Kai Hoelzner | Kritik

Happy Organ

Martha Roslers "Kriegsschauplätze" in der Galerie Christian Nagel, Berlin, 27.01.2006 bis 18.03.2006

Das Überraschende an dieser Ausstellung ist der angenehme Mangel an Überraschungen, der sich am deutlichsten an der unqueeren Art zeigt, mit der das Haupt-Exponat, eine etwa 3 Meter große, von der Decke herabhängende Beinprothese, hübsch mittig im Raum platziert ist. Mit der Fußsohle nur wenige Zentimeter Blitzschlag mit Lichtschein auf Hirsch über dem Boden schwebend bewegt sich das Ding vor und zurück und führt eventuell Geh-Bewegungen aus auf dem leicht versandeten Galerieboden.

Eventuell werden aber auch Arschtritte ausgeteilt. Ein oder zwei Meter davor nämlich hat Orthopädiemechanikerin Martha Rosler ein Sandkästlein platziert, in dem schattenhaft der Abdruck eines Stealth-Bombers zu erkennen ist.

Der Raum insgesamt ist zweigeteilt. Im linken, vom Eingang aus gesehen hinteren Teil ist ein Areal mit am Boden liegenden rot-weissem Flatterband abgetrennt. Hier kommt der Sand her, der ganz hinten rechts in einem Häuflein die Ecke hoch geschippt ist und mithilft, das Flatterband in dieser Ecke zu fixieren. Da sind gedanklich die Minen eingegraben, die den Damen und Herren Orthopädiemechanikern das Geschäft ankurbeln. An der Decke ist eine mit Tape verklebte Apparatur angebracht, die via Kabel eine Ministereoanlage ansteuert, die dann und wann bei der falschen Bewegung ein Aaaargh, ein Tttschschsch oder ein Uaaaghhh durch die Plastik Lautsprecher-Satelliten schickt. Da haben wir uns ganz schön erschreckt.

Vorne auf der friedlichen Seite, also außerhalb des Minengebietes, ein Video in so 'nem plärrenden Mini-DVD-Player mit 7'-LCD-Monitor, so einem 99-Dollar-Teil, auf dem sich die Soldaten im Irak unterwegens bei der Patrouille durch die Suburbs von Bagdad die Surfscenen aus Apokalypse Now reinziehen um sich innerlich abzupanzern gegen die unsichtbar allgegenwärtige Bedrohung durch Sniper und Minen. Behämmerte Soldatenpüppchen aus einem 99-Cent-Shop trompeten lustig wie die tanzende Coladose unablässig militärische Fanfaren aus dem resterampenmäßigen Player und die ausgezehrte US-Army hat das Handgeld, mit dem die Rekruten von der Nützlichkeit des Dienstes für das Vaterland überzeugt werden müssen, von zwanzig auf fünfzig Tausend Dollar angehoben. Oder hat Paul McCarthy dieses lustige Trompetenmännlein höchstpersönlich beigesteuert? Einen Schulabschluss braucht man inzwischen jedenfalls nicht mehr, um bei der Army anzuheuern.

Den braucht man aber anscheinend auch nicht, um die Ausstellung zu kapieren. Weil es Kunst ist, sind auf den oberen Teil der Prothese, dort, wo man den Stumpf seines Oberschenkels hineinsteckt, ein paar High-Heels aufgemalt, so poshe Sandalen mit hohen Absätzen, die den Arsch so schön aufgepushen wegen der unnatürlichen Fußhaltung. Als letzte Chiffre des Feminismus eventuell, wo doch Krieg immer noch Männersache ist zumindest in den oberen Etagen dort wo die Entscheidungen getroffen werden. Leider können ja auch Frauen auf eine Mine treten, daran muss man mal denken. Auch wenn over there meistens Männer den Krieg führen ist das angesichts zunehmender Rekrutenknappheit ja nicht ausgeschlossen ist, dass da demnächst verstärkt auf Mädchen zurückgegriffen wird und ich glaube ich muss jetzt noch mal zum Nagel gehen und die Ausstellung anhören, ob das Geschrei aus den Lautsprechern eventuell sogar Frauengeschrei war oder doch nur Männergeschrei. Jedenfalls sieht es im Augenblick noch so aus, dass Krieg auf absehbare Zeit männlich bleiben wird und so oder so sind die von MR auf den Prothesenhals gemalten Sandalen zwar auch für Agitprop ein bisschen mit der Zaunlatte gewunken aber allemal erträglicher als wenn Poschard bei Pro Quadratmeter aus Cool Camouflage Couture vorliest.

Wie auch immer: Mine oder Tarnkappenbomber, Junge oder Mädchen, Barfuß oder Lackschuh - angesichts des Krieges kommt man vielleicht nicht umhin, wieder und wieder die weit wie die Tore eines Flugzeughangars offen stehende Türen einzurennen und jetzt insbesondere auch an diesem bitterkalten Januartag die Manolo-Blahnik-Verehrer in der Kunst zu agitieren und zu propagieren, dass Krieg böse ist, vor allem, wenn im Sande Minen herumliegen. Wogegen nämlich der Stealth-Bomber, der konzeptuell schon für diese US-amerikanische Denke steht, ebenso unsichtbar und omnipräsent ist wie eine blöde Mine, nur eben oben am Himmel. Vielleicht geht das ja wirklich nicht anders als moralisch.

Den Umriss dieses Tarnkappenbombers, der für das gegnerische Radar unsichtbar ist und also plötzlich und aus heiterem Wüstenhimmel auftaucht um seine Bombenlast abzuwerfen, kann man sich als ästhetischen Gegenstand dann nämlich genau noch heute auf einem Foto von Katharina Sieverding anschauen, das in der 50-Jahre Karl Hofer Gesellschaft Ausstellung in der Berlinischen Galerie hängt. Wo heute Abend Finissage ist. Aber auch dort kannst Du letztlich nur seinen Schatten sehen.

Besser als die Installationen und Objekte haben mir eigentlich die Collagen im Gang beim Büro gefallen - subtiler als die Klartext Gegenpropaganda im Ausstellungsraum der Galerie und klarer und eindeutiger als viele ihrer Fotoarbeiten, in denen sich MRs kritische Haltung gegenüber der Fotografie und ihren Verführungen ausdrückt.


Collage einst...


...und heute

Die Collagen kommen straight und aussagekräftig, häufig mit der Korrektheit der spontanen Entscheidung beim Ausschneiden und Kleben. Gerade dadurch können sie dem unter anderem ja auch moralischen Anliegen Roslers gerecht werden und das einlösen, was dem Environement im großen Galerieraum aufgrund steilerer Artifizienz nicht immer gelingen muss. Zu sehen sind Blätter aus der Vietnamkrieg-Serie Bringing the War Home (1967-72) und mehrere jüngere Irak-Krieg-Collagen. Der klarste Moment der ganzen Ausstellung ist am Ende vielleicht die Preisliste auf dem Tresen. Die DVD, auf der der fiese kleine Spielzeug-Trompeter mit Prothesenbein seine Kasernenhofmelodie trötet, gibt es in Hunderter-Auflage zum Agitprop-Preis von 100 Euro das Stück und mittig zwischen Ein- und Hundert- hängt die Prothese bei präzisen Fünfzigtausend. Die Kritik am Militariy-Plastic-Trash wurde jedenfalls nicht auf 99,99 € herunter gebrochen, sondern präsentiert sich als runde Sache.

Zur Galerie Nagel...

Kai Hoelzner, 28.01.06 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor

 

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