Gastbeitrag | Kritik

Hinter dem Museum

Visuelle Reflexion kuratorischer Praktiken in Berlin

von Susana Sáez de Guinoa Waltinger

OUTLINERS
05. März - 25. März 2006
Finissage Sa. 25. März 19 Uhr
arttransponder e.V. Projektraum, Berlin

Ausstellungsteilnehmer/innen:
Stéphane Bauer - Kurator
Zorka Lednarova - Künstlerin & Kuratorin
Caroline Lund - Künstlerin & Kuratorin
Doreen Mende - Kuratorin
Shaheen Merali - Künstler & Kurator
Christoph Tannert - Kurator
Konzept & Organisation: Sencer Vardarman

Farbige Linien laufen über den Boden und die Wände des Ausstellungsraumes und zeichnen geometrische Formen wie Quadrat, Dreieck, Rechteck und Kreis nach. Nur selten brechen die Linien aus dem geometrischen Kanon, das in seiner minimalistischen Anordnung an die konkrete Malerei eines Piet Mondrian erinnert. Mondrian war Mitbegründer der De Stijl Bewegung, die es sich zum Programm machte, die gestalterischen Grundmittel - Linie, Fläche, Farbe, Proportion und Raum - systematisch zu durchdenken und in ihrer ästhetischen Wirkung zu erproben.

Doch was der Besucher derzeit im Projektraum arttransponder e.V. in der Brunnenstrasse 151, Berlin, zu sehen bekommt, hat kaum mit den puristischen Forderungen einer Malerei zu tun, die sich auf ihre Grundbedingungen zurückbesinnt. Mit der Ausstellung OUTLINERS inszeniert der türkische, in Berlin ansässige Künstler Sencer Vardarman eine räumliche Ausstellungssimulation, die das Verhältnis zwischen kuratorischer Praxis und künstlerischen Arbeit thematisiert.
Das was jede Linie auf Wand und Boden umkreist ist der Verweis auf ein Werk, das ein Kurator an dieser Stelle zur Hängung vorgesehen hat. An die Stelle der Umsetzung von Ausstellungsentwürfen tritt eine visuelle Abstrahierung der kuratorischen Tätigkeit, die damit zu einem gestalterischen Akt wird.

Die Ergebnisse der jeweiligen Ausstellungskonzepte werden in Form von farbigen Linien dargestellt, die den Ort der ausgewählten Arbeiten umreissen. Die Wirkung im Raum ist, als hätte man Flächenpläne vergrößert und über den Raum gelegt. Jedem Kurator ist eine Farbe zugewiesen. Die Umrisse der Kunstwerke sind mit Schildern versehen, die auf ein Künstlerarchiv verweisen, der in der Ecke des Ausstellungsraumes steht. Die Umsetzung der verschiedenen Ausstellungskonzepte entsteht somit erst in der Imagination des einzelnen Besuchers.

Auf Einladung Vardarmans haben sechs in Berlin arbeitende Kuratoren und Kuratorinnen ein Ausstellungskonzept entworfen das auf die Räume des Projektraumes zugeschnitten ist. Während das Thema der Ausstellung jedem Kurator frei zur Wahl stand, sollte bei der Künstlerwahl auf ein von Vardarman geführtes Künstlerarchiv zurückgegriffen werden das seit 2004 als Kernstück der Informations-und Kommunikationsplattform Berliner Pool besteht. Der Berliner Pool ist als übergreifendes Kommunikations- und Informationsforum für Künstler, Kuratoren und allgemein Kunstinteressierte unter der Federführung von Vardarman entstanden und wird durch einen wöchentlichen Newsletter und einem Index im Internet ergänzt, die über Veranstaltungen, Ausschreibungen und Künstlerinitiativen informieren.
Der theoretische und praktische Hintergrund des Berliner Pools ist es, frei schaffende Künstler in einem Netzwerk zusammenzuführen, um durch die Bündelung von Interesse zielgerichteter auf dem offenen Kunstmarkt agieren zu können. So greift Vardarman auf eine Praxis zurück, die in der Wirtschaftswelt bei Konzernen längst Usus ist. Unüblich beim Berliner Pool jedoch ist, dass es diesmal ein Künstler ist, der sich zum Kunstagenten erhebt, der gleichzeitig als Künstler im Archiv vertreten ist.

