Max Glauner | Kritik
Palimpsest0602 - 02 Eisberge - Poitr Nathan in der Galerie Magnus Müller
Galerie Magnus Müller, Berlin
17.03. - 05.05.2006

„Eisberg, im Meer schwimmende große Eismasse, entstanden durch Abbrechen (Kalben) der ins Meer verschobenen Gletscherenden oder des Inlandeises, durch Auftürmen von Packeis. Durch Stauen der Eisberge und Eisfelder auf Untiefen des Schelfs entstehen Blaueis, geschichtete Tafelberge von blauer Farbe mit polierter Oberfläche. Eisberge, bis 1 qkm groß und mehr, bis 50 m hoch und mehr, kommen bis etwa zum 40. Breitengrad vor und bilden eine ernste Gefahr für die Schiffahrt, zumal nur 1/9 ihrer Masse über der Meeresoberfläche aufragt.“ Brockhaus

Für den Berliner Künstler Piotr Nathan wurde spätestens mit dem Fund einer alten Lithografie, die einen Eisriesen mit winzigen Männchen darauf zeigt, das Naturphänomen der gewaltigen und doch ebenso ephemeren Riesen nicht nur Motiv und ein Bild für gescheiterte Hoffnungen der Moderne, sondern vor allem Metapher gelebter und ungelebter Sehnsüchte und Triebe. Vielen ist Piotr Nathan noch durch seine raumgreifende Arbeit, „Die Weberei der Düfte“ auf der letzten Berlinbiennale bekannt. Er montierte mit pornographischen Motiven gravierte Hartschaumplatten an die Wände des Martin-Gropius-Baus. Nun präsentiert sich Piotr Nathan zum ersten Mal in seiner neuen Galerie Magnus Müller. Der Titel der Einzelausstellung, „new and old work“ verrät hier weniger sprödes Understatement als ein wesentliches Arbeitsprinzip: ein unabgeschlossenes Work in Progress, das ältere Arbeiten und Motive transformiert. So entpuppt sich die elegante Flügelform aus blau lackierten Holzsegmenten, die mit Messingplättchen vom Baumarkt zusammengeschraubt wurde und nun an der Wand der Galerie angebracht ist, als eine zersägte und zu einem verführerischen Schwung geformte Toilettentür aus einer schwulen Klappe, wie man sie aus früheren Arbeiten Nathans kennt. Die reliefartige Skulptur springt übermütig aus der Wand, als wolle sie die Verheißungen von Graffitis und Glory Hole noch einmal überbieten. Sie bildet in der Ausstellung das Scharnier zu einer Serie kleiner, ephemerer Wandarbeiten, für die Piotr Nathan bisher noch keinen Titel gefunden hat: Ein Schwarm abstrakter Engel, die kurzfristig an der Wand Rast gemacht haben. Piotr Nathan zerschnitt für den Modellbau hergestellte Hartschaumplatten in ca. 2 x 3 cm große Rechtecke und addierte sie mithilfe von Stecknadeln zu bauchig- dreidimensionalen Körpern. So erinnern sie nicht nur an ihre großen Brüder, die fragmentierte blaue Tür und das monumentale erotische Relief aus der „Weberei der Düfte“, sondern ganz unmittelbar an kleine Pilzgeflechte oder Kristalle, wie sie in zu feuchten Räumen sich bilden. Wie der Eisberg auf dem ihnen gegenüber gezeigten Öl- Gemälde aus einer Serie aus dem Jahr 2001 indizieren sie einen bloß vorübergehenden Aggregatzustand des Materials. Ebenso transitorisch gibt sich der Ausschnitt aus einer neuesten Serie nahezu gleichformatiger, düster- expressiver Ölbilder, die entfernt an Paul Klee oder auch August Strindberg erinnern. Einerseits Protokoll eines Seelenzustands sind sie andererseits vor allem Erkundungen malerischer Möglichkeiten, ein Ausdruck der Verweigerung nur zu funktionieren.
„Wenn ich male, male ich immer nur das eine Bild,“ bemerkt Piotr Nathan ironisch. Denn wie die große Masse des Eisbergs unter der Meeresoberfläche verschwindet, bleibt das eine, wahre Bild immer hinter dem gesehenen Bild verborgen.

Max Glauner, 25.04.06 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor
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