Markus Wirthmann | Sonstiges

Fernsehen war gestern – bei zuviel.tv wird nah gesehen!

Stefan Panhans
Sieben bis zehn Millionen
15. Dezember 2005
zuviel.tv, Berlin

zuviel.tv ist ein Video-Programm das von Andreas Eberlein und Kai Hoelzner zusammengestellt und meist einmal im Monat Donnerstags in der Küche von Andreas gezeigt wird. Zum Glück hat die Küche eher Loungecharakter und die Nachbarn sind der Geräuschentwicklung gegenüber nachsichtig. Die Bandbreite des Dargebotenen reicht von Experimentalklassikern aus den Sechzigern und Siebzigern mit Willoughby Sharp, Ira Schneider und Wilhelm Hein über Chaos-Kunst-Fernsehen aus Lettland (oder war das Litauen?) mit CAC-TV bis zu aktuellen Produktionen von Videokünstlern wie Knut Klaßen, Marc Aschenbrenner oder Stefan Panhans.

Mit letztgenanntem verabredete ich anlässlich des Screenings seines Videos Sieben bis zehn Millionen ein E-Mail-Interview das sich im folgenden hier entwickelt:

Wie ist es dazu gekommen, dass der Hauptdarsteller des Videos "Sieben bis zehn Millionen" eine Hauptdarstellerin ist? Wie hieß sie gleich noch?

"ich hab wohl eine ziemlich, vielleicht könnte man sagen »romantische« vorstellung von einer zusammenarbeit mit schauspielern.
ich muss das gefühl haben dass etwas von dem was in den figuren meiner videos aufscheinen soll auch schon in den schauspielern »drin« ist, dass es schon sowas wie eine apriorische affinität zu meinem stoff gibt die man schon merkt bevor man überhaupt anfängt zu arbeiten.
vielleicht bin ich auch einfach nur ein ungeübter regisseur und hab´ auch keinen hang zum figuren-in-harter-arbeit-in schauspieler-reinzu ... prügeln?,
wie´s ja in gar nicht so seltenen fällen – mit manchmal anscheinend gar nicht so schlechten ergebnissen – passiert wie ich höre.
so hab ich also irgendwann mal lisa vorgestellt bekommen dann haben wir das erste video gemacht und das war super, es gab eigentlich fast keine proben, sie hatte einfach sofort kapiert was ich in paar worten erzählt habe, wie das so sein soll und dann dachte ich für den neuen text jetzt aber einen mann haben zu müssen, weil es auch ein mann sprechen sollte und ich nicht die absicht hatte eine hosenrolle zu thematisieren und da hab ich dann zwei leute ausprobiert, beidemale ist es total schief gelaufen und dann wollt ich schon aufhören damit und dachte das klappt wohl nicht mehr, irgendwas stimmt da überhaupt nicht, das sind beides auch gute schauspieler, der eine gar nicht mal unbekannt, und trotzdem, das ging in völlig falsche richtungen und dann kam ich plötzlich glücklicherweise doch noch auf die idee es einfach eben doch wieder mit lisa zu machen, eine richtig gute maske für sie zu engagieren und ihr ein pseudonym zu geben. das lief dann eben wieder sofort ganz toll. jetzt ist es so geworden dass es unterschiedlichste wahrnemungen bezüglich des sogenannten geschlechts der figur gibt, manche zweifeln keine sekunde daran dass da ein mann zu sehen ist, lustigerweise auch leute die das erste video mit ihr kennen indem sie ja als frau eine frau spielt, dann gibt es leute die bis zum schluss nicht wissen ob mann oder frau und manchen wenigen ist anscheinend sofort klar dass es sich um eine frau handeln muss ... das gefällt mir jetzt nachträglich sehr gut dass das so changiert, das macht es für mich spannender und ich bin also sogar froh dass es anders gelaufen ist als ich anfangs dachte dass es laufen sollte, vielleicht war´s ja genau das was nicht stimmte mit den beiden männern mit denen das nicht geklappt hat, das es eben männer waren.
sie heisst lisa marie janke, in diesem fall als donnie jeanty."

Wie hast Du den Text für "Sieben ..." entwickelt? Der klingt ja ähnlich nah dran an Vorstadt-Gameboy-Junkies wie die nervigen Dialoge von Olli Dittrich als Imbissbuden-Hänger "Dittsche". Ich hoffe, der Vergleich beleidigt Dich jetzt nicht ...

"1. ich musste was kaufen.
2. olli dittrich? sicher ein furchtbarer typ mit so´nem namen ... hahaha ... ne, keine ahnung ich hab das nie gesehen, kann ich nichts dazu sagen, läuft das noch und wenn dann wannwo?"

