadien und Bolzplätze des Landes aus, schließt die ganze Fußballliga ein, wird größer und größer. Ich bin Kontinent, Championsleague. Schließlich umhüllt mein Geist mit dieser Meditation den ganzen Erdball. Ich selbst bin jetzt der Fußball. Überall wo ein Stück Rasen ist, überall, wo ein Schuh gegen einen Ball tritt, bin nun ich. Sao Paulo, Bayern, Moskau. Ich = Fußball.

Lange auf der Ersatzbank gesessen, heute wieder mal von Anfang an dabei:
Markus Lüpertz (Vfl Schöneberg) mit "Fußball" von 1966 (Foto: Pressefoto)
Solchermaßen gestimmt betrete ich den Martin-Gropius-Bau an einem sonnigen Donnerstagmittag. Passenderweise führt ein grüner Kunstrasen in die Ausstellung hinein. Ich sehe Norma Jeanes Frauenurinale im Treppenaufgang hängen. Ja, denke ich, auch Frauen sollten zum Fußball gehen und in der Pause im Stehen pullern dürfen. Dann, in der ersten Etage angekommen, dort, wo die Ausstellung ist, blicke ich auf Lüpertz Ölschwarte. Fußball. Der wo noch nicht aus Fünf- und Sechsecken ist, und schon gar nicht aus Spezialkunststoff, sondern so ein alter aus breiten braunen Lederbändern. Lüpertz. Lange nicht gesehen, doch wiedererkannt. Wo spielt der eigentlich heute? Immer noch Schöneberg? Egal. Ich sehe Kippenbergers Schönheit der Frau in der Europäischen Malerei. Im Katalogtext von Raimar liebevoll "Kippi" genannt. Auch gut. Ich bin der Fußball, bei mir haben alle einen Spitznamen. Kippenberger war ja der Erfinder der U-Bahn-Meditation. Hat kurz vor seinem Tode noch ein (fiktives) weltumspannendes U-Bahn-Netz rund um die Welt verlegt. Wie Fußball. Plötzlich konnte er überall sein.

Martin "Kippi" Kippenberger - Die Schönheit der Frau in der Europäischen Malerei
(Foto: Pressefoto)
Ich sehe die super Fußballerinnen-Ölbilder von Maria Lassnig. Psychogen wie Munch himself. Nur viel viel heller. Irgendwie wohl auch von Peter Handgemalters Torwartangst getrieben. "Das ist Fußball" (Andreas Reinke, Werder Bremen). Ich sehe Rainer Neumeiers Landschaftsbilder in Öl. Das ferne Glimmen eines Tores vorm abendlich schwarzen Waldrand. Schönheit und Verlassenheit. Kühler Abendhauch. Ein Gefühl wie der Kaiser damals anno '90 in den endlosen Momenten nach dem Endspiel gegen Argentinien, als er einsam in der Stille des tobenden italienischen Stadions durch eine Zeitfermate über den Rasen tastete. Kurze Zeit später Ingeborg Lüsches Video Fusion. Hatte ich ja schon am Abend vorher im Fernsehen auf RBB gesehen. Grasshoppers gegen St. Gallen. In massgeschneiderten Anzügen statt in Trikots. Ich bin der Fußball und Fernsehen ist eh mein Medium. Und Anzüge, das ist nur recht. Sieht geil aus, wenn diese spanischen und italienischen Trainer mit guten Anzügen und dicker Zwiebel am Handgelenk gebannt auf den Platz starren. Und bei den Spielern sieht es auch geil aus. Auch wenn's sich in den Ligen nicht durchsetzen wird. Gleich noch'n Video: Paul Pfeiffer. War gerade auf dem Art Forum eine der schönen Arbeiten gewesen, so ein 16mm Film. Ich hatte da gerade die Kunst-Meditation hinter mir und war also als "die ganze Kunst" unterwegs in den Messehallen. Auf meine Frage, was dieser 16mm-Loop kostete, hieß es: 85.000 Dollar. "Ganz schön teuer" sagte ich da. "Nee, ganz schön preiswert" war die Antwort. Und nun hier, ein paar Wochen später. 85.000 Dollar sind ja nicht mal'n Handgeld in der zweiten Liga, weiß ich jetzt. Caryatid. Videoloop von stürzenden, gefoulten, ja kriegsheldenhaft "fallenden" Spielern. Alles andere, die Gegenspieler, der Ball, die Namen auf den Trikots, all das hat Pfeiffer rauscomputert. Nur immer wieder dieses Che-mäßige Fallen. Der große Moment. Los Paul, du musst ihm voll in die Eier hauen. Der alte Trio-Klassiker geistert mir noch durch den Kopf, als ich im ehemals vorderen und nun also hinteren Treppenhaus des Martin-Gropius-Baus ankomme. Riesen Videoprojektion über dem Treppenpodest. Mindestens zehn Meter breit. Ziemlich geil so ein düsteres Riesentreppenhaus. Die Ränge einer brasilianischen Fußballarena, ein Farbenmeer, Rauchbomben, ein Wogen und Rauschen. Der Durchgang eine Gegengerade. Der Gropius-Bau endlich Arena. Wahrscheinlich die einzige ernstzunehmende Arbeit heute Mittag. Der Katalog faselt etwas von Frühlings- und Fruchtbarkeitssuchern beim nordindischen Holi-Fest. Ich bin überwältigt. So und nicht anders ist es. War zwar noch nie bei diesem komischen Holi-Fest und weiss jetzt auch gerade nicht, wie Hans-Joachim Müller in seinem Katalogbeitrag auf derart absurde Vergleiche kommt. Aber im Augenblick bin ich so sehr Fußball, dass ich dieses Holi-Dings gerade auch gleich mal bin. Müller bringt es auf den Punkt: "Es muss ein Drittes geben, eine Art Selbstorganisation fanatischer Systeme, zu der der Künstler nicht die Theorie, aber das eindruckvolle Bildmaterial liefern". Hab zwar gar nicht mitgekriegt, was das Erste und Zweite war, aber Recht hat er trotzdem. Es gibt einen Gott. Er lebt. Er ist rund. Ich bin der Fußball. Elf Leute, die wie von einem Bewusstsein durchdrungen spielen. Wo einer die Laufwege des anderen fühlt. So Cruyff-mäßig.

