Peter Lang | Kritik
36 x 27 x 10 - Bestimmt keine glückliche Zahlenfolge: Quersumme 19 - aber Totgesagte leben länger
36 x 27 x 10
White Cube Berlin
im Palast der Republik, Berlin
23.12. bis 31.12.2005

Spätaktivistinnen haben es nun doch noch geschafft, dem skelettierten Korpus der DDR-Volkskultur eine Vitaminspritze Hochkunst zu verpassen. Die Sache initiiert haben, im Rausch des White Cube, die Damen Coco Kühn und Constanze Kleiner, die in der Zeit schon als Ausstellungsmacherinnen firmieren. Erinnert ist man mehr an die Injektionen von Doktor Morell.
Dank den Berliner Künstlern Lisa Junghanns und Thomas Scheibitz, die die Sache in 14 Tagen organisiert haben, geben sich namhafte Stars der Berliner Szene ein Stelldichein. Mit dem Segen bekannter Galeristen und der Hilfe von Future7 hat man an Arbeiten arrangiert, und durchaus sehenswert, was eben gerade so da war. Freilich noble Gesten allenthalben. Franz Ackermann stellt ein Tableau zur Verfügung, welches wohl schon in New York sein sollte und Anselm Reyle hängt ein Werk an die Wand, das man sich in Zürich erwartete. Olafur Eliasson spendete eine Lampe, passend zu der volkstümlichen Bezeichnung des Palastes als ”Erichs Lampenladen”, die direkt aus der Tate Modern nach Berlin transportiert wurde.

Das Passendere sind aber die Arbeiten von Martin Eder und Frank Nitsche. Der eine gab einen Würfel auf Rollen, der sein Körpervolumen repräsentiert, der andere hoch oben an der Wand, just neben einer bisher nicht zu sehenden riesigen Arbeit von Michel Majerus, gehangen von Restauratoren und direkt aus den Nachlassbeständen der Galerie neugerriemschneider kommend , einen Totenkopf mit Basecap. Ob direkt beabsichtigt oder nicht sind es die passenden Vanitas-Symbole zum Geschehen. Lost spaces and lost persons. Daneben dann Überflüssiges wie immer, zum Beispiel die Öl-Attitüden Schliengensiefs; wer sagt ihm nur mal, dass er nicht auch noch im Anstreichergewerbe den Pinsel draufhauen muss.

Das Ganze ist als eine große Geste zu verstehen, die auf das Fehlen einer Kunsthalle in Berlin verweist und auf den politisch gewollten unsinnigen Abriss des Palastes der Republik. Internationale in Berlin lebende Künstler haben sowieso nie verstanden, welcher Wahnsinn die Deutschen treibt, dieses Haus abzureißen. Zuletzt verwies Lars Ramberg mit seiner dominanten Beschriftung ”Zweifel” auf dem Dach des Palastes darauf. Die Ausstellung Fraktale, die den White Cube erst einbauen ließ, hatte allerdings folgerichtig und wohl auch als Abschluss das Thema Tod in den Palast eingebracht. So sieht man einzelne, recht sehenswerte Werke im weißen Würfel; dadurch aber auch noch schärfer den Hauptgegenstand: und das ist ein letztes Mal das Gebäude an sich. Und dafür hat sich die Mühe aller Beteiligten gelohnt.
Aber, die Damen und Herren, es gibt letztlich nur zwei Möglichkeiten: entweder den Laden anheizen oder sprengen. Dazwischen gibt es keinen Mittelweg. Merkel und Platzek sind wohl kaum für Gesten wie die eines französischen Präsidenten zu gewinnen, sich mit Kulturgroßbauten der Nachwelt einzuschreiben. Die beiden kommen aus dem Osten, und da wollte man sich mit dem Gedanken, Staat und Volk in einem Bau zusammenzubringen (übrigens eine Fortführung der sozialdemokratischen Idee der ”Volkshäuser”), kollektiv in die Geschichte einschreiben. Eben mit dem Palast der Republik und nicht mit einer Kunsthalle. Sowas gab es im Osten, bis auf den trübsinnigen Bau der Rostocker Kunsthalle, gar nicht.
Der Versuch ist erstmal gescheitert. Da wird auch die Initiative ”Der Palast ist die Zukunft” keinen Faden abbeißen.
So, ein Torschlussartikel zum Torschluss. Der Palast ist noch heute und morgen für einen Kondolenzbesuch geöffnet.
Mehr Informationen zur Ausstellung: 36 x 27 x 10
Informationen über das Bündnis für den Palast und die Annonce: Der Palast ist die Zukunft
Peter Lang, 30.12.05 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor
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