Max Glauner | Essay
Palimpsest0602 - 05 Undine singt
Was it real, was it in my dreams? – Susan Philipsz Klanginstallation Follow me zur bb 4 auf dem Garnisionfriedhof
Die 4. berlinbiennale geht, das sonambiente-Festival für Klangkunst kommt. So gering die Klangkunst auf der Biennale vertreten war, markierten zwei Arbeiten, die sich vor allem auditiv erschlossen, symbolisch den Eingang und den Ausgang der Auguststraße: Nach Westen Kris Martins blind klappernde Anzeigetafel in der St-Johannes-Evangelist Kirche und nach Osten Susan Philipsz Lautsprecherinstallation "Follow me" auf dem Alten Garnisonfriedhof. Beide Arbeiten waren keine Auftragswerke. Kris Martins "Mandi III" entstand 2003, Susan Philipsz Installation "Follow Me" 2004 für den Moryon-Park in London, in dem Michelangelo Antonioni Teile seines legendären Film "Blow Up" gedreht hatte. Dennoch stellten beide Arbeiten – jenseits der Intention der Künstler – einen signifikanten Bezug zu ihrer Umgebung her, der Kirche einerseits, dem Friedhof andererseits. Dabei erzeugen sie einen Bedeutungszusammenhang, der weit über die spezifische Arbeit und ihren Ort hinausweist: Kris Martin zur Spiritualitätserfahrung frühchristlicher Mystik, Susan Philipsz zu einer nach wie vor aktuellen Geschlechterproblematik der deutschen Romantik.

Bei Kris Martin lässt sich der Zusammenhang kurz so skizzieren: Seine Anzeigetafel hängt über dem Ausgangsportal einer dem Evangelisten Johannes gewidmeten Kirche. 1900 geweiht weist sie weniger romanische als byzantinische Form auf und bezieht sich damit bewusst auf die Architektursprache der Ostkirche und einem ihrer spirituellen Zentren, dem Kleinasiatischen Ephesos, in dem der Legende nach nicht nur Maria, sondern auch Johannes verstorben sein soll. Das Johannesevangelium räumt dem Wort die nur Eingeweihten zugängliche schöpferisch-spirituelle Funktion schlechthin ein. Auf diese und den Evangelisten des Worts scheint Kris Martins blinde, unlesbare, aber hörbare Anzeigentafel zu verweisen.

Susan Philipsz Klanginstallation befand sich am anderen Ende der Auguststraße auf dem im 17. Jahrhundert angelegten Garnisonfriedhof auf dem Hauptweg zwischen Pförtnerhaus und Lapidarium der bis 1961 zu Bestattungen genutzten Grablage. An der einzigen Wegkreuzung waren an den vier nächststehenden Bäumen in drei Meter Höhe trichterförmige Lautsprecher – so genannte Philips-Hörner – angebracht, zu denen über den Rasen und die Stämme Kabel hinaufführten. Kam man hier zur rechten Zeit vorbei, hörte man aus einem der Lautsprecher eine Frauenstimme anfangen, leise und zart a cappella zu singen. Kurz darauf setzt eine zweite, sehr ähnliche mit dem gleichen Lied ein, und so fort bis über alle vier Lautsprecher die verhalten singenden Frauenstimmen – alle die von Susan Philipsz selbst – in einem Kanon vereint waren, der immer wieder zu der Liedzeile mit der Frage zurückkehrte: "Was it real, was it in my dreams?" Nach gut zwei Minuten klang das Lied mit einem allmählichen verstummen der einzelnen Stimmen aus. Erst nach zehn Minuten wurde, von der Besucherbewegung auf dem Friedhof unabhängig, der Kanon wieder hörbar. Von Susan Philipsz Klanginstallation ging ein eigentümlicher Zauber aus, der noch einmal den Ort beschwor und hervorhob – in seiner ganzen Ruhe, Sehnsucht und Trauer.

