Gastbeitrag | Kritik

Friends and Enemies

10. Januar – 1. Februar 2006
Gagosian Gallery, Berlin

von Manuel Bonik

Wie unter Berliner Kunstinteressierten wohl allgemein bekannt, nutzt die 4. berlin biennale die Gagosian Gallery in der Auguststraße, um schon im Vorfeld des Events Kunst zu zeigen, so aktuell mit der Ausstellung Friends and Enemies. Gezeigt werden drei Positionen, Autocenter (Joep van Liefland und Maik Schierloh), Starship (Martin Ebner, Ariane Müller und Hans-Christian Dany) und Tilman Wendland, wobei ich mich im folgenden nur über den Beitrag von Starship auslassen möchte, über den ich mich extrem geärgert habe. Er bildet, leider, ein auffallendes und abschreckendes Beispiel dafür, wie Pseudo-Intellektualität und künstlerische Einfallslosigkeit honoriert werden. Man kann nur hoffen, dass die biennale-Kuratoren künftig etwas sorgfältiger arbeiten werden.

Worum geht es? - Der Beitrag der seit 1998 erscheinenden Kunstzeitschrift Starship besteht in einer Broschüre mit einer modifizierten Wiederauflage des Aufsatzes "Eine Art Einzige" des ehemals österreichischen, inzwischen kanadischen Autors Oswald Wiener. Wiener (dem ich im übrigen seit den späten Achtzigern freundschaftlich verbunden bin und mit dem ich auch schon gemeinsam publiziert habe) ist in Berlin vielen bekannt, da er hier die Siebziger hindurch das Künstlerrestaurant EXIL betrieb, bevor er nach Kanada auswanderte, um später als Professor an der Kunsthochschule Düsseldorf zu wirken. Als Hochintellektueller (am bekanntesten wohl sein 1969 bei Rowohlt erschienenes Buch die verbesserung von mitteleuropa, roman) hatte er großen Einfluss auf viele Künstler, von Altersgenossen wie Dieter Roth über die Generation von Martin Kippenberger bis hin zu lebendigen Zeitgenossen wie Olaf Nicolai. In der Generation der heutigen Twens dürfte er weniger bekannt sein, und insofern erscheint es auf den ersten Blick verdienstvoll, einen sehr guten Text eines sehr guten Autors wieder zu veröffentlichen und gratis zu verteilen.

So weit, so gut. Skeptisch wurde ich zuerst, als ich im Pressetext die Formulierung "Neudruck des vor 24 Jahren erschienen Textes" las, nicht wegen des Schreibfehlers oder weil das sachlich falsch wäre, sondern weil diese Formulierung suggeriert, dass der Text vor 24 Jahren erschienen ist und seither nicht mehr. Hier will sich Starship offensichtlich für eine Wiederentdeckung rühmen, die die (übrigens von Menschen aus Wien herausgegebene) Zeitschrift aber tatsächlich gar nicht gemacht hat. Erschien der Aufsatz ursprünglich in der von Verena von der Heyden-Rynsch herausgegebenen Kompilation Riten der Selbstauflösung (Verlag Matthes & Seitz, München), so wurde diese in den 90ern von dem Verlag mit neuem Cover herausgebracht, das nun auch Oswald Wiener als Herausgeber nannte. Das mag seine Marketinggründe haben und sachlich richtig sein, aber vermutlich nicht im Sinne des Autors, der aufgrund ähnlicher Indiskretionen schon Anfang der 90er mit dem Verlag gebrochen hatte. Das hätten die Starship-Herausgeber wissen können, hätten sie sich bei ihrer Publikation ein wenig mehr Mühe gegeben und nicht nur mit Matthes & Seitz, sondern auch mit dem durchaus erreichbaren Oswald Wiener verhandelt. Letzteres gehörte m.E. auch insofern zur herausgeberischen Sorgfaltspflicht, als ja nicht gesagt ist, dass Wiener sich im Umfeld von Starship publiziert sehen wollte (ich bezweifle es). Was die Sache dann vollends dumm und krumm macht, ist der Umstand, dass Eine Art Einzige 1998 in überarbeiteter Fassung erschien, als einer von Wieners Literarischen Aufsätzen (Verlag Erhard Löcker, Wien). All das wunderte mich, aber ich war bereit, noch irgendeinen künstlerischen Plot hinter diesen Unterlassungen und falschen Behauptungen zu vermuten, bis ich nach der Vernissage in der Gagosian Gallery Martin Ebner und Ariane Müller darauf ansprach, um zu erfahren, dass sie tatsächlich nicht im mindesten um die dargestellten Umstände wussten und es ihnen offensichtlich auch völlig egal war. Was man entweder für infam oder für naiv halten kann, in jedem Fall für schlampig, gerade bei solch einem komplexen und sorgfältigen Autor wie Oswald Wiener.