Warenumschlagszentralen wie Kaufhäuser und Elektronikmärkte scheinen ja Dein Interesse in ganz besonderem Maß zu erregen. Warum?

"sie wollen dich verwirren und danach wollen sie dich verarschen, aber nich mit mir Alter, ich schaff das! Ich komm da durch, ich krieg das hin!, und am Schluss hab ich das Teil was ich wirklich will, du musst es aber wirklich draufhaben, ja?, also ich geh da raus und ich hab das Optimum für mich, das Beste, klar?"

Schon Klar. Jetzt hat uns allerdings Donnie Jeanty zugetextet. Und der kann ja anscheinend nicht anders. Tut er/sie in Deinem Video ja dann auch. Und zwar dauernd, die ganzen sechs Minuten lang ohne Punkt und Komma mit zungenbrecherischer Geschwindigkeit. N´ totaler Nervtyp.
Aber Stefan Panhans hat sich ja in einer seiner letzten Arbeiten auch mal ganz anders mit dem Shopping-Komplex beschäftigt. Da hast Du, glaube ich, Parfümerie-Verkäuferinnen in Warenhäusern abgelichtet. Die Damen fühlten sich da anscheinend unbeobachtet und hatten außerdem auch gerade keine Kunden am Wickel.
Steckt da persönliche Obsession dahinter? Natürlich meine ich nicht die an den Verkäuferinnen ...

ja der stefan panhans hat das gemacht, das war der von 1999-2002, ich weiss nicht ob ich zu dem noch so ein verhältnis hab dass ich jetzt hier so ganz genau berichten könnte aus was für teilen sich dann am ende genau diese serie zusammengesetzt hat – übrigens handelt es sich nicht nur um parfümerieverkäuferinnen sondern um einen ziemlich großen ausschnitt des, ich sage mal im wörtlichsten sinne vielleicht »corporate picture« von frau/mädchen das uns in all seinen facetten so im hochkommerzialisierten innenstadtbereich westlich großstädte zum hinschauen, in den shop kommen und kaufen verführen soll und unterschwellig dabei eben ein recht konservatives, eingeschränktes rollenmodell instrumentalisiert und gleichzeitig hilft es immer weiterzutradieren – sicher auch ein interesse für genau die dargebotenen bilder, es sind ja auch nicht nur mädchen drauf sonder auch noch allerlei andere tolle dinge und raumkonstruktionen und lichter und ... – sonst hätte ich sie ja gar nicht gesehen und erst recht nicht über so lange zeit fotografieren können, es hat schon aus vielen gründen spaß gemacht das zu machen, vielleicht schon auch um in diese bilder mal so richtig einzutauchen, sie mehr als zuzulassen und so vielleicht auch damit bisschen besser umgehen zu können, aber sicher auch noch aus ganz anderen gründen, so im zusammenhang mit wie sich für mich so zu der zeit das kunstfeld so darbot und wie sich das anfühlte, unweigerlich stellten sich bei mir zum beispiel andersmachenwollengefühle her, so ist das wohl wenn man auf bestimmte art gestrickt ist, damit bin ich wohl nicht allein in unsrem kulturkreis, mit der begeisterung für ebensolche bilder aber sicher auch nicht, wieso und warum das müsste oder könnte man mal woanders noch diskutieren, das ist ja jetzt hier schon wieder viel zu lang, in dem buch »womit wird eigentlich vergoldet bei einem waldüberfall frag ich mich gerade«, erschienen bei revolver, 2005, ist übrigens die ganze serie abgedruckt und auch ein schönes essay dazu von ariane beyn nachzulesen.

Und nochmal zu dem Text von Donnie. Ist der eher aus eigener Quelle oder ist der gut abgelauscht? Irgendwie klingt das ja auch stark nach paranoiden Newsgroups.

newgroups au weia ja keine ahnung nein da schau ich auch nicht hin ... hmmmm ... abgelauscht vielleicht eher, aber eher von »innendrin«, so von da wo man wenn man halt zur selbstbeobachtung neigt dauernd so texte hört ... aber auch von »draussen«, andererseits ich glaube ehrlich gesagt keine ahnung, plötzlich stand er dann auf dem papier an einem verregneten sommertag, ich musste mich keineswegs anstrengen, auch hier wieder irgendwie romantisierendem authentizitätsklischee vielleicht entsprechend, aber so wars eben, floss das in kürzester zeit aus dem kugelschreiber aufs blatt und abgeschrieben hab ich es soweit ich mich erinnern kann nicht.

Markus Wirthmann, 19.12.05 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor

 

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