Stephan Gripp | Kritik

Bedeutungslehre
oder wenn der Volksmund beatmet werden muss

Rosemarie Trockel
Post-Menopause
Museum Ludwig, Köln
29. Oktober 2005 - 12. Februar 2006


Phobia, 2002

Wie sich die Dinge wieder fügen. Ein Teil des Kollegiums flüchtet sich in die Abstraktion oder in das malerische Idyll ironisch-kitschiger Romantik und zur Kölner Art zeigt die Künstlerin Rosemarie Trockel mit ihrer Retrospektive am Museum Ludwig wie sich über 20 Jahre hinweg wirkliche Zeitgenossenschaft anfühlt.

Doch zunächst ein Hinweis auf die Rahmenhandlung: versetzen wir uns in die Mitte der 80er Jahre. Es ist die Zeit der ersten Boomphase des Kunstmarktes. Neben New York ist Köln Schauplatz des Geschehens – da hat die Stadt schon ein Jahrzehnt als Zentrum für elektronische Musik und experimentellen Film hinter sich. Dass mehrere Galerien bereits jetzt ganze Arbeit leisten, soll nicht vergessen werden. Es ist eine Aktion von Josef Beuys im Jahre 1974, die symbolträchtig den Weg in die blühende Zukunft weist: ”Coyote, I like America, and America likes me.” Die Sendung kommt an und bereitet nicht nur das internationale Feld für Richter, Polke oder Baselitz, es zeigt sich auch als konstituierend für das Selbstbewusstsein des Nachwuchses. ”Von hier aus”, der Titel einer nicht unwichtigen Gruppenausstellung dieser Zeit, fordert den internationalen Vergleich, will Austausch und Konkurrenz im transatlantischen Bündnis.

Es ist ein Allgemeinplatz, dass im Mittelpunkt des Kölner Geschehens der 80er die Mülheimer und die Hetzler Boys stehen. Das Hammersteins, der Bücher-König, Maenz, Werner und Hetzler sind die Orte der Stunde. Dabei sind Kunst und Soziales mindestens gleichberechtigt. Ganz Köln ist Bühne und das Hammersteins ein Ort voller Spiegel; hier steht jeder unter Beobachtung.
Da trifft es sich, dass Rosemarie Trockel gerade unter einer Psychose leidet und nur unter Mühe ihre Wohnung verlassen kann. Wie sich der Behauptungswille die Platzangst zum Kumpel macht, zeigen die folgenden Jahre: sie befreundet sich mit den Protagonisten der Szene und wird von ihnen unterstützt. Es entstehen Gemeinschaftsarbeiten und ”Eau de Cologne” gehört dazu: eine Zeitschrift, die nur weibliche Künstlerinnen vorstellt - es fallen uns einfach keine männlichen ein, konstatieren Frau Sprüth und Frau Trockel.
Auf das Kölner Betriebssystem und den Malgestus der Kollegen reagiert sie mit Wollbildern und lässt doch die Masche wieder fallen, als man ihr mit einseitigen Zuordnungen zu sehr auf den Leib rückt: so wird das Tier der beste Freund der Künstlerin.
Wie für andere Künstler ihrer Generation sind das Prinzip der ironischen Distanzierung und der Wechsel von Medium, Stil, Standpunkt oder Strategie, Mittel um in die Systeme einzutauchen und sie sich gleichzeitig vom Leib zu halten. Dabei bewegen sie sich in einem Referenzraum, in dem beispielsweise ”Deutscher Herbst” noch nicht als gut abgehangener Retrofurz durchgeht. Damit erweist sich, dass die Anteilnahme dieser Künstler an der Welt ungleich höher ist, als ihnen die Neokons der Kulturszene heute zugestehen wollen.

Mit diesem Panorama im Rücken sollte sich jetzt im Eingangsbereich der Ausstellung hinter einem großen Fenster das zweite Kölner Bauloch öffnen, doch hier ist jetzt ein Vorhang aus Wollspaghetti installiert, der gnädig den Blick verhängt. Dahinter, im ersten Saal, grauer Raum, gedämpftes Licht, ein langgestrecktes Regal, Objekte seit den Achtzigern. Gegenüber, ein Display mit Katalogentwürfen aus dem Archiv der Künstlerin, mehrere Wandarbeiten – darunter mobil installierte Stahlbleche mit Fransen (”Phobia”) - und eine psychopathische Puppe mit Roboterarm vor der Fototapete eines Gerichtssaales. Aufgeklebter Spiegel und der Fußboden darunter sollen durch den Schwamm in der Roboterhand gereinigt werden. Die Putz-Bewegungen sind jedoch vergeblich, eine Drüse im Brustkorb verspritzt regelmäßig milchige Flüssigkeit und so beginnt das Programm von Neuem.
Auf den ersten folgt ein heller, langgestreckter zweiter Saal – hier finden sich die Best of Wollbilder in der Petersburger Hängung und einige Videoarbeiten zum Thema, ”Yvonne” und ”Wollquatsch”.