Grasshoppers gegen St. Gallen: Ingeborg Lüschers Fusion
(Foto: Pressefoto)
Plötzlich stehe ich vor Jürgen Teller. Arschloch reading Kicker. So drastisch, dass man das hier gar nicht zeigen kann, weil einem gleich die Sperrung durch den Provider droht. Teller liegt mit angezogenen Beinen auf so Holzbänken, Sauna vielleicht, und reckt uns sein behaartes Poloch entgegen. Und ich muss sagen: Jürgen Teller hat ein wirklich ekliges hellbraunes Poloch. Härtestens amateurpornoseitenmäßig. Hier kommen wir dem Projekt "Durchschnittlich-besoffene Hertafrösche stürmen Vernissage" doch schon näher. Ich verstehe das. Der Fußball muss endlich in die Kunst rein. Nicht die Kunst in den Fußball. Wie auf Boris Michailovs Fotos, wo so ein Typ die ganze Zeit versucht, einen Fußball in den Bauch seiner Freundin zu kriegen. Sie liegt auf der Wiese, er tritt ihr das Ding zwischen die Beine. Rein muss er. Hinterher hat sie den Ball unterm knallroten Stretchkleid. Hochschwanger mit Pille. Das bin ich da drin. Ich fühle es. Die Frage, die sich angesichts dieser "Rundlederwelten" stellt, lautet ja, was da eigentlich thematisiert wird. Fußball jedenfalls nicht. Zweifellos erscheint das System Fußball ausgedehnter als der gesamte Sport. Und größer als das Kunstsystem sowieso. Olaf Nicolai mit seinen in poppiger Camouflage (von Andy...) bepinselten Torwänden und Schaumstoff-Bällen. Angeblich kriegt man den Ball da erst recht nicht rein. Richtiges Amateur-Gekicke. Andy und die ZDF-Ikone Torwandschießen. Dabei ist der Olaf doch in der Bundesliga . Naja, passiert halt. Dabei ist das schon das Rückspiel - die Dinger waren schon im Zürcher migros museum zu sehen. Dann waren da noch diese ollen Luis Vuitton bedruckten, vornehm abgewetzten Lederbälle von Rehberger, so ein Anri Sala Video, Fußballspiel auf irgend so einer steinig kargen Hochebene, vielleicht im Kaukasus, vielleicht auf dem Balkan, na Sala eben. Fast Heideggermäßig und irgendwie also nicht Fußball. Eher Kunst. Und zwischendurch Mädchen, die eben auch Fußball spielen. Bei Till Velten oder Oliver Sieber. Und natürlich Andy's Beckenbauer. Und Büttner mit der 74er Mannschaft als primitive Holzplastik getarnt. Und immer wieder Videoarbeiten. Ganz gut vielleicht aber Norma Janssens Berlin-Barcelona 1999. Das Nebelspiel. Jede Halbzeit auf eine eigene, der anderen gegenüber liegende Wand projiziert. Hier kehrte ich auch am Ende zum Anstoßpunkt zurück. Endlich wieder ich selbst.

Wo war er eigentlich am Mittwoch? Jedenfalls nicht in den Rundlederwelten
Kai Hoelzner, 20.10.05 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor
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Kommentare
Das Künstlerduo JKM grüßt Dorothea Strauss.
Seit 2006 sind wir jetzt fest in Berlin.
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