Vor drei Jahren zeigte Louise Bourgeois anlässlich ihrer Retrospektive "Intime Abstraktionen" in der Akademie der Künste im Hanseatenweg eine ähnliche sitespezifische Klanginstallation. Die Arbeit "C´est le murmure de l´eau qui chante" war nicht unmittelbar für diesen Ort entstanden – das gepflasterte Atrium der Akademie im Obergeschoß mit seinem seichten Teich. Zum ersten Mal war die Arbeit 2002 im Pariser Palais de Tokyo zu hören. Dennoch stellte schon der Titel der Arbeit, "Das ist das Murmeln des Wassers, welches singt", in Berlin einen Bezug zu seiner Umgebung her, der in Paris nicht zu wahrzunehmen war: dem offenen, "natürlichen" und zugleich umschlossenen, "künstlichen" Raum des Innenhofes mit seinen Steinplatten und dem schilfbestandenen Wasserbecken. Über sechs im Hof verteilte Lautsprecherboxen waren in einem Loop leise, ebenso a cappella vorgetragene und sich überlagernde Gesänge Louise Bourgeois zu hören, französische Volks- und Kinderlieder, sowie von der Künstlerin selbst geschriebene, wie der Kanon "C´est le murmure de l´eau qui chante".
Mit dem vom Gesang vom murmelnd singenden Wasser transformierte sich der Hof der Akademie mit seinem Teich in einen modernen Hortus conclusus und beschwor die darin befindlichen Geister, ja verkörperte sie. "Ein verschlossener Garten ist meine Schwester Braut, ein verschlossener Garten, ein versiegelter Quell", heißt es im Hohen Lied Salomo, ein Bild, auf das die christliche Mariensymbolik und ihre Transformationen in späteren Jahrhunderten ausstrahlen sollte. Bei den von Louise Bourgeois hervorgerufenen Wesen dürfte es sich mehr um Quell- und Elementargeister handeln. Über den Mediziner, Philosophen und Mystiker Paracelsus vermittelt, bevölkerten fortan vor allem diverse Wassergeister weiblichen Geschlechts, von den Sirenen bis zur schönen Melusine, die Vorstellungswelt der deutschen und europäischen Romantik. Man darf sich den Gesang der Louise Bourgeois durchaus als das Lied der klagenden Undine vorstellen.
Auch in dem vierstimmigen Kanon "Follow Me" von Susan Philipsz sang Undine. Die Klanginstallation verzichtete zwar bis auf die Lautsprecher an den Bäumen und dem Liedtext auf jede visuelle oder semantische Form. Aber diese ikonologische Zuschreibung konnte allein schon der Ort der Installation, der Garnisonfriedhof, nahe legen: 1843 wurde hier der Schöpfer der Undine Friedrich de la Motte-Fouqué begraben. Gut fünfzig Meter nord-westlich von Susan Philips Arbeit steht noch heute sein antikisierender Grabstein aus Sandstein mit einem Eisenkreuz als Abschluß.

Im gleichen Jahr wie Heinrich von Kleist, 1777, geboren, bringt Friedrich de la Motte-Fouqué im Jahr, in dem sich Kleist das Leben nimmt, 1811, seinen Bestseller "Undine – eine Erzählung" in Berlin heraus. Fouqué beschreibt darin die entsagungsreiche Geschichte der Nymphe Undine, die mit der erwiderten Liebe zu Huldbrand von Ringstetten erst zu einer Seele findet. Nach dem bürgerlichen Geschlechterschematismus vollzieht sich nun die Metamorphose Undines: Aus dem launenhaften, ungebrochenen Naturgeschöpf wird eine liebende und leidende Frau. Eines der herausragenden Begabungen Undines ist, betörend singen zu können, was sie allerdings nicht davor bewahrt, dass sich ihr Ritter von Ringstetten Bertalda zuwendet. Undine verliert damit wieder ihre zuvor in der Zuneigung Ringstettens gewonnene Seele und stirbt wie ihr Ritter notwendig unerlöst. Dennoch oder gerade darum schrieb sich hier ein Stoff, dem im 19. Jahrhundert an Popularität und Verbreitung kaum ein zweiter an der Seite stand. Bis 1881 erlebte das Buch mit der Undineerzählung Fouqués 24 Auflagen. Kurz nach ihrem Erscheinen brachte E.T.A. Hoffman 1815 eine erste Undine-Oper heraus, zu der Karl Friedrich Schinkel die Kulissen beisteuerte. Weitere Singspiele und Ballette sollten auch nach Fouqués Tod 1843 folgen. Jean Giraudoux, Hans Werner Henze, Ingeborg Bachmann – mit einem Schauspiel, einer Ballettmusik, einer Erzählung – sind nur die prominentesten Vertreter derer, die die Undine-Erzählung ins 20. Jahrhundert fortschrieben.

