Markus Wirthmann | Kritik

Leistungsschau des nationalen Karnickelzüchterverbandes

ANSTOSS BERLIN - Kunst macht Welt
22. Juni bis 17. September 2006
Haus am Waldsee, Berlin

Franz Ackermann, Norbert Bisky, John Bock, Candice Breitz, Michel de Broin, Angela Bulloch, Janet Cardiff & George Bures Miller, Björn Dahlem, Tacita Dean, Marcel van Eeden, Olafur Eliasson, Thomas Eller, Michael Elmgreen & Ingar Dragset, Ayse Erkmen, Simon Faithfull, Valerie Favre, Thomas Florschuetz, Adib Fricke, Bernard Frize, Christine De la Garenne, Katharina Grosse, Asta Gröting, Mona Hatoum, Eberhard Havekost, Stuart Haygarth, Swetlana Heger, Arturo Herrera, Olav Christopher Jenssen, Takehito Koganezawa, Clemens Krauss, Via Lewandowsky, Thomas Locher, Robert Lucander, Melanie Manchot, Rémy Markowitsch, Jonathan Meese, Björn Melhus, Jonathan Monk, Joel Morrison, Frank Nitsche, Manfred Pernice, Daniel Pflumm, Bettina Pousttchi, Quin Yufen, Thomas Rentmeister, Gerwald Rockenschaub, Miguel Rothschild, Anri Sala, Karin Sander, Albrecht Schäfer, Shimabuku, Tino Sehgal, Ann-Sofi Sidén, Markus Sixay, Florian Slotawa, Rirkrit Tiravanija, Till Velten, Corinne Wasmuht, Peter Welz


Vor Ort: Monopol auf der Jagd nach dem Leser

Um es gleich eingangs mal klipp und klar festzuhalten: Sämtliche Kunstwerke in der Ausstellung haben eine sehr hohe Qualität – wie es sich bei guten Markenartikeln, um die es sich hier überwiegend handelt, gehört. Kein Experimentieren mit ungewöhnlichen Formen oder Formaten, kein site specific Rumgehampele oder politisch motiviertes Genörgele, auch kaum verrottendes oder stinkendes Altlastengebastele. Alles allerfeinste Galerieware in handhabbaren, meist haltbaren und messetypischen Formaten. Die Künstler haben durchwegs eine kleine, feine Kostprobe ihres Schaffens, in dieser Auswahl meist auch im Zenit ihres Markterfolges, abgeliefert.

Und alle sind besoffen vom nationenübergreifenden Berlin-Patriotismus. Die Kuratoren, die Künstler, das Publikum und die Presse, alle scheinen im Geiste einzustimmen in das Gegröhle der Fußballfans, befeuert vom aktuellen Abschneiden der Fußball-Nationalmannschaft nur noch von der Fahrt nach Berlin, dem Schauplatz des Endspiels mit erhoffter deutscher Beteiligung, delirierend. Die Laola-Welle ist überall. Wir sind Exportweltmeister, Papst, Ball und ganzzuförderst auch Kunst.

Der irrsinnige Boom des Kunstmarktes und die Machtverschiebung innerhalb des Kunstsystems zugunsten des Kapitals, vertreten durch Sammler und Galeristen, hat alles einigermaßen umgekrempelt: Wenn vor einigen Jahren noch experimentiert wurde, das Forschen nach Form und Inhalt einen hohen Stellenwert bei Künstlern und Ausstellungsmachern hatte, gilt jetzt anscheinend allein das Gesetz des Markterfolgs. Gerade Institutiönchen wie das Haus am Waldsee sind aber in der Vergangenheit mit ganz anderen Konzepten zu Ruhm gekommen. Man kann sich mit der Ersten Henry Moore Ausstellung im Jahr 1951 rühmen und "Heftige Malerei" war vermutlich die Initialzündung für den Erfolg der "Neuen Wilden" und der Beginn des Kunst-Booms in den 80er Jahren.

Na klar, die Achtziger-Blase kam auch zu einem baldigen Ende und von den allermeisten der damaligen Protagonisten spricht heute aber wirklich niemand mehr. Vielleicht sollte man sich diese Erkenntnis mal ganz vorne auf der Zungenspitze zergehen lassen, bevor man sich als Papst, Ball und Kunstweltmeister in die Arme fällt.

Wie schon gesagt, keine schlechte Schau. Aber keine Ausstellung.


Zum ergänzenden Studium:

"Eine solche Name-Dropping-Show wäre unanständig parvenühaft, käme sie von offizieller Seite - die Stadt hat ja nicht eben viel für die Lebens- und Arbeitsmöglichkeiten der Künstler hier getan. Doch ein Haus am Stadtrand, das sich ins internationale Geschehen wirft - da bekommt die Sache gleich einen milderen Geschmack. Für das Haus am Waldsee ist "Anstoß Berlin" das größte Projekt seit Jahren. Das ehemals kommunale Kunsthaus, in dem nach 1946 mit Picasso, Henry Moore und Juan Miró die internationale Moderne zu Gast war, hat schwierige Zeiten hinter sich, in denen der Fortbestand als Ausstellungsort nicht gesichert war. Vor zwei Jahren übernahm ein Förderverein die Trägerschaft vom Bezirk, der zwar bis 2009 noch 2,5 Stellen bezahlt, aber nichts fürs Programm übrig hat. Die Gelder für "Anstoß Berlin" kommen vom Hauptstadtkulturfonds. Die Ausstellung soll wie eine Visitenkarte funktionieren, um auch in Zukunft mit der Unterstützung von Spendern und Sponsoren weitermachen zu können. Motto: Mit diesen Künstlern kann man sich sehen lassen."

Die tageszeitung vom 22.06.2006


"Künftig möchte sie neben der Kunst- auch die aktuelle Entwicklung in Design und Architektur verfolgen. Drei Jahre hat sie zunächst dafür Zeit, dann steht der Pachtvertrag mit dem Bezirk zur Erneuerung an. Bis dahin muss es Blomberg gelingen, dem Haus am Waldsee neue Ausstrahlung zu geben im oft als undurchsichtig erlebten Berliner Galeriendschungel."

Deutschlandfunk Kultur Heute vom 19.06.2006


"Nur zu gerne möchte man bei "Anstoß Berlin" eine gemeinsame Perspektive finden. Doch das fällt schwer. Selbst Blomberg, die mit Sabine Bartelsheim die Auswahl traf, kann die Kriterien kaum formulieren: "Nicht laute Performance, sondern leise Zwischentöne. Alles, was die Sinne schult.""

Der Tagesspiegel vom 22.06.2006

Markus Wirthmann, 26.06.06 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor

 

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