Okay, ich habe für vieles Verständnis, auch für solche Appropriations- oder Enteignungskunst, habe ich doch selbst schon in meinen Zeitschriften 59to1, schrift (für künstliche und künstlerische intelligenz) sowie 01 viele Texte, gerade auch von Wiener, republiziert. Dabei habe ich immer zwei Möglichkeiten gesehen, nämlich entweder den jeweiligen Text eins zu eins zu reproduzieren oder ihn irgendwie originell zu kommentieren bzw. zu bearbeiten. Was die Starshipper gemacht haben, liegt irgendwo dazwischen und ist m.E. noch bornierter als das oben Geschilderte. Es geht um vier Eingriffe: 1) Auf der Rückseite findet sich eine Zeichnung, die man als Kommentar oder Illustration zum Text begreifen kann. Da spricht nichts dagegen, nur schade, dass der Urheber nicht genannt wird. 2) Gegenüber der Original-Publikation wurden die Bilder bis auf eines weg- und nur die Bildunterschriften stehengelassen. Ich gehe davon aus, dass sie sich im Original nicht ohne Gründe fanden. Entstellung des Originals oder (wenig origineller) künstlerischer Eingriff? Weiß ich nicht. Schlimm finde ich 3) verquaste Vorbemerkungen auf Cover und Seite 3 der Broschüre, die so gestaltet wurden (Kleinschreibung), als wären sie Zitate aus dem Text (sind sie nicht) und eine Intention des Textes unterstellen, die er einfach nicht hat (ich erspare mir hier die Detailanalyse). Hat man ihn bei Starship vielleicht gar nicht gelesen? -- In jedem Fall hat man ihn nicht verstanden, wie sich dann bei der größten Dummdreistigkeit der Herausgeber zeigt, nämlich dem 4) Tilgen eines Baudelaire-Zitats (aus Mon coeur mis à nu, Mein entblößtes Herz) aus dem Text, nämlich

Die Frau ist das Gegenteil des Dandy
Sie muss demnach Abscheu erregen.
Die Frau hat Hunger und sie will essen. Durst, und sie will trinken.
Sie ist in Brunst und sie will gefickt werden.
Das ist verdienstlich!
Die Frau ist natürlich, das heißt scheußlich.
Auch ist sie stets gewöhnlich, das heißt das Gegenteil des Dandy.

Über dieses Zitat haben die Sternenschiffer einen weißen Stern gedruckt, der es weitgehend überdeckt. Nicht überdeckt er die von Starship fälschlich vorgenommene Kursivschreibung von Wieners vorangestelltem Zusatz "Das Kind:", was dem Zitat einen besonderen (und durch den Kontext sehr gut gedeckten) Sinn gibt. Die Starshipper hielten es offensichtlich für einen Teil des Baudelaire-Zitats, haben sich also weder das Originalzitat bei Baudelaire angeschaut noch den Kontext verstanden. Ariane Müller ungefähr wörtlich zu mir: "Ich fand das doof, und das wurde ja schon oft genug gedruckt." - Ich vermute, sie fand das Zitat frauenfeindlich (eine Frage, die sich im Zusammenhang des Textes m.E. nicht stellt) und glaubte von daher das Recht zu haben, auch hier Sorgfaltspflichten ignorieren und sich dreist zum Zensor aufwerfen zu dürfen. Sollte das im Zeichen von "politischer Korrektheit" geschehen sein, hat sie deren Gegnern eine Steilvorlage geliefert.

Ich hätte diese Kritik lieber geschrieben, wenn es bei dem Ganzen um irgendeine (künstlerische) Position für oder gegen oder überhaupt eine intellektuelle Leistung gehen würde. Der Eindruck ist aber leider, dass sich Starship einfach keine Arbeit machen wollten; sich nur an einen großen oder wenigstens guten Namen dranhängen, dem sie intellektuell einfach nicht gewachsen sind; und das auf eine Art und Weise, die man früher mal unredlich nannte; und übrigens gefördert nicht nur durch die berlin biennale, sondern auch durch die Kulturstiftung des Bundes und die EU. Wie fade! Geld zurück!

Manuel Bonik
manuel [at] nightacademy.net

Gastbeitrag, 19.01.06 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor

 

Kunst-Blog.com, Copyright 2005-08. Alle Rechte vorbehalten.

Soweit nicht anders angegeben liegen die Rechte bei den jeweiligen Autoren und Künstlern, die die Urheber der Beiträge sind, und bei Kunst-Blog.com. Für Webseiten, auf die von dieser Site aus verlinkt wird, sind ausschließlich die Betreiber der jeweiligen Angebote verantwortlich.

 

Kommentare

Schreiben Sie einen Kommentar zu »Friends and Enemies«

Danke für Ihre Anmeldung, .
Sie können jetzt Ihren Kommentar schreiben. | Abmelden



Automatisch anmelden?