Gastbeitrag | Kritik
Nachtrag zur Melancholie
Von Christian Hufen
Stefan Heyne: Tatort. Fotografien.
Galerie Blickensdorff, Berlin
noch bis 03. Juni 2006

Rummel 1, 2005, Fotografie auf Aludibond, 125 cm X 188 cm
Der Melancholiker ist nach klassischer Vorstellung ein Mensch, der zum Pessimismus neigt. Seine Lebensauffassung wird eher von Gefühl und Stimmung, als von Wille und Tat bestimmt. Dürer und Caspar David Friedrich machten die Melancholie zum Thema deutscher Kunst – eine Tradition, der auch die neue Leipziger Malereischule anhängt. Alte Tapeten und Erinnerungen an Vollbeschäftigung mit Fortschrittsgläubigkeit ersetzen bei ihr die Mönche und den Monduntergang der Romantik. Das melancholische Temperament wird dabei für kollektive Projekte vereinnahmt: der aktuelle Retrokult konzentriert sich auf Traumaverarbeitung & Vergangenheitsbewältigung.
Die Fotografien von Stefan Heyne (geb. 1965) vermitteln eine andere Vorstellung von Melancholie. Es sind düstere Bilder von Dingen und Orten, die jeder kennt. Nur verbirgt sich dahinter keine Geschichte, weder ein Verbrechen noch irgendeine Biografie. Heyne zeigt unspektakuläre Situationen, beinahe Alltagsszenen, allein Menschen kommen darin nicht vor; überhaupt fehlen alle Anzeichen von Leben. Das aber ist kein Anlaß zur Traurigkeit. Nichts läßt auf Depressionen schließen. Die Leere und Stille dieser Szenen erscheint gewollt, sie wirkt sogar einladend. Hier könnte sich melancholische Stimmung entfalten.

Tisch, 2005, Fotografie auf Aludibond, 31 cm X 20,6 cm
Vorausgesetzt, etwas rührt einen an. Heyne gelingt dies durch die Auswahl seiner Motive und Details sowie die Art, wie er diese zur Erscheinung bringt. Die Tischkante in Augenhöhe, der Carport eines Einfamilienhauses bei Nacht, ein ICE-Fensterplatz mit Alpenblick u.a.m. – solche Aufnahmen sind eher zufällig entstanden. Ihre Ausstrahlung hingegen beruht auf einer Reihe bewußter und sicher auch instinktiver Entscheidungen. Der Fotograf bevorzugt moderne Formen von selbstverständlicher Eleganz, sein Desinteresse an Design und Pop ist auffällig. Schon dadurch stellt sich Distanz her.
Heyne dünnt den Informationsgehalt und Unterhaltungswert zeitgenössischer Bilder systematisch aus. Er fotografiert nur Fragmente oder Zwischenräume und hantiert dabei mit Unschärfen, so daß Oberflächen, Körperkonturen und Raumgrenzen verschwimmen. Es gibt bei ihm keinen Horizont, auch keine Lichtquellen zu sehen. Viele Aufnahmen sind nachts entstanden, mit Blitzlicht. Es erhellt schlaglichtartig Einzelheiten, die dann aus dem Dunkel hervorzutreten scheinen. Der Bildraum auf den Abzügen wirkt flach und geheimnisvoll, modellartig, wie eine halbbeleuchtete Bühne ohne Theaterbetrieb.
Seine Vorstellung von Fotografie ist die starke Position eines Außenseiters. Die sorgfältig konzipierte und arrangierte Dokumentation von Personen und Lebenswelten, wie sie die Düsseldorfer Becher-Schule vertritt, beurteilt Heyne skeptisch. Er sieht sie als Beitrag zu einem Kult des Sichtbaren, von Gegenwart und Gesellschaft zumal, der ihm fremd geblieben ist. Seine Neugier gilt nicht der Oberfläche einer Erscheinung, sondern deren Evokation. Er versucht nicht, die Dinge als solche, sondern deren Aura abzubilden. Gewissermaßen den Schwebezustand zwischen der Idee einer Sache und ihrer konkreten Form.
Nicht alle Fotografien von Heyne sind auf Anhieb als solche zu erkennen. Nur im Vorbeigehen und auf den ersten Blick betrachtet haben manche Arbeiten eher den Anschein von Belanglosigkeit. Läßt man sich auf den Sog ein, den die Arbeiten von Heyne ausüben, gelingt ihm in den mittleren und kleinen Formaten, mehr noch als in den Großen, etwas ganz Erstaunliches.
Auratische Formen und subtil ausgesteuerte Tonflächen sind hier, ebenso wie Liniendynamik und Bildtektonik, in ein maßvolles und spannungsreiches Gleichgewicht gebracht. Wo alle Elemente des Bildes ein Ganzes bilden, eine künstlerische Komposition, kommen auch Details bestens zur Geltung, die den besonderen Reiz dieser stillen Fotografien ausmachen. Etwa die lichte Oberkante in der Komposition „Tisch“ (2005; dreiteilige Edition). Durch ihre Unschärfe gleicht sie einer mit Pastellstift gezogenen Farbspur. Das suggeriert eine duftige Oberfläche und erzeugt die Illusion von körperlicher Präsenz. He_nes Fotografien kommen dem Betrachter näher und bleiben vermutlich auch länger gegenwärtig als vieles, was Authentizität und Aktualität vorspiegelt.
Stefan Heyne: Tatort. Fotografien. Ausstellung in der Galerie Blickensdorff, Berlin-Mitte, Auguststraße 65. 28.04.-03.06.2006. Geöffnet Di-Fr 14-19 Uhr, Sa 12-17 Uhr. Der aktuelle Katalog von Stefan Heyne, erschienen im Salon Verlag, Köln, enthält Texte von Christoph Tannert und Gerhard Gamm.
Gastbeitrag, 01.06.06 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor
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