Kai Hoelzner | Sonstiges
VernissageTV

Wieder vor dem Fernseher rumgehangen und die Eröffnungen des letzten Wochenendes verpasst? Keinen Babysitter gefunden? Bis spät in die Nacht gearbeitet? Nervige Schwiegermütter zum Essen ausgeführt anstatt mit Freunden und Kollegen lässig auf der Weidingerstraße zu stehen und im heimelig grellen Schein der Nagelschen Neonröhren ein frisches Beck’s zu zischen? Macht nichts! Seit August gibt’s VernissageTV. Das Video-Blog für den Kunstfreund. MPEG-Files zwischen zehn und zwanzig MB ersetzen den beschwerlichen Gang in die Galerie und dokumentieren in drei Minuten das, was in den meisten übrigen Publikationen häufig zu kurz kommt: Das ganze schöne Sozialdings in der Kunst. Das Rumtata und Drumherum der Eröffnungsabende. Keine langweiligen Bilder oder Objekte, sondern Menschen beim Betrachten und demonstrativen Ignorieren der so genannten Arbeiten. Ausserdem im Programm: Interviews mit Künstlern und Galeristen.
Kunst-Blog.com sprach mit VernissageTV-Gründer Heinrich Schmidt.
Seit wann gibt's denn VernissageTV?
Seit Ende August 2005. Zunächst einmal in Form von Heinrich Schmidt * Video, mit dem ich das Bloggen mal testen wollte.
Wie ist die Idee entstanden? VernissageTV firmiert unter Heinrich Schmidt * Galerie, Edition & Kunstprojekte.
Über unsere Agentur beschäftigen wir uns natürlich mit RSS, Blogs, Podcasts etc. Und im Zusammenhang mit meiner Galerietätigkeit mit Video im Internet. Als Inspiration diente sicher Rocketboom, aber auch Park4d.tv, Vog 2.0 und auch der Kunst-Blog.
Wie lange habt Ihr die Idee dazu schon die Idee im Kopf gehabt?
Um ehrlich zu sein: Das Ganze hat sich einfach so entwickelt. Wir haben schon früher Videos im Internet gezeigt. Kurz vor dem Start von Heinrich Schmidt * Video / VernissageTV haben wir auch noch Projekte wie eine Reihe mit Filmen von und über Bert Theis und das Projekt über den Ort Grenzach-Wyhlen im herkömmlichen Sinn über die Galerie-Website gestartet. Und über unsere Agentur Enrico Sitelli * haben wir natürlich auch mit Film und Internet zu tun.
Im Detail lief das so ab: Für unseren Kunden Mayer Bährle Architekten haben wir einen Film über das Science Center Phaeno in Wolfsburg gedreht, das Mayer Bährle in Architekturgemeinschaft mit Zaha Hadid bauen. Auf der Vernissage zur Ausstellung Zaha Hadid im Architekturmuseum Basel haben wir dann wieder gefilmt (eher mit Blick auf die Homepage von Mayer Bährle) und mein Kumpel Arno Dietsche und ich haben gemerkt, dass uns das ziemlich Spass macht. Ich dachte, hey, das sollte man doch gleich mal institutionalisieren und habe die nächste Veranstaltung gefilmt. Kurz vorher habe ich im Internet eine Anleitung gesehen, wie man einen Videoblog aufzieht und habe das dann auch so installiert, aber erstmal ohne Inhalt. Ich habe dann schliesslich doch mal Filme in den Blog geladen und angefangen, meinen Videoblog bei den diversen Verzeichnissen anzumelden. Es passierte erstmal nicht viel. Dann wurde die Kunstfirma Protoplast, bei der ich Mitglied bin, eingeladen, auf der FIAC in Paris einen Vortrag zu halten. Wir haben an der Vernissage rumgefilmt und schliesslich auch Galeristen gefragt, ob sie nicht ihre Galerie oder ihre Koje über's Internet vorstellen wollten. Zurück in Basel begannen dann die Zugriffszahlen zu steigen und seit wir in iTunes gelistet sind, steigt die Zahl der Abonnenten stetig.
Wie sieht Dein Galeristen-Background aus?
Die Galerie gibt es seit 1991. Eigentlich wollte ich ja Industriedesigner werden, bin bei den Aufnahmetests aber gescheitert. So studierte ich Wirtschaftswissenschaften. Nahe liegend, nicht? Hat mir erst mal nicht viel genutzt, wie meine ersten Jahre als Galerist zeigen sollten. Ich habe mit jungen, lokalen Künstlern angefangen, habe aber auch bekanntere Künstler in der Galerie gezeigt. Daneben haben wir uns noch als Initiatoren eines Galerienkalenders engagiert, waren auch kurze Zeit im Galerienverband Südbaden und nahmen auch an ein paar Kunstmessen wie der Art Frankfurt und der Kunst Zürich teil.
