Kai Hoelzner | Alles
So viele internationale Sammler habe ich auf keiner Messe in Deutschland je gesehen. Und ich spreche jetzt nicht vom Collector’s Program, sondern insgesamt. (Gerd Harry Lybke)
Endlich vorbei das Art Forum nebst Salon, Preview usw. Der Vollständigkeit halber hier die aktuellen Besucher- und Verkaufzahlen aus der Messepressemitteilung von heute morgen (5. Oktober 9.10 Uhr). Alle Angaben natürlich ohne Gewähr.

Wenig subtiler Blickfang: Beim Betreten der Halle 18 blickte man auf...
Besucher
Laut Pressemitteilung der Messe-Berlin GmbH fanden sich rund 37.000 Besucher unterm Funkturm ein und damit zwanzig Prozent mehr als im Vorjahr. Auch das geschäftliche Gesamtergebnis wird von der Messe GmbH deutlich positiver beurteilt als in den Jahren zuvor. Der Anteil deutscher Fachbesucher liegt bei etwa einem Drittel, bei den ausländischen ist ein Anteil von einem Viertel zu verzeichnen. Als wenig verwunderlich wurde empfunden, dass die im Vorfeld festgestellten Tendenzen zu Malerei und Fotografie in Befragungen bestätigt wurden. Das Besucherinteresse lag präzise bei diesen Genres. Plastik und Video hingegen waren nicht besonders präsent.
Unter den Kuratoren, die das ART FORUM besuchten, fanden sich laut Messegesellschaft unter anderem Gijs van Tuyl, Amsterdam, Dan Cameron, New York, Maria de Corral, Madrid, Francesco Bonami, Venedig/Turin, Kee Hong Low, Singapore, Christy Sauer, Aspen, Roger Buergel, Kassel, Robert Storr, New York, Sean Rainbird, London, Anda Rottenberg, Warschau, Bernhart Schwenk, Anton Vidokle, New York, Christoph Heinrich, Hamburg, Osvaldo Sanchez, Tijuana, Ulrich Bischoff, Dresden, Nicolaus Schafhausen, Köln.

...Martin Liebschers Philharmonie-Panorama in 5er Auflage...
Verkaufzahlen
Wohnmaschine, Berlin, konnte alle 5 Exemplare einer Panorama-Serie über die Berliner Philharmonie von Martin Liebscher (EUR 20.000 / Auflage) verkaufen. Eine Videoarbeit von Holly Zausner wurde fünf Minuten vor Messeschluss von SMPK-General Prof. Peter Klaus Schuster für die Staatlichen Museen angekauft. Bei Jesco von Puttkamer, Berlin, fand eine große, raumgreifende Wandskulptur von Florian Baudrexel einen Liebhaber in den USA. Erstteilnehmer Goff + Rosenthal, New York, konnten Arbeiten von Christoph Schmidberger (US$ 34.000 Gemälde, US$ 5.500 für Zeichnung), Susanne Kühn und Fotografien von Nick Havholm an junge deutsche Sammler verkaufen. Eine Arbeit von Isca Greefield-Sanders wurde in den ersten Minuten des Professional Preview von einem Trustee des Whitney-Museums New York erworben. Vilma Gold, London, stellten erfreut fest, dass eine Londoner Institution sich ernsthaft in Berlin auf der Messe für eine am Stand gezeigte Arbeit interessierte.
Eigen + Art, Berlin/Leipzig, konnte die zweiteilige Arbeit "Der Vorhang" von Neo Rauch für EUR 250.000 an das Stedelijk Museum in Amsterdam verkaufen. Gerd Harry Lybke meldete Ausverkauf bei Martin Eder, Carsten Nicolai und Uwe Kowski. Eine vielteilige Arbeit von Birgit Brenner ging an den Hamburger Sammler Harald Falckenberg. Mehr als 100.000 US$ hat die Londoner Galerie FRED bei ihrem zweiten Messeauftritt umgesetzt. Verkäufe dort vor allem: Susanne Kühn und Guy Richard Smit. Die im New Yorker Williamsburg ansässige Galerie Roebling Hall konnte Arbeiten von Eve Sussmann für US$ 3.000 bis US$ 20.000 absetzen.

...für Stücker 20.000 Euronen...
Ausserordentlich gute Verkäufe melden Alexander Ochs Galleries, Berlin-Beijing, Urs Meile, Luzern und Contemporary Fine Arts, Berlin (Jörg Immendorff, Jonathan Meese). Ausverkauft meldete Michael Schultz, Berlin, bereits am zweiten Tag der Messe. Thaddaeus Ropac, Salzburg/Paris, konnten alle Zeichnungen von Paul P. sowie Arbeiten von Alex Katz verkaufen. Verkäufe bei Arndt+Partner und Adamski, Aachen, die eine Frottage von Isa Genzken für EUR 12.000 veräußerten. Thomas Zander, Köln, hätte diemitgebrachte Fotoserie von Walker Evans nach eigener Auskunft gleich mehrfach verkaufen können. Springer+Winckler, Berlin, konnte ein abstraktes Bild von Gerhard Richter aus dem Jahr 1984 für EUR 250.000 und mehre Fotoarbeiten von Sigmar Polke verkaufen. Erstteilnehmer Haunch of Venison, London, freute sich über die gelungene Mischung von Entdeckungen und "Klassikern", die gute Stimmung und die guten Verkäufe von junger und etablierter Kunst.
Freestyle
Bei den Erstteilnehmern in der Kategorie Freestyle, die in einer Art Kräftemessen (O-Ton Pressemitteilung) in Halle 17 zusammengelegt worden waren, war die Stimmung unterschiedlich. Dina Remminger von Dina4, München, konnte alle Arbeiten von Loredana Sperini an Schweizer Sammler und neue begeisterte Liebhaber verkaufen, Kuttner + Siebert, Berlin, Dvir, Tel Aviv, und Kai Hilgemann, Berlin, fanden die räumliche Nähe zur Sonderausstellung interessant, während andere das Konzept als verbesserungswürdig betrachteten.

