Adib Fricke | Kritik

Spiesser-Fotos

Anthony Goicolea, Ghost Ship,
Gewinnerfoto Prix BMW-Paris Photo, Messe Paris Photo 2005
(courtesy Galeria Luis Adelantado, entnommen einer digitalen Pressemitteilung)

Neulich war es mal wieder so weit. Da tanzte die Marketingabteilung eines global agierenden Autobauers den Sponsorentanz mit einer Präsentationsveranstaltung für zeitgenössische ästhetische Äusserungen: BMW Frankreich förderte die Fotomesse Paris Photo 2005, und das bereits zum zweiten Mal. Die Symbiose scheint perfekt gewesen zu sein, wer Braut und wer Bräutigam in dieser engen Zweisamkeit spielte, bleibt offen und ist letztlich unwichtig -- profitiert haben schliesslich vermutlich beide davon. Die einen bekamen einen Preis gestiftet, die anderen eine Plattform, in der profaner Bildwelten-Quatsch in gleicher Ästhetik wie sonst auch weiter abgefeiert werden konnte. Das Stiften eines Preises im ästhetischen Umfeld scheint mit keinem Risiko verbunden zu sein, eher das Gegenteil, zumindest wenn über das Mittelfeld nicht hinausgespielt wird: Profitabel wird es für die Beteiligten schon allein der Öffentlichkeit wegen, die damit zu erzeugen ist.

Das Vorurteil, dass kaum etwas spannendes heraus kommen kann, wenn ein Autoproduzent als Preisstifter für zeitgenössische (Foto)Kunst auftritt, hat der BWM-Konzern in Paris anlässlich der auf Fotografie spezialisierten Messe bestens bestätigt. Diesjähriger Gewinner des Prix BMW-Paris Photo war Anthony Goicolea mit der Fotoarbeit Ghost Ship, 2005. Die pseudo-ironische Illustration von Geisterschiffen mit ihrer offenen Symbolik für eine gestrandete oder vielleicht für eine vom Wasser an Land evolutionierte Mobilität passt perfekt in die Bildwelt der gehobenen Autofahrer-Prolls, die in der Regel wohl einen BMW zu kaufen pflegen. Wer Autos baut und damit handelt muss natürlich ein Motto passend zur automobilen Unternehmenskultur ausgeben; das Wettbewerbsthema 2005 war »l’esprit en mouvement« (Spirit on the move).

Na dann mal hoch die Tassen, nachträglich -- die Vergabe des mit 12.000 Euro dotierten Preises war bereits am 18. November. Ein Toast auf den Gewinner, denn dessen »digital verstärktes« Bild, »repräsentiert« wie der englische Pressetext schreibt, »a fairytale landscape: a giant tree rises out of a devastated, almost lunar, environment. Captured in its ancient branches is a ship carrying a motley group of nameless refugees, hippies, drop-outs, nomads or pirates embarked on their way to a better world.« Eine Märchenwelt im Fotobild, das verstehen auch die Jurymitglieder, die im BMW-Auftrag dabei waren und sich sonst in den heilen Werbeweltlandschaften von Automobil-Anzeigen heimelig fühlen: Neben Fotografen, einem Sammler und zwei Museumsdirektoren war der PR-Chef des Unternehmens Mitglied der Jury und der Vorstandsvorsitzende von BMW Frankreich saß als geübter Vorsitzender gleich der Jury vor. Da verwundert es nicht weiter, dass auch sonst die 29 von insgesamt 58 durch die teilnehmenden Galerien vorgeschlagenen Künstlerinnen und Künstler der Short-List wohl nicht weiter interessant waren. Diese bewegen sich mit ihren Arbeiten zwischen banaler Farbfotointerpolation wie bei Olivo Barbieri, halbdokumentarischen Bildern adoleszent dreinblickender Personen wie bei Lise Sarfati oder aber tendieren zur strukturellen Langeweile wie Scott Peterman, der mit formal-korrektem Bildaufbau derzeit Erfolge zu feiern scheint.

Paris Photo

 

Adib Fricke, 04.12.05 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor

 

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