Kai Hoelzner | Kritik
Herr Brunett lacht sehr laut und applaudiert
VirginiaMeeseWoolf mit natürlich Jonathan Meese und als zweiten Mann Bernhard Schütz am 10. März im Schwarz-Weißen Meese-Foyer (selbstverständlich "de Large") in der Volksbühne.

Meese das letzte Mal beim 04er Oktoberfest im Autosalon bei Trinkperformance gesehen. Schon bißchen her also. Damals Flasche Unikum und Flasche Jagertee auf Ex, auf Bühne rumspringen, hyperventilieren, mehrmals die Ohnmacht abwenden, dann in den Mikrofonständer stürzen, bluten aber nichts mehr merken, weil, einmal in der Horizontalen, sofort ins Koma gefallen. Fließt noch bisschen Kotze aus dem Mund vom Herrn Meese raus. Ich dann: Leg den mal auf die Seite, sonst macht der hier noch den Bon Scott. Baudach (vorne die ganze Zeit schon am applaudieren und großartig finden): Lass den mal, das nervt den Jonathan bloß, wenn der jetzt voll gelabert wird. Ich: Komm, der hört doch nix mehr. Da läuft doch eh nur noch die Kotze raus. Baudach (schon bißchen ungehalten): Mann, Alter, wenn man auffm Oktoberfest kotz, dann kotzt man ins Glas und dann wird weiter gesoffen.

Das war also Ende September 2004 und das sah schon sehr scheisse aus damals, so dass man nicht recht wusste, ob da eigentlich noch was kommt. Kam aber noch 'ne ganze Menge bei Meese. Wöchentliche Berichterstattung in der BZ und einiges mehr. Also Zeit, mal wieder hinzugehen zum Meese. Meese in seiner neuen Wirkungsstätte an der Volksbühne. Anlässlich der Wiederaufnahme von Castorfs Kokain mit Meeses Bühnenbild. Draussen im Foyer zwei schwarz-weisse Bühnen hingezaubert, so mit Bretterzaun und Bierkisten zum drauf sitzen, die waren sogar mit Filzflächen beklebt oben drauf. Gehobenes Ambiente also. Ansonsten höchstens minimale Variation des Meese-Bühnen-Kosmos. Ist auch OK, weil sowieso Langzeitstudie. Bestimmt taucht da und dort 'ne neue Biegung auf. Müsste man die letzten Male da gewesen sein um das im Detail überprüfen zu können.


Kleiner Barwagen, wird aber vorsichtiger getrunken als bei meiner letzten Meese-Besichtigung. Erstmal Rotwein nur, später dann Hochland-Whiskey, stilecht auf Eis. Vorab ein bisschen Laientheater mit Virginia Woolf Text machen. Herr Schütz als Elizabeth Taylor, Meese als Richard Burton. Das sieht sehr lustig aus. So aus der Schülertheaterei irgendwann übergehen zur ersten Grundsatzrede. Meese nämlich als natürlichster Schauspieler überhaupt. Wahrscheinlich überhaupt einziger natürlicher Schauspieler. Weil Gefühle kann man gar nicht darstellen. Eventuell (da war ich gerade unaufmerksam wegen Fotos machen) kann man Gefühle nicht mal fühlen. Details. Im Groben war das aber schon mal klar. Also runter mit den Klamotten, wenigstens die Hemden und T-Shirts. Dann rasieren. Herr Schütz rasiert Herrn Meese, spielt mit dessen Barthaaren rum, versucht, sich Teile von Meeses Rasputinbart mit dem Rasierschaum ins Gesicht zu kleben, hält auch ein paar Sekunden. Blut fließt auch, aber nur wenig. Zwischendurch schön tätscheln und erste zarte Kussversuche. Dann die Tanznummer. Caligulas Tanz. Sehr schön, zu zweit, leicht asynchron schweissglänzende Wampen. Natürliches Theater. Caligula nachtanzen. Sollte dann im zweiten Teil, den ich dann nur noch kurz verfolgt habe, weil ich in den Prater hoch zur Fouka Fouka Party wollte, auf der zweiten Bühne gebeamt und von Meese erklärt werden.