Was könnte nun den Versuch, diese Ausstellung angemessen zu erklären, besser beschreiben als der Titel eines Katalogtextes: ”das im Prinzip sinnlose Beschreiben von Landschaften”? (Jelinek in ”Anima”)
Tatsächlich wirkt ”Post-Menopause” wie eine Assoziationsmaschinerie, ein inkohärenter Bewusstseinsstrom, in dem stetig Referenzen, Bilder, Fragen und Antworten auftauchen, um dann wieder neue Bilder und Referenzen zu generieren. Alles findet auf gleicher Ebene statt. Hierarchien werden gebildet, um wieder zu zerfallen, eine Unterscheidung zwischen High und Low findet nicht statt. Als sei die Welt eine Psychose, ein rasender Patient. Es fusionieren Minimal mit Arte Povera mit Geisterbahn mit Gehirnforschung mit Tierheim mit Pop Art mit Gender Bending mit Pyrolators ”Inland” mit Selbsterfahrungsgruppe mit ”the tomb” (”death of a hippie”) usw.
Paul Thek ist wohl einer der Türöffner. Politisiert durch den Vietnam Krieg reagiert er auf Minimal und Pop Art mit den ”Technological Reliquaries”, Imitationen von Fleisch aus Wachs, Gummi und Pigmenten. Auch ”the tomb”, eine pyramidenartige Installation von 1967, ist eine große Nummer: düster und krank. So sind Trockels grau eingefärbter Wachsabguss eines weiblichen Armes in einer Blechbox (”o.T.”, 2005) oder die Gipsköpfe mit Kunsthaartoupet (”Matter/Mutter”, 2005) nicht zuletzt dort verankert.


o.T., 2005

Die Kunst auf ihre psychotische Alltagsqualität zu überprüfen, dieses Prinzip findet sich auch bei ”Phobia”, eine Arbeit, die durchaus als perverser Donald Judd mit Vorliebe für Frauenkleider durchgehen kann. Natürlich wird auch der gepflegten Meterware Huldigung zuteil. Der Raum der Wollbilder ist am Eröffnungsabend der populärste Ort und bis an den Rand mit Publikum gefüllt. Trockel treibt auch hier ihr Spiel mit dem Betrachter, denn bei Stoff auf Keilrahmen lässt sich der Volksmund gerne beatmen.
Wie sich daneben auch Tiere, wie z.B. Motten durch die Wolle, respektive das Bewusstsein fressen, dass zeigt das ”Kaschmirhaus”: ein Holzwürfel mit integrierter Lichtquelle auf einer Kupferplatte ist von einem Kaschmirschal umwickelt und soll einer Mottenpopulation als Festmahl dienen. Das mögliche Scheitern ist natürlich Teil des Objektes, denn ob die Tierchen das Nahrungsangebot tatsächlich annehmen muss offen bleiben.
Wer wissen möchte, warum die Künstlerin sich als Tierfreundin zeigt, sollte Jakob von Uexkülls ”Streifzüge durch die Umwelt von Tieren und Menschen” zu Rate ziehen. Trockels System der Perspektivwechsel, ihr Blick auf die Welt, findet hier das Vorbild. So zeigt der Baron beispielsweise anhand der Zecke, dass die scheinbar einheitliche Umwelt so nicht existiert. Tatsächlich hat jedes Lebewesen seine eigene Wahrnehmungswelt. Eine kohärente Ebene von Zeit und Raum, die alle Organismen teilen, kann es also nicht geben.
Bei dieser unendlichen Quelle der Möglichkeiten hätte die Künstlerin auch mal eine Pause verdient. Macht Sie aber nicht und erklärt uns hiermit ihre Pause von der Pause: ”Post-Menopause”.

Copyright der Abbildungen: Rosemarie Trockel/VG-Bild-Kunst, Bonn
Courtesy: Galerie Monika Sprüth/Philomene Magers, Köln/München
photo copyright: B. Schaub, Köln

Stephan Gripp, 06.11.05 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor

 

Kunst-Blog.com, Copyright 2005-2012. Alle Rechte vorbehalten.

Soweit nicht anders angegeben liegen die Rechte bei den jeweiligen Autoren und Künstlern, die die Urheber der Beiträge sind, und bei Kunst-Blog.com. Für Webseiten, auf die von dieser Site aus verlinkt wird, sind ausschließlich die Betreiber der jeweiligen Angebote verantwortlich.

 

Kommentare

Schreiben Sie einen Kommentar zu »Bedeutungslehre
oder wenn der Volksmund beatmet werden muss«




Automatisch anmelden?