Markus Wirthmann | Kritik

Trekkermusik

Sven-Åke Johansson
Moderne Musik auf LW
WBD, Berlin
04. – 19. November 2005


Die verzappelten Umrisslinien verraten das Sujet: Nicht der Traktor sondern das Geräusch wird hier interpretiert!

Kann man das Geräusch von Traktoren zeichnen? – Wahrscheinlich nicht jeder, aber Sven-Åke Johansson kann.
Der 1943 in Mariestad in Schweden geborene und seit über dreißig Jahren in Berlin lebende Künstler wird überwiegend mit Musik in Verbindung gebracht. Und dann überwiegend mit experimenteller und vor allem perkussionslastiger. Ein kurzes googeln nach Sven-Åke Johansson fördert, unter vielen anderen, folgende Stichworte zu Tage: Peter Brötzmann, Donaueschingen, A-Trane, B-Flat, ”Musik zu Filmen von Man Ray”, Nordeuropäisches Melodie- und Improvisations-Orchester.
Selbst mich, einen amtlichen Nichtauskenner in Sachen zeitgenössischer Musik, bringen diese Stichworte auf den Pfad, auf den es bei Johansson hingeht.


Viele Radioportraits, bzw. Portraits von Radios

Bei den Zeichnungen, die den größten Teil der Galerie füllen, handelt es sich um Portraits seiner Protagonisten – oder Instrumente: Traktoren, LKWs und Gebäude sowie Kofferradios. Dass es sich bei den wohlfeil gerahmten Artefakten nur um die Spitze eines performativ-musikalisch-bildkünstlerischen Eisbergs handelt, merkt der geneigte Betrachter erst, wenn er sich mit den Bild- und Ton-Dokumenten beschäftigt, die sich in Form einer improvisierten Videokabine und eines bestuhlten Hör-Arbeits-Platzes im Nebenraum der Galerie verstecken.


Sehr viel geschlossenerer im Umriss – Kofferradios zappeln ja auch nicht beim Geräuschemachen. Dafür mit Sprechblasen.

Trilogie für Windgeneratoren, Seewetter 69 und das Konzert für zwölf Traktoren sind die Hörstücke, die man sich an o.g. Platz erarbeiten darf. Die Trilogie und das Konzert liefern über den Titel, was Instrumentierung und zu erwartendes Klangerlebnis angeht, genügend Hinweise. Seewetter 69 fordert vom zeitgenössischen Betrachter ein bisschen mehr Kombinatorik, denn an die kryptischen Ansagen, die einen Seewetterbericht in den Sechzigern ausmachten und das musikalische Material von Johanssons Komposition bilden, werden sich garantiert nicht alle Ausstellungsbesucher erinnern können.

In der von Sven-Åke Johansson spartanisch schön gestalteten Videokabine sind drei Dokumentarfilme von Theresa Iten zu sehen: ”MM” schäumend, Gesamtkatalog D und Magic Perfume Fills The Air. Um dem Ausstellungsbesucher in spe nicht den Spaß an diesen großartigen Konzert-Mitschnitten zu verderben, möchte ich nur den Hinweis geben, dass ein weit verbreiteter Feuerlöscher den Namen ”MiniMax” trägt.

Sven-Åke Johanssons Arbeit ist in konzentrischen Linien um die Erzeugung von Klängen angeordnet. Die Wellen schlagen allerdings an verschiedene Ufer und verbinden sie auf diese Weise aufs vortrefflichste: In der Zeichnung sieht man das Geräusch, im Geräusch bemerkt man den Klang, darin das Konzert. Das Konzert ist Performance. Die Performance wird Zeichnung. Und dann wieder Geräusch.

Und dass das alles von einem feinen Humor unterlegt ist, merkt man nicht erst, wenn man sich am 12. November die Dokumentation zum Hörstück ansieht: Als das Traktorenkonzert in Brösarp war - ein Titel wie eine Folge von Michel aus Lönneberga - großartig.

Markus Wirthmann, 11.11.05 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor

 

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