...und die wurden alle verkauft!
Na dann bis zum nächsten Mal.
Kai Hoelzner, 05.10.05 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor
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Kommentare
Zehn Jahre alt, und schon so erwachsen. Natürlich ist es allen gegönnt, wenn die Aufmerksamkeit wächst und der Rubel rollt; das ist ja nicht für alle Berliner Branchen selbstverständlich. Andererseits, wenn man nicht mit dem Blick des Kunstunternehmers oder seines Lieferanten draufschaut, ist der Preis in ästhetischer Hinsicht hoch: Was in euphemistischer Sprache 'Trend' genannt werden mag - hin zu Malerei und Fotografie -, kann ja genauso gut als ästhetische Regression betrachtet werden, sprich: Hauptsache auf Nummer Sicher, gut Verkäufliches zeigen, keine Experimente!
Zombieism rules! Ich bin auf dem Artforum so manche Stunde herumgelaufen, aber irgendwie ist mir so gut wie nichts im Gedächtnis geblieben. Da war nichts Überraschendes, nichts, wo ich dachte: Wow, was ist denn hier los? Stattdessen Flachware, Flachware, Flachware.
Ok, das ist alles ausgesprochen subjektiv. Zu dieser Subjektivität gehört für mich zur Zeit auch ein gewisser Überdruss gegenüber Galeriekunst. Und Artforum-wandernd fand ich mich in dieser Privatlage bestätigt in dem, was zu sehen war. Ganz klar, von dieser Kunst gehen keine Revolutionen oder auch nur Revöltchen aus, und noch nicht einmal ästhetische.
Umso überraschter war ich dann auf dem Kunstsalon, den ich mit niedrigen Erwartungen aufsuchte. Da hatte ich nämlich etliche der oben eingeforderten Wow-Erlebnisse. Installationen, Environments, großzügige Hängungen, technisch Ambitioniertes etc., eine Mischung, in der dann auch die Flachware im Kontrast der Genres wahrnehmbar wurde. Da hatte ich streckenweise Gefühle durch Kunst, wie ich sie früher manchmal gehabt habe, auch wenn das wohl nie mehr so intensiv werden wird, wie es früher einmal war. Schluchz.
Aber ist das wirklich so banal? Hat da schnöderweise die Notwendigkeit Galerie- und Standmiete einzuspielen den ästhetischen Mut aufgefressen? Oder bin ich zu doof zu kapieren, warum der Trend viel besser ist als meine Wahrnehmungserwartungen aus der letzten Saison? Weiss auch nicht.
Manuel Bonik
Manuel Bonik
| 10.10.05
hier nur ein kurzer kommentar zu meinem vorredner, so einfühlsam würde ich mein besuchserlebnis des artforums nicht beschreiben, eher kommen mir schlagworte wie vorpubertäres gekritzel, geistloses gepinsel oder unsäglich aufgewärmte klassische moderne in den sinn, bin um es deutlich zu sagen regelrecht entsetzt wie tief man handwerklich, geistig und vorallem ästhetisch in bezug auf malerei sinken kann, bewirkt ein jahrelanges suchen nach neuen kraftvollen malereipositionen ein solches jahrmarktseinerlei? oder sind wir einfach nur ala jeglicher konsumenten urteilslos geworden, oder hat einfach nur eine neue sekte den markt zielgerichtet überschwemmt um den nächsten hyp einzuläuten, hoffen wir das die christliche weihnachtszeit erleuchtung in unsere stuben bringt und das neue jahr einen erlöser von solchen übeln
franz locke
Hey Franz,
"vorpubertäres gekritzel, geistloses gepinsel oder unsäglich aufgewärmte klassische moderne" - das mag ja so aussehen, aber wo bleibt denn da die Analyse, Genosse? Dass das Art Forum ziemlich lau war, hat ja jeder gemerkt, und dass es da eine ganze Reihe Künstler - vor allem Maler! - gibt, die sich eher auf den Markt verlassen als auf Tradition, Technik und Diskurs, das hat ja nun auch jeder gesehen und dementsprechend ist das Gejubele von Lybke ja zu verstehen. Weil er den Erfolg eben nicht auf der inhaltlichen Schiene sieht, sondern auf der ökonomischen. Die Krux liegt mE gerade im Hang zu "kraftvoller" Malerei und so einem gesamtdeutschen Selbstbehauptungsding, was in der Malerei im Moment gerade zu sehen ist. Die Überbetonung des wirtschaftlichen Erfolgs, die Freude darüber, dass Malerei z.B. aus Leipzig international Beachtung findet und inzwischen ausserhalb der BRD als 'typisch für Deutschland' angesehen wird, kommt so fuckin' neureich und so stulle deutsch rüber, dass ich auf kraftvolle Malereiposition eigentlich gut verzichten kann. Das klingt mir so nach 'kraftvollem Führerwort über der Tür'. Und bitte auch keine weihnachtliche Erleuchtung in meiner Stube. Die wird gerade in Serie von Neo Rauch und Konsorten gemalt. Diese bürgerlich-bornierte Gefühlichkeit kann ich gar nicht mehr sehn! Einzige Hoffnung für mich: Vielleicht brennt ja diesmal doch der Weihnachtsbaum ....