Schütz als Schauspielprofi schon die ganze Zeit auf Betriebstemperatur, Meese kommt erst nach und nach in Fahrt. Ist dann aber richtig drin. Die Bühne ist jetzt anscheinend sein Element. Der Daumen Hoch Tanz. Der AngewinkelterUnterarm-Schildträger-Tanz, immer von links nach rechts und zurück. Bruno sitzt neben uns und lacht sich ein ums andere mal kaputt, applaudiert ganz laut, will auch was von der Aufmerksamkeit. Die Sache läuft aber längst von allein. Herr Meese fängt an, Herrn Schütz zu verarschen. Aber nur ganz wenig. Leitet langsam zur zweiten Grundsatzrede über: Weil es ist immer das gleiche: Chef, zweiter Mann, stumpfe Masse. Zählt drei Filme auf, in denen das so ist. Jedesmal wieder: Chef, zweiter Mann, stumpfe Masse. Klar. Daliegen, einscheissen und gewaschen werden. Argumentativ leicht unterkomplex, geht aber durch, weil wir (Zuschauer) stumpfe Masse sind. Funktioniert sogar. Keiner ruft "Geht klar Chef". Alle zu stumpf dafür. Schade. Bruno johlt und applaudiert. Auch wir anderen haben unseren Frieden mit stumpfe Masse sein gemacht. Zwischendurch mal mit blauer Farbe an den Brustwarzen rum malen, Glas Whiskey trinken, paar Eiswürfel werfen. Über und Unterordnung zwischen Meese und Schütz noch mal feintunen. Wieviel aufmüpfen darf Herr Schütz denn nun genau? Eigentlich recht viel, das wirkt für Meeses Verhältnisse schon alles sehr subtil, hier mal den vollautistischen Bereich zu verlassen und sich nicht einfach durch den Abend durchzupanzern, sondern für Momente fast mit dem Publikum zu spielen. Meese selbst gefällt es sichtlich. Ganz sicher ist Meese in der Volksbühne gut aufgehoben. Ist alles nicht besonders neu für auf der Bühne. Trotzdem: Meese ist hier in der Volksbühne trotz immer gleichen Bühnenbilds in einer Verfassung, in der Schlingensief, der ähnlich wie Meese an diesem Zwang leidet, dauernd anbieten zu müssen, leider schon seit zehn Jahren nicht mehr war.

Zwischendurch mal, mit seiner kleinen Diktatorenfibel in der Hand, eine leise Frage zum Publikum: War Pol Pot stumpf? Und dann noch leiser, dass er es eigentlich auch nicht weiss. Wahrscheinlich war Pol Pot noch irgendwas ganz anderes. Und wahrscheinlich ist es einfach der Umstand, dass am Theater sowieso notorisch Hitler gegrüßt und das ganz normale Aussprechen des Wortes Judensau (Schlingensief) mit dem Publikum eingeübt wird. Der gegenüber Galerien oder Ausstellungshallen tiefere Resonanzraum auf der Bühne schafft für Meese einen anderen Klang, in dem er auch auf der Bühne offenbar plötzlich mehr mitbekommt von der eigenen Performance. Keine Ahnung, ob das Theater wirklich was von Meese zu erwarten hat. Umgekehrt könnte das aber der Fall sein. Und das wär ja nicht schlecht für Meese, wenn sich da mal schleichend etwas täte. Insbesondere das Thema Natürlichkeit bietet hier einen Ausweg. Rousseaus Parole "retour à la nature" könnte geeignet sein, das hohe Pathos des Barock, das sich bei Meese in einer homophonen, oft lediglich sequenzierenden Arbeitsweise darstellt, durch eine nuanciertere, auch rhythmisch und dynamisch kontrastierere Sprache wenn nicht abzulösen, so doch zu bereichern. Nicht auszuschließen, dass Meese am Ende einer solchen Entwicklung dann auch irgendwann nach Bayreuth darf.
Kai Hoelzner, 12.03.06 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor
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