"With my work I am trying to bring an audience back to their environment, not the opposite. What I am trying to do is make you aware of the place you are in while heightening your own sense of self." Susan Philipsz.
Susan Philipsz erfuhr von der Grabstelle Fouqués und der Undinesage, erst nachdem sie ihre Klanginstallation auf dem Garnisonfriedhof eingerichtet hatte. Dennoch findet sich in ihrer Arbeit jenseits der zufälligen Platzierung ein mittelbarer Bezug zu Fouqués Undinenfigur. Die Arbeit Susan Philipsz bewegt sich wie die Sagengestalt zwischen den Sphären, zwischen Skulptur und Musikstück, Zerstreuung und Konzentration, Vergessen und Erinnern, Liebe und Trauer. Undine singt.

Für den Besucher blieb die Quelle des Liedes zunächst unbestimmt. Erst auf den zweiten Blick entdeckte er die Lautsprecher an den Baumstämmen. Die Anbringung der Philips-Hörner unterstrich den ambivalenten Status der Arbeit: Susan Philpsz hatte sie weder am Boden noch auf eigens dafür aufgestellte Masten montiert. So waren die künstlichen Schalltrichter auch Teil der natürlichen Stützen des Stamms – der Gesang schien direkt aus den Bäumen zu dringen. Wie eine Reanimation weiblicher Elementargeister erschien aber vor allem der Gesang, der geisterhaft zart aus dem Nichts kam. Wenige Sekunden nach der ersten setzte eine zweite, dann eine dritte und schließlich die vierte, zwar geübte doch unprofessionell singende Frauenstimme ein. Die Stimmen gehörten Susan Philipsz selbst, die den Liedtext "Happenings Ten Years Time Ago" und die dazugehörige Melodie von der britischen 1960er-Jahre-Rockband "The Yardbirds"– die Karriere von Eric Clapton begann dort – borgte und vier Mal über getrennte Tonspuren a cappella einspielte:
Meeting people along my way,
Seemingly alone one day,
But the reality of things,
That my dreaming always brings.
Happenings ten years time ago,
Situations we really know,
But the knowing is in the mind,
Sinking deep into the well of time.
Sinking deep into the well of time.
Walking through this place I see,
Things that mean a lot to me.
Why they do I never know,
Memories don't strike me so.
Memories don't strike me so.
It seems to me I've been here before,
The sounds I heard, and the sights I saw.
Was it real, was it in my dreams?
I need to know what it all means.
Happenings ten years time ago,
Situations we really know,
But the knowing is in the mind,
Sinking deep into the well of time.
Sinking deep into the well of time.
Es ist zu vermuten, dass Philipsz gerade darum einen Song der "Yarbirds" auswählte, weil sie als Ersatz für "The Who", die sie samt Zerstörung der Instrumente zu imitieren hatten, in "Blow Up" von Antonioni auftreten. Doch langsamer, im Kanon und ohne Instrumentalbegleitung, dazu im Außenraum vorgetragen, erinnerte der verhaltene Gesang Susan Philipsz mehr an ein Volkslied oder ein frühes Madrigal – eine musikalische Form der Epoche, die Kulisse und Idealsphäre für die Romane und Erzählungen Fouqués herstellte. Durch die Überlagerung der Stimmen war der Text der Melodie kaum verständlich. Hervorgehoben war allerdings eine Liedzeile, die – nicht ganz zufällig – eine Grunderfahrung romantischer Subjektivität formuliert: "Was it real, was it in my dreams?" Die Frage nach dem Status der Wahrnehmung von Realität und Traum durchzieht die gesamte Erzählung Fouqués. Das ungerichtete, verdrängte Begehren findet in der Figur der Undine bei Fouqué eine ambigue Inkorporation. Ihr wird in der romantischen Konstruktion der Geschlechterverhältnisse die ungezügelt bedrohliche Nachtseite, das Weibliche, zugeschrieben, das sich nur im selbstlos liebenden Entsagen zu erlösen weiß. Fällt die Klanginstallation von Susan Philipsz in diese romantische Konstruktion des Weiblichen zurück? Es lässt sich ebenso das Gegenteil vermuten: Gerade indem Philipsz das Material, Text und Melodie, aus einer Männerdomäne adaptiert, reduziert und transformiert, unterläuft sie den gängigen Schematismus der Geschlechterdifferenzierung. Nicht Undine, sondern Susan Philipsz singt.
Abbildungen (von oben nach unten):
Kris Martin, Installation "Mandi III" in der St.-Johannes-Evangelist-Kirche
Ruine der Johannesbasilika in Ephesos/Selçuk, Türkei
Gusseiserne Grabstelle auf dem Garnisonfriedhof, im Hintergrund die Installation von Susan Philipsz
Genius im Segmentgiebel einer Grabstele auf dem Garnisonfriedhof
Max Glauner, 08.06.06 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor
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