Sehr konsequent war das Konzept damals nicht und finanziell wenig erfolgreich. 1998 haben wir dem traditionellen Galeriebusiness adieu gesagt und die klassische Ausstellungstätigkeit eingestellt. Ich habe erst einmal einige Jahre bei der Schweizer Börse gearbeitet und bin dann über ein Basler Jugendprojekt zum Grafik- und Webdesign gekommen. Die Galeriearbeit hat sich in dieser Zeit auf sporadische Arbeiten für Kunstprojekte und die Kunstfirma Protoplast beschränkt. Auch jetzt machen wir nur wenige Projekte, quasi als Non-Profit-Organisation. Projekte, die uns Spass machen, mit Künstlern, die unsere Freunde sind. Für 2006/2007 ist der Bau neuer Ausstellungsräume geplant, dann werden wir auch wieder Präsentationen in den eigenen Räumen durchführen.
Seid Ihr mehrere oder machst Du das im Alleingang?
Wir sind ein Team, bei dem jeder seine Aufgabe hat, aber das Konzept ist so ausgelegt, dass einer allein einen Beitrag produzieren kann.
Bereitest Du Dich z.B. auf Interviews vor, oder entsteht die Idee beim Griff auf die Türklinke?
Teils teils. Normalerweise läuft das spontan und situationsbezogen ab. Anders ist es, wenn uns im Vorfeld ein Interview in Aussicht gestellt wird, wie zum Beispiel vor Kurzem mit René Burri vor der Eröffnung seiner Ausstellung im Museum für Gestaltung in Zürich. Da haben wir uns dann schon vorbereitet. Wobei uns auch da am liebsten ist, wenn die Interviewten von sich aus gerne plaudern. Was zum Beispiel bei René Burri der Fall war. Ein guter Typ.
Wie viel Zeit frisst die Filmerei, das Capturen, Schneiden, etc.?
Unser Ziel ist natürlich das Speed-Bloggen: Am besten, der Beitrag ist online, noch bevor die Vernissage vorbei ist. Ok, das haben wir noch nie geschafft, weil der Umweg doch meist über die Kneipe oder Beiz, wie man in Basel sagt, geht. Aber am nächsten Tag sollte das Ding schon eingetopft sein. Da filmen wir nach unserem eigenen Dogma, zum Beispiel so, dass wir schon mit dem Cutter im Kopf filmen. So dass wir möglichst wenig schneiden müssen. Wenn's gut läuft, benötigen wir für die reine Arbeit zwei Stunden - aber wir haben auch mal schlechte Tage.
Verfolg die Auswahl der Beiträge eine policy?
Im Moment eher nicht. Wir picken uns aus den diversen Veranstaltungskalendern die Events raus, auf die wir gerade Lust haben. Dann gehen wir hin und filmen. Im Internet und auf Ausstellungen halten wir Ausschau nach Material und fragen die entsprechenden Leute an, ob wir zum Beispiel ein Kunstvideo als Beitrag bei uns veröffentlichen dürfen.
Gibt's für die Zukunft eine Strategie?
Da die bestehende Website bei Blogger.com eigentlich als Test geplant war, haben wir bereits einen Blog auf WordPress-Basis startbereit. Der wird demnächst unter der Adresse www.vernissage.tv zu finden sein. Zur Zeit verweist die Adresse noch auf den aktuellen Blog. Mit der neuen Website wollen wir sowohl für die Nutzer von VernissageTV mehr Features bieten, als auch VernissageTV für zusätzlche Korrespondenten öffnen. VernissageTV wird dann weitgehend mit Open Source Software und Services und Creative Commons-Lizenzen arbeiten und auch selbst eine Art Open Source Plattform sein. Wir werden auf den Websites noch detaillierte Infos zur Verfügung stellen, wir sind aber bereits jetzt auf der Suche nach Korrespondenten.
Und wie schaut es im Moment bei den Abrufzahlen aus?
Was die Besucher auf der eigentlichen Website angeht, kann ich nichts sagen, da wir dort keinen Zähler installiert haben. Was die Anzahl der Feed-Abonnenten angeht liegen wir heute bei 500, wobei die Zahl zur Zeit pro Tag um etwa 50 Abonnenten wächst. Liegt natürlich daran, dass wir zur Zeit in iTunes gefeatured werden. Da ist allerdings nur unser Feedburner-Feed drin, deshalb wissen wir nicht, wie viele es wirklich sind.
Wie finanziert sich das Ganze?
Momentan finanziert sich das Ganze aus der eigenen Tasche. In Zukunft wollen wir schon zumindest unsere Kosten decken. Wir haben uns auch da für die Zukunft ein paar Sachen einfallen lassen, die wir auf der neuen Website präsentieren werden. Zumindest für ein Teilprojekt in der Schweiz erhalten wir Sponsorgelder und dort wurden auch öffentliche Gelder beantragt.
Falls Du noch eine Vision oder was Kritisches zum Thema loswerden möchtest...
Das Grundkonzept von VernissageTV besteht darin, das wir zur Kunst selbst nichts sagen. Deshalb muss ich auch hier dabei bleiben...
Kai Hoelzner, 19.10.05 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor
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