Was auf dem ersten Blick als spielerischer Rollentausch zwischen Künstler und Kurator, Künstler und Agent anmutet, ist eine subtile Reflexion über die Mechanismen im Kunstmarkt und dem Stellenwert, den heute die kuratorische Praxis einnimmt. Richtungsweisend für diese Tradition könnte exemplarisch Marcel Broodthaers erwähnt werden, der sich mit den grobstofflichen Elementen musealer Einrichtungen auseinandersetzte. Mit Rekonstruktionen einzelner Museumsabteilungen warf er einen ebenso kritischen wie ironischen Röntgenblick in die Maschinerie des Ausstellungsbetriebes. Sein in dieser Hinsicht
zentrales Werk, das Musée d´Art Moderne, Département des Aigles, das er 1968 in seine private Wohnung setzte, bestand aus dem Nachbau einzelner Museumsabteilungen, die ein Werkinventar, Dokumente zur Verwaltung, Bilderkisten, Hinweisschildern und Bilderrahmen von Kunstwerken beinhalteten. Alles materielle und bürokratische Beiwerk des Kunstbetriebes wurde zum Thema erhoben. Den Kunstwerken gedachten lediglich leerstehende Ausstellungsflächen und Hinweisschilder, auf denen zu lesen war: "Dies ist kein Kunstwerk." Broodthaers hatte in diesem Projekt alle Funktionen inne, die man in einem Museum ausüben kann. Er war PR-Agent, Kurator, Schatzmeister, Kassierer und Geschäftsführer in einem. Er sagte, sein Ziel sei es, "eine kritische Überlegung darüber nahezulegen, wie Kunst in der Öffentlichkeit präsentiert wird."

Auch OUTLINERS ist eine Ausstellung über das Ausstellen, die narzisstisch um sich selbst kreist. Weniger die grobstofflichen Elemente interessieren Vardarman als die Kräftepotentiale, die das Wesen des Ausstellungsbetriebes ausmachen. Der Titel der Ausstellung ist Programm. "To outline" bedeutet umreissen, aber auch zusammenfassen, abstrahieren; eine gelungene Metapher für das, was kuratorische Praxis ausmacht. Das Substantiv "outline" steht dementsprechend für Abstrakt, Zusammenfassung und Umrisslinie. Jedes kuratorische Konzept, so extensiv und multiperspektivisch es auch angelegt sein mag, kommt nicht umhin, nur einige Sichtweisen unter zig Möglichkeiten einzunehmen. Eine Ausstellung bleibt eine Zusammenfassung, eine Umrisslinie künstlerischer Praktiken, und ist eine Manipulation darüber hinaus.

Es sind in der Regel die Künstler, die um das Interesse von Kuratoren buhlen und auf Einladungen zur Teilnahme an Ausstellungen hoffen. Diesmal ist es der Künstler, der Kuratoren einlädt, an einer Ausstellung zu partizipieren. Durch die Verschiebung wird ersichtlich, wie künstlerische Arbeiten zwangsläufig durch das Eingreifen kuratorischer Konzepte manipuliert werden. Jede künstlerische Position wird dadurch beeinflusst, wie sie sich im Raum plaziert und welche Werke in ihrer unmittelbarer Nähe stehen. Bazon Brock warf kürzlich in einem Berliner Vortrag Kuratoren vor, sie erhöben sich zu gottähnlichen Wesen, indem sie mit Kunstwerken wie mit Spielfiguren umgingen. Übersehen hat Brock in seinem Urteil, dass Kuratoren wie alle anderen im Kunstbetrieb involvierten aus einer hierarchischen Struktur heraus agieren, deren Motor die Angst ist.

Noch nie stand der Kunst- und Kulturbetrieb derart im Rampenlicht der Öffentlichkeit wie heute. Im Wissen um das Geld und Prestige, um das es geht, steigt auch die Angst aller Beteiligten. Die Kuratoren haben Angst vor Sammlern, Schatzmeistern, uneinsichtigen Kunstkritikern und der Öffentlichkeit überhaupt. Künstler haben Angst vor Kuratoren, dass sie nicht beachtet, und wenn sie beachtet, falsch beachtet werden. Sammler sind insofern die bunten Vögel der Kunstszene, als sie im Gegensatz zu den meisten der Kunstschaffenden und Kunstvermittlern über Geld verfügen, von dem die anderen nur träumen können. Doch auch sie treibt die Angst. Angst, auf den falschen Galeristen zu hören und Künstler falsch einzuschätzen. Die Werke von Künstlern werden heute wie Aktien gehandelt, die mit den Äußerungen einiger wenige in ihrem Wert steigen und fallen.

Vardarman spielt viele Facetten des Ausstellungsbetriebes an. Die Substantivierung in der Mehrzahl des Verbes "to outline" zu "outliners" ist eine Eigenkreation des Künstlers, die an die durch den gleichnamigen Hollywoodfilm zu Kultfiguren erhobenen "outsiders" erinnert. Wenn heute ein Kunstwerk in einem Auktionshaus für ein Wert von 20.000 Euro unter den Hammer kommt, bekommt der Künstler davon 1000, es sei, eine Sonderregelung wurde abgeschlossen. Unter diesen Bedingungen bleiben der Gros der Künstler Randfiguren einer Gesellschaft, die immer mehr Aufsehen um die Kunst macht.

arttransponder e.V. Projektraum
Brunnenstrasse 151 - 10115 Berlin
++49 30 30642400

Gastbeitrag, 21.03.06 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor

 

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