Markus Wirthmann | Kritik
Wir in der Tosa-Klause
KLAUSE
Thomas Demand
Galerie Esther Schipper, Berlin
1. April bis 6.Mai 2006
KLAUSE & Apokalypse
Max Beckmann feat: Thomas Demand
Museum für Moderne Kunst, Frankfurt am Main
25. März bis 27. August 2006

Für das WIR-Gefühl in der Küche der Tosa-Klause sorgt nur die schick reflektierende Diasec-Oberfläche der Fotoarbeiten.
Schon seit ich das erste Mal eine Papierarbeit von Thomas Demand gesehen hatte, damals noch beim Akademierundgang in Düsseldorf, und noch nicht schick per Diasec hinter Plexiglas gefangen sondern im Original, 3-D, waren mir diese von Materialeigenschaften und -farbe des verfügbaren Papiersortiments erzwungen abstrahierten Gegenstände sehr nah. Ich schätze den pragmatischen Umgang mit Material und hatte Spaß am Einfallsreichtum, mit dem Thomas Demand die Beschränktheit seiner Mittel mit großer kunsthandwerklicher Fertigkeit unterlief.

Auch hier: Galeriepublikum in der Klause per Reflektion.
Die Fragilität des Materials forderte den Übergang von der Plastik zunächst zur dokumentarischen, dann zur inszenierten Fotografie. Der Rest ist Geschichte: Thomas Demand gehört seit Jahren zu den gefragtesten Künstlern unter den Fotografen.
Die große Faszination seiner mittlerweile ganz dem Tafelbild verpflichteten Arbeit hängt sicherlich mit der aseptischen Kühle seiner Bildwelten zusammen, die zum größten Teil der dem Material geschuldeten Unbelebtheit (ich möchte mir gar kein aus Papier gefaltetes Menschlein vorstellen!) geschuldet ist und, zumindest bis zu Jurassic Park, ähnlichen Pragmatismen unterworfen war wie die Computer gestützte Bilderzeugung. Und dieser Hahnenkampf hat in den Neunzigern Demands Arbeiten eine weitere Nuance hinzugefügt: Der Kampf mit Polygonen und Mappings war einfach nicht so charmant wie aus Fliespapier gefaltete Alltagsdingelchen.

Diesmal ganz unreflektiert: mitfotografiert
Doch nach der x-ten Demand Ausstellung und dem unwiderruflichen Davonziehen der Computer gestützten Ikonenerzeugung in Flora, Fauna und was-weiss-ich-noch-alles scheint die kühle Präzision der Demandschen Bastelarbeit zur Attitüde erstarrt. Er hat alles drauf: sich im Wind wiegendes Gras und diverses Getreide, Topfpflanzen im Saft oder, wie in der Ausstellung zu sehen, verdorrt und hängend; Efeu und anderes Geläub, allerlei Technisches wie Haushaltsgegenstände oder Einwegfeuerzeuge. Und natürlich Architektur. Alles aus Pappe und Papier mit buchhalterischer Genauigkeit gefaltet und gebogen. Schließlich perfekt ausgeleuchtet und abgelichtet: dann Diasec.

Und hier: Alle unreflektiert; echt sozusagen.
Inhalt muss her! Und das nun auch schon eine ganze Weile: Über Hitlers Raum, Leni Riefenstahls Archiv, Uwe Barschels Badewanne und Die Küche Saddam Husseins hat Thomas Demand sich mittels trivialisierter Tabu-Ikonen an die Gegenwart herangearbeitet. Augenblicklich letzter Schritt in Richtung auf die Bild-Zeitungs-Gegenwärtigkeit ist die derzeitige Ausstellung Klause im Museum für Moderne Kunst, Frankfurt, und der Galerie Schipper, Berlin, wo fünf Innen- und Außenansichten der Tosa-Klause, einem Tatort der übelsten und von den Medien am schamlosesten ausgeschlachteten Kinderschänder-Verbrechen der letzten Jahre gezeigt werden.
Die Ausstellung in Frankfurt bietet noch den unschätzbaren Besucher-Mehrwert eines mit dem Werk Thomas Demands assoziierten Beckmann-Zyklus. Der beschäftigte sich darin mit einem anderen größten Verbrechen, hatte aber immerhin die historisch bedingte Gnade, dass es die Bild-Zeitung noch gar nicht gab.
Markus Wirthmann, 04.04.06 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor
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