Markus Wirthmann | Kritik

Wild Wedding

Galerie Livebomb, Berlin
Aktuelle Ausstellung: Klaus Jörres - FORM FOLLOWS FUNKTION (more or less)
12. bis 28. Mai 2006

"Ey, bei mir ham se gerade versucht einzubrechen - so vor zwei Stunden ... habt Ihr was bemerkt?" Der Betreiber des Internet-Wett-Ladens ist echt nicht froh und dem Nachbarn von der anderen Seite dräut auch schon Übles durch die nationale Verschwörung schwerstnationaler Kräfte in nationalen Amtsstuben, der er durch Mobilisierung solidarischer Kräfte begegnen will: "Am besten ´ne Atombombe auf Deutschland ...". Ansonsten: Autoschrauber, Moscheen, Berber Salonu und viel Testosteron unter Basecaps auf der Straße. Berlin-Wedding.

Schon seit ein paar Jahren tut sich da was mit Kunst im Westbezirk Wedding. Ehemals Arbeiterviertel mit Lokomotiv-Fabriken und AEG-Stammsitz mittendrin. Roter Wedding. Jetzt eher grün wie der Koran. Hier gibt´s auch noch die Zweizimmerwohnung mit Ofenheizung und Klo auf halber Treppe - in der Zeitung steht "Problembezirk" - und Pisa ist ´ne Stadt in Italien.
Aber wie gesagt, es tut sich was: Vor zwei Jahren zog die Galerie Guido W. Baudach aka Maschenmode an den Leopoldplatz und verschob dabei die Grenze des Kunst-Raumes mal ganz deutlich über die Mitte-Linie. Einige Zeit länger arbeiteten die örtlichen Wohnungsbaugesellschaften an der SoHoisierung* des Areals und lockten allerlei Künstler- und Studentenvolk mit günstigsten Mietkonditionen in den Kiez.

Für Fridey Mickel, eine Amerikanerin, die vor fünf Jahren nach Berlin geriet und eigentlich per Zufall im Wedding hängen blieb, wie sie sagt, und Esther Nolte ihre Co-Galeristin und ebenfalls Wahl-Weddingerin, spielen die Anstrengungen der Investoren keine große Rolle - obwohl sie natürlich von dem neuerlichen Interesse an der Gegend zwischen Pank- und Seestraße profitieren (Judy Lybke soll hier auch schon regelmäßig patroullieren. Kommt ihm warscheinlich bekannt vor: Sieht genauso aus wie vor fünfzehn Jahren in der Auguststraße). Platz ist genug da und ist auch noch billig zu haben - vorausgesetzt man nimmt fast alles selbst in die Hand und gibt sich nicht verwöhnt, was den Zustand des Baukörpers und der sanitären Bedingungen angeht: Toilette im Kaffee Schmidt, drei Häuser weiter - aber die liefern ja auch das Eröffnungsbier.
Dabei haben sich die Galeristin und ihre Partnerin noch einiges vorgenommen: Sechsunddreißig Ausstellungen in diesem Jahr - "man kann ja schlecht Nein sagen, wenn man so viele interessante Sachen angeboten bekommt ..." Und dass es nur sechsunddreißig werden liegt an der geplanten längeren Sommerpause.

Klaus Jörres, der die fünfte von 36 geplanten Ausstellungen dieses Jahres bestreitet, sieht den Ausstellungsbedingungen gelassen entgegen. Die Legende vom "White Cube" ist ganz offensichtlich an der Galerie vorbeigegangen und so lässt Jörres ganz einfach zu, dass die schrullige Behelfs-Beleuchtungs-Installation der Galerie den Dialog zu seiner sperrmülligen Skulptur "Heute ohne Inhalt" aufnimmt. In dieser Konfrontation ist das ein gewagtes Spiel und meiner Meinung nach obsiegt hier der freundliche Dilettantismus der Galerie-Elektriker über den süffisanten Zynismus des Kunstschaffenden. Da hilft auch das grellrote Warnlicht an der Skulptur nicht.

Die beiden anderen, grafischen Arbeiten können sich da besser behaupten: Sie verhindern schon mit scharfem, industriellem Rechteckformat und konzeptueller Kühle ihre Vereinnahmung durch Verunklärungen baulicherseits.
"Wrong Context" - falscher Zusammenhang - führt buchstäblich und augenscheinlich vor, wie wir uns tagtäglich im Infotainment umherbewegen: Text und Bilder einer Zeitungsseite werden devot von der Druckoberfläche gesaugt und an der Großhirnrinde vorbei irgendwo hinter den Spinnweben abgelegt. Nur der in diesem Fall "right context" der Ausstellung verhindert das sofortige Einsortieren und Ablegen: Der Titel der Arbeit bezieht sich auf eine Abbildung, die sich, so´s der geneigte Leser denn überhaupt bemerkt, zumindest im inhaltlichen Kontext des betreffenden Artikels, im falschen Zusammenhang befindet.

Nummer drei: ein horizontal streifiges Etwas ohne Titel in der Unfarbigkeit klassischer s/w Fotografie und der unverkennbaren Präzision des Apple Macintosh: Auf jeden Fall ein Bild; Malerei. Oder zumindest die Erinnerung daran. Vielleicht auch wieder ein falscher Zusammenhang. Egal. Auf alle Fälle setzt sich diese Arbeit am stärksten gegen Raum und Areal und Kiez zur Wehr und verhindert mit einer Verankerung im Traditionellen, dass diese Ausstellung hinten überkippt und vom Provisorischen erschlagen wird.

Der Ausstellungstitel "Form Follows Function" trifft irgendwie und jeweils anders auf alle drei Arbeiten zu - und auf die ganze Ausstellung sowieso - more or less.

* Konversion nach dem Vorbild von SoHo in London und New York: Erst die Künstler dann die Kohle.

www.lifebomb.de

Markus Wirthmann, 15.05.06